Morgenlese XVIII

Wer in der legendären Schlange vor dem Berghain steht, hat gewöhnlich viel Zeit. Etwas verkürzen kann man diese Zeit mit diesem umfassenden Geschichtsartikel über das Berliner Technoturbinenhaus und -wallfahrtsort: The Berghain Backstory: Building Berlin’s Most Legendary Nightclub.

Zum Oettinger-Pflichthomoehe-Skandal äußert sich Journelle, die auf der Veranstaltung anwesend war (und auch schon Oettingers Erntgleisungen live getwittert hatte): Politische Korrektheit ist nicht das Problem.

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt.

Und noch etwas, was ich gerade am eigenen Leib, in Form immer schlechter werdender Augen, erfahre: die Netzpiloten fragen Macht die Arbeit am Computer krank? Ob es sinnvoll ist, diese Frage auf einer nicht gerade augenschonenden weiß-auf-schwarz-Website zu fragen lasse ich mal dahingestellt sein, ich mag es ja auch immer noch. Ansonsten kann ich nur warnen: werdet nicht Webentwickler, sondern Grubenarbeiter oder Testpilot, das sind wirklich sicherer Berufe…

Bild: Parker Byrd

Das fahrende Büro

Wenn mir mittags im Büro der Hipsterbart juckt, setze ich meinen Hipsterhut auf und ziehe meine Hipsterjacke an, springe auf mein Hipsterklapprad und fahre schnell zum zwanzig Kilometer entfernten Park&Ride-Parkplatz, wo mein mobiles Elektrovan-Büro auf mich wartet.

Es gibt bestimmt tausend Gründe, sich ein in einem Van eigebautes Büro zu zulegen. Damit kann man beispielsweise prima auf dem Starbuxparkplatz arbeiten, falls die da draußen Wifi am Start haben. Genial.

The Lava Field

Island. Dort im dunklen, dunklen Island, werden die bösen ungeliebten Verwandten des skandinavischen Krimis produziert. Ein isländischer Krimi ist grundsätzlich von folgenden Eigenschaften geprägt:

  • es ist immer kalt, arschkalt sogar, es regnet oder schneit zu 99,9% und das Licht ist immer wie an einem diesigem Februartag
  • dafür kennen isländische Film- und TV-Produktionen keinerlei Beleuchtung
  • der Ermittler kennt alle an der Handlung teilnehmenden Figuren persönlich (ja Island ist klein)
  • alles ist getränkt von einer ungreifbaren Hoffnungslosigkeit, am Ende sterben alle, oder der Ermittler wird verhaftet

Dieses Setting verleiht dem isländischen Krimi an sich und The Lava Field (so heisst die Miniserie bei Netflix, bei Arte lief sie einfach unter „Lava”) im Besonderen dieses düstere und gleichzeitig familiäre Ambiente.

Helgi Runarssonan, unser Ermittler, vielleicht wird er am Ende verhaftet? Helgi also hat sowieso schon schwerwiegende psychische Probleme, leidet unter traumatischen Kindheitserfahrungen ebenso, wie unter dem Tod seines Sohnes. Und dann soll er auch noch dort einen Mord aufklären, wo er selbst als Kind gefoltert wurde. Alles andere ist voll und ganz isländischer Krimi. Man muss die Helligkeitswerte seines TV hochdrehen, um überhaupt mitzubekommen, wer gerade wen verprügelt oder ermordet. Im Zeitlupentempo schleppt sich Helgi mit Kollegen Gréta durch die Ermittlung, die isländische Gletscherlandschaft und durch Helgis Therapiestunden. Aber Helgi kreist seine Gegner immer weiter ein und lockt sie schließlich aus der Reserve. Ja und dann sterben alle…

Das hört sich negativ an? Ist es nicht. Ich weiss die meisten Mensche lieben es eher, wenn links und rechts des permanent rennenden Protagonisten die Autos in die Luft fliegen, ich kann mich vor Spannung aber kaum noch auf der Couch (sic!) halten, wenn es eben nicht so ist. Helgi Runarssonan ist genau mein Mann. Und dieser unendliche Pessimismus der dem isländischen Krimi inne wohnt, ist mein Freund. Und sowas kann ich nur wärmstens weiterempfehlen.

Bild: Ivars Krutainis

Morgenlese XVII

Im Freitag macht sich Katharine Viner Gedanken über Die Wahrheit in Zeiten des Internets, was nicht nur eine lustige Referenz an die Liebe in Zeiten der Cholera ist, sondern schon im Titel das Internet (mglw. unbeabsichtigt) abermals in die Ecke der ansteckenden Krankheiten stellt. Insofern ist der Inhalt besser als der Titel ahnen lässt. Zunächst stellen wir fest, dass im Internet leider viel Fehlinformationen verbreitet werden und dann der Frage, wer uns hier noch retten kann. Ach schön war die Zeit:

Für gewöhnlich gibt es zu einem Thema mehrere Wahrheiten, die miteinander in Widerspruch stehen, aber in der Ära der Druckerpresse haben die Wörter auf einer Zeitungsseite die Dinge fixiert – ob sie sich letztlich als wahr herausstellten oder nicht. Der Information kam eine gewisse Autorität zu, zumindest bis der nächste Tag ein Update oder eine Korrektur brachte, und wir alle gingen bis zu einem bestimmten Punkt von denselben Fakten aus.

Das ist heute leider nicht mehr so. Und auch das Internet hat (am Scheideweg) die falsche Abzweigung genommen:

Von Redakteuren ausgesuchte Inhalte wurden in vielen Fällen durch einen Informationsstrom ersetzt, der von Freunden, Kontakten und Familienangehörigen mitbestimmt und von geheimen Algorithmen verarbeitet wird. Die alte Idee eines weit offenen Netzes, in dem Hyperlinks von Seite zu Seite ein nicht-hierarchisches und dezentralisiertes Netzwerk aus Informationen schaffen, wurde weitgehend durch Plattformen ersetzt, die darauf ausgerichtet sind, dass man seine Zeit innerhalb ihrer Mauern verbringt.

Überhaupt wird derzeit über das Schicksal der (Tages-)Zeitungen und Onlinemedien viel diskutiert. In Folge der Behauptung, die Presseverlage hätten statt auf Newswebsites weiter auf Print setzen sollen1, und dem Anwurf, der große Fehler der Verlage war die defensive Strategie, stellt Damon Kiesov fest: Newspapers are failing the product solution stack test. Zusammengekürzt auf den Kernsatz:

Our guide star is often an internal business need, not an external customer need.

Das schöne an dem Text: in ihm ist das Ende der Zeitungen und Onlinemedien noch nicht beschlossene Sache.

Trio (Krawinkel, Behrens, Remmler, Bild: CC BY-SA 3.0 - Privatfoto)
Trio: Krawinkel, Behrens, Remmler (Bild: CC BY-SA 3.0 – Privatfoto)

Zum Schluss noch eine Verbeugung vor dem großen Mann von Großenkneten, also vor Stephan Remmler, dem das FAZ Feuilleton ausdrücklich freundlich zum 70ten gratuliert. Da, da, da, das war eine Revolution für uns seinerzeit, das Rhythmus-Preset „Rock-1“ des Casio VL-1 hat ein Stück weit unser Leben verändert, wir hatten ja nichts damals, so sehr, dass wir sogar später Keine Sterne in Athen aushalten konnten. Also happy börsday Stephan und schöne Grüße von Sabine.


  1. Absichtliche inhaltliche Verkürzung 

Adam P. – Shake It

Aus den ganz frühen Tagen meiner Vinylsammelleidenschaft (1996) stammt dieses Kleinod, das eben so housig wie mainstreamig daher kommt.

Adam Piastowski sampelt sich hier so durch den 80er Jahre New Wave Mainstream, dass es irgendwie schon weh tut. Die Bongos sind beispielsweise direkt bei den Schleimern vom Spandau Ballet entliehen. Aber egal, geht in die Beine. Stadtfestkompatibel.

Morgenlese XV

Noch in Morgenlese XI wurde vor Botnet-Attacken durch fehlkonfigurierte IoT-Geräte gewarnt, schon ist wird die Sache ernst: Hacked Cameras, DVRs Powered Today’s Massive Internet Outage. Speziell eine IP-Kamera eines chinesischen Herstellers wird wohl mit offenem SSH- und Telnetzugang ausgeliefert, geschützt durch ein Standardpasswort. Well done.

Einer der Teamwitze während des Relaunches von ZEIT ONLINE war ein Zitat des Lego-Batman: „I only work in black. And sometimes very very dark grey.“ Was an unterschiedlichen Grautönen an Schrift- und Hintergrundfarben aus dem Design kam, regte oft zum Lachen an, musste leider oft korrigiert werden. Unsere Ansicht: Designer wollen möglichst helle Grautöne. Leider ist das ein Designtrend, der das Web schlechter lesbar macht.

Und zuletzt eine schöne Sonntagsmorgenlesegeschichte, die mir Freund Arne extra für diese Linksammlung weitergeleitet hat: wie man in Whats-App-Accounts einbricht, in dem man eine wirklich dämliche Sicherheitslücke ausnutzt, mit ein wenig (social) phishing. Hrrmmmpf.