Neue HTML-Tags und Attribute für das Urheberrecht

Pünktlich zum Ende des 1. Quartals 2019 hat die Web Hypertext Application Technology Working Group (WHATWG) ihre Vorschläge für neue HTML-Tags vorgelegt. Dabei will die WHATWG, die sich schon lange um das Copyright ihrer eigenen Standards bangt, die kürzlich im EU-Parlament beschlossene Reform des Urheberrechts unterstützen und die nun angeblich nötige weltweite Einführung von Uploadfiltern vereinfachen bestenfalls sogar überflüssig machen und so „letztlich das Internet retten“, wie die WHATWG Steering Group bekannt gab.

Neue Auszeichnung kennzeichnet erlaubte Inhalte

Helfen sollen dabei die Einführung eines gänzlich neuen Tags, das zur Markierung satirischer Äußerungen genutzt werden kann. Mit <satire> ausgezeichnete Texte sollten sich leicht von jedem Uploadfilter erfassen lassen und dann dort entsprechende Berücksichtigung finden, also ignoriert werden. Kritiker hatten immer wieder ausgesagt, Uploadfilter könnten unmöglich den künstlerisch inhaltlich korrekten Gebrauch von urheberrechtlich geschützten Werken automatisch erkennen. Das neue Tag hilft hierbei nun. „Immer mehr Autos würden an ihren vier Kanten mit kleinen Funkfeuern ausgestattet, um den künstlichen Intelligenzen in selbstfahrenden Autos das Rückwärtseinparken zu erleichtern.“, so die WHATWG in ihrer Presseerklärung. „Wir helfen nun beim Einparken im Internet.“, heisst es dort weiter.

<p>Ich halte es dabei mit Isaac Newton, der ja <satire>schon 2001 gesagt hat, man solle nicht alles glauben, was im Internet steht</satire></p>

Mit Browserherstellern wurde abgesprochen, für mit dem <satire> ausgezeichneten Text, standardmäßig kursive Schrift einzusetzen. Durch setzen des optionalen type-Attributs sollen dann alternative Schriftbilder genutzt werden können, beispielsweise…

  • Frakturschrift für <satire type='old'>
  • spiegelverkehrte Schrift für <satire type='political'>
  • weiße Schrift auf weißem Grund bei <satire type='real'>
  • und die völlige Unlesbarmachung durch Buchstabenvertauschung bei <satire type='brexit'> bzw. <satire lang='en-GB'>.

Attribute für Bilder und Videos machen Uploadfilter womöglich überflüssig

Noch mehr Durchschlagskraft verspricht sich die Gruppe der Standardautoren allerdings von neuen Attributen, die an Medienauszeichnungnen wie <img>, <audio> und <video> notiert werden können. Mithilfe von satire="[(start/stop),]"und remix="[(start/stop),]" soll auf legale Nutzungen von Fremdwerken innerhalb bspw. von Videos hingewiesen werden können. Zusätzlich sollen mit euillegal="[(start/stop),] kopierten Inhalte in ansonsten im Sinne der Richtlinie sauberen Daten ausgezeichnet werden können, was dann Webseiten in der EU direkt herausfiltern können, während das Werk in anderen Ländern, beispielsweise im Rahmen des sogenannten fair use unangetatstet bleiben kann. Hier baut die WHATWG auf die guten Erfahrungen, die man in den USA mit dem Atrribut parentaladvisory gemacht hat, mit dem schon seit Jahren Audios und Tonspuren von Youtube-Videos überpiept werden.

„Die Welt ist bereit“

„Wir brauchen Standards, um die Entwicklung eines free open source software world wide web (fosswww) vorantreiben zu können“, sagt jemand von der WHATWG dazu. Das mit den neuen Tags und Attributen Schindluder getrieben werden könne glaubt er hingegen nicht. Vielmehr ist man der Ansicht, „dass die faire und entspannte Debatte bei der Entstehung der europäischen Urheberrechtsrichtlinie schon gezeigt hat, dass die Welt nun für künstlich-intelligente und alternativfaktische Lösungen bereit ist.“

Nun dreht die CDU ganz durch

Überraschung: die CDU will nun die Uploadfilter angeblich „verhindern“ bzw. „überflüssig machen“…

Nachdem man erst versucht hat, Gegner der Reform als schlecht- oder falschinformiert zu verniedlichen, dann als Werkzeuge („Bots“) böser Internetfirmen und dunkler Interessenvertreter zu verleumden, dann zu verarschen (Verschiebung der Abstimmung), versucht sie es nun mit einer Umarmung. Nach all den Nebelkerzen (keine Uploadfilter) und Falschbehauptungen (nur Youtube betroffen), lässt man jetzt quasi eine Nebelbombe platzen und beansprucht das framing (yet again) Uploadfilter-Verhinderer zu sein für sich.

Gleichzeitig will man aber erstmal im EU-Parlament für die Reform stimmen, ist ja logisch.

Dieser faule Kompromiss zeigt nur ein weiteres Mal, wie inkompatibel die Politik den modernen Formen der Meinungsbildung von heute gegenüber steht und wie unfähig man ist, sich kritisch mit den eigenen Positionen auseinander zu setzen. Weil eben bilaterale Absprachen (Deutschland/Frankreich) und das Interesse von Lobbyisten (Springer) wesentlich mehr wiegen, als der als lästig empfundene Wille der Wähler oder ein abstrakter europäischer Gedanke.

Und alles was die CDU am Ende noch aufzubringen weiß, sind miese Hinhaltetricks und leere Versprechungen, die dem Niveau einer Geschäftsordnungsdebatte im CDU-Ortsverein von Kleinkleckersdorf entsprechen. Während man erstmal im Parlament zustimmt (um Lobby und Absprachen zu bedienen), will man hinterher bei der nationalen Ausgestaltung auf die bisher als undiskutierbar bezeichneten Punkte nun doch verzichten. Die Hoffnung dahinter ist natürlich wie immer: bis dahin beruhige sich die Diskussion schon, solange hält der Protest nicht an und es fliesst bis dahin noch viel Wasser Rhein, Elbe und Donau hinunter, und andere Themen sind dann viel wichtiger. Später wird man sich dann immer damit herrausreden können, wie die anderen EU-Staaten die Sache umsetzen und man habe ja wirklich alles versucht, aber ihr wisst schon, so ist das nun mal heute und es geht eben nicht anders. Zumal man mit dem sogenannten Kompromiss nur auf die Positionen zurück geht, die man a) vor dem Eingriff der Kanzlerin eh schon hatte bzw. b) von der SPD bereits vorgeschlagen waren, aber von Axel Voss abgelehnt wurden. Und wie immer wird von allen ignoriert, dass es natürlich nicht nur um die Uploadfilter, sondern eben auch um das grausige Leistungsschutzrecht geht.

Um es auf den Punkt zu bringen: hier sind Leute am Werk, die von der Materie kaum etwas verstehen, ideologisch nicht über die eigenen Nasenspitze hinaussehen können und die Proteste allenfalls so ernst nehmen, wie wenn zu Hause der Sechsjährige morgens nicht zur Schule will und auf dem Boden liegt und strampelt. Oder anders: die halten uns wirklich für blöd. Wir sollen nun zufrieden sein mit einem im Hinterzimmer ausgehandelten Kompromiss, der allem widerspricht, was man vorher behauptet hat. Plötzlich soll eine Lösung auf nationaler Ebene den ach so bösen internationalen Internetkonzernen standhalten können, wo es doch angeblich vorher nur mit vereinter europäischer Macht ging. Dabei haben wir es hier mit Leuten zu tun, die nicht mal vor dem Bruch eines öffentlich ausgehandelten Koalitionsvertrages zurückschrecken. Und genau denen soll man nun Versprechungen und Lippenbekenntnisse abnehmen.

Geht zur Demo.

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Lost in 3rd Party

“Sag mal, warum wird eigentlich auf unserer Seite Roboto.woff von einem fremden Server geladen, wenn man auf den “Feature-A-Button“ klickt? Der fremde Server hat doch mit Feature A überhaupt nichts zu tun. Und vor allem wird da weit und breit kein Roboto-Font benutzt!”

“Ja, alsooooo… hm… chrchrchrchrchr…………”

“………”

“Alsooooo… das besagte 3rd-Party-Script lädt mit sich eine app.js nach und diese lädt ein app.css, das netterweise Fonts für unsere Website sozusagen global definiert, eben auch die Roboto…“

„Ja, aber die würde doch nur geladen, wenn sie benutzt würde, was wenn ich das richtig erinnere nur passiert, wenn man das Popup der 3rd-Party aufruft.“

„Richtig. Aber in unseren Videos, die in einem iframe laufen, wird ein kleines HTML mit viel CSS und Javascript geladen, dass Funktionen zur Steuerung der Werbung bereitsstellt. Und dort wird ein Fontstack Roboto, Arial, Helvetica, sans-serif verwendet. Das war wohl so gedacht, auf verschiedenen Geräten immer den Standardfont darzustellen, auf Android-Telefonen also Roboto.”

“Das ist ja ganz schön blöd, dass sich dieses 3rd-Party-Gewämse gegenseitig beeinflusst, hätte man das nicht anders machen können?”

“Tja, die eine 3rd-Party könnte einfach darauf verzichten, für ihren fast nie sichtbaren Sch… auch noch Webfonts zu benutzen. Oder die Werbefritzen hätten font-family: sans-serif; schreiben können, um überall den Standardfont zu treffen… Aber so ist da eben, wenn man die Kontrolle über die eigene Website abgegeben hat.”

Kein Krebs

Am 26.08.2013 ist Wolfgang Herrndorf gestorben. Fünf Jahre und einen Tag später, muss ich zum Arzt.

Kein Hirntumor, quasi das Gegenteil. Aber mein Vater hat erst vor Jahren den Krebs besiegt und hält ihn seitdem in Schach. Also eine Vorbelastung. Trotzdem habe ich vier Jahre gebraucht, mich untersuchen zu lassen. Ich bin einfach zu empfänglich für diesen speziellen Hitchcock-Horror, der sich einstellt, wenn man auf das Ergebnis einer Untersuchung warten muss.

Wenn ich meinen Vater ansehe, fühle ich mich sowieso immer wie der kleine Junge in den Siebzigern und Achtzigern, dieser Hüne von Mann mit diesen Händen groß wie zwei Bratpfannen. Der Krebs hat ihn schrumpfen lassen, oder vielmehr die Operation. Trotzdem ist das Gefühl noch da: das werde ich niemals schaffen. Da vermischt sich viel.

An so einem Tag, nachdem der Professor zu einem sagte: „Ja, ist vergrößert, aber das darf in ihrem Alter“, da kann man so viel nachdenken. Beispielsweise über die schlampige Grammatik mit der deutsche Professoren ihre Patienten beglücken, oder darüber, dass mir in letzter Zeit immer öfter irgendetwas erlaubt wird, wegen meines Alters. Ein alter weißer Mann? Ich? Achgottogottogott! Und natürlich an Wolfgang Herrndorf. Was man wohl alles noch schreiben könnte, nach einer negativen Diagnose.

Gestern dann der Anruf, pünktlich zur vereinbarten Zeit. Schweiß auf der Stirn. Ganz lapidar: nein, alles in Ordnung. So in Ordnung, dass in zwei Jahren die nächste Vorsorge anstünde, ich soll aber in einem Jahr wieder kommen, wegen meines Vaters.

Herrjeh, in einem Jahr kann man ja so viel Quatsch zusammendenken. Das wird ein Horror.

Foto von Herson Rodriguez

Das Social-Media-Drama

Ich habe mich quasi von Facebook entfernt. Und nun auch Du, mein Twitter.

In Scharen laufen Leute mit Rückrad zu Mastodon über, da gerade Twitters Maßnahmen gegen API-Nutzerinnen voll durchschlagen einerseits, vor allem aber, weil Twitter nicht gegen den Verschwörungsnazi Alex Jones vorgehen mag.

Natürlich habe ich einen Mastodon-Account, schon seit letztem Jahr, aber nicht ganz ohne Grund, war da bisher nicht viel los. Facebook, Twitter, whatever, das ermüdet mich alles immer mehr. Ist es das Alter, dass mich von so jugendlichen Trends wie Snapchat oder Instagram? Obwohl ich war ja schon auf Instagram, als ihr jungen Hüpfer noch… ach, lassen wir das. Vielleicht langweilt mich social media aber auch einfach, so wie lineares Fernsehen und all die anderen Dinge, die uns vom Leben abhalten.

Next level shit…

Der Vergleich mit dem Fernsehprogramm der alten Tage ist gar nicht so weit hergeholt, finde ich. „Fernsehen macht dumm“, haben meine Eltern immer gesagt, ich habe das aber nie geglaubt. Weil, als ich Kind war, es nur drei Kanäle gab, mein eigener Fernseher noch schwarz-weiß war und erst zur Adoleszenz das Kabelfernsehen kam und damit RTL und SAT1. Ab dieser Zeit kann man wirklich von Verdummung sprechen. Oder eher Abhaltung vom Lernen. Durch die dauernde Wiederholung, die statische Lebensausrichtung beispielsweise von TV-Serien. Ist ja lustig, dass ich alle Folgen von MacGyver (muss ich das verlinken?) gesehen habe, aber ein allwissender Bastelguru bin ich davon nicht geworden. Eher hat mich die alternative Realität von der echten abgehalten. Was in Maßen sogar sinnvoll sein kann. Beispielsweise hält mich Netflix heute von der nahezu unerträglichen Realität des Bahnpendelns tagaus tagein ab, leider aber auch davon, die Zeit beispielsweise zum Bloggen zu nutzen.

Ebenso wie einst die Fernsehserien, ist es heute social media, was uns abhält, möglicherweise vom Leben, ganz sicher aber von einem vernünftigen, reflektierten Medienkonsum. Scheiße auf einem neuen Level. Statt wenige Dinge am Tag zu lesen, verkürzen wir auf von anderen zusammengefasste kurze Tweets über Dinge, die man hätte selbst lesen können. Und dann schnell noch retweeten… so hab ich ja früher studiert: Copyshop statt Lesestunde. Hat nicht so gut geklappt. Heute steht dafür meine unendlich lange Leseliste bei Pocket. Ein ungelesenes Mahnmal schlechten Medienkonsums. Oder mein ausgetrocknetes Blog, dass früher mein Ort der Reflektion war. Wo ich bestimmt habe, wen ich wann lese und verlinke und bespreche, kein Algorithmus.

Wieviele Stunden…

…habe ich in Facebook versenkt, auf der Suche nach den alten Freunden vergangener Zeiten und dem Wunsch an ihrem Leben teilzunehmen. Und wie schwer war es, sich dem zu entziehen. Doch Facebook benutzt diese Stunden, um mich mit Werbung zuzuballern und lernt meine Bedürfnisse dabei immer genauer kennen, eine Art Teufelskreis des Marc Zuckerberg.

Twitter hat hingegen eine andere Taktik herausgebildet, denen vom amerikanischen Präsidenten über Verschwörungsnazis wie Alex Jones bis hin zu den Trollhorden der Armleuchter für Deutschland alle dienlich sind: dem Verbreiten schlechter Stimmung.

Und irgendwie reicht mir das jetzt einfach.

Foto: Jose Aragones

DSGVO im Supermarkt

„Hallo, darf ich sie nach ihrer Postleitzahl fragen?“

Die Kassiererin fragt freundlich, meiner vor allem von mir hochgeschätzten Meinung nach aber ein wenig zu bestimmt.

„Das ist ja an sich schon eine Frage.“

Ha!

„Da muss ich mal gleich zurück fragen, speichern sie dieses Datum personenbezogen?“

Ich antworte in leicht aggressivem Tonfall. Es tritt eine kurze Pause ein.

„Hier auf der Kasse steht nur, dass ich sie nach der PLZ fragen soll, ansonsten habe ich keine Ahnung.“

Die Kassiererin ist bereits in der Defensive.

„Wenn sie mir die Zahl nicht sagen wollen, sagen sie doch einfach 12345, das machen viele Leute.“

Na, das ist ja super. Erst fragt die Tante nach der PLZ, jetzt will sie mein Passwort.

„Auch noch falsche Daten erheben wollen? Ich will eigentlich nur sehen, wie und wo sie meine Postleitzahl speichern, und ob sie die Daten mit anderen persönlichen Daten, bspw. meiner Kontonummer korrellieren. Wer ist denn bei ihnen hier der Datenachutzbeauftragte?“

Sichtlich verunsichert drückt die Kassiererin einen Knopf an ihrem Pult. An der Nachbarkasse leuchtet das Nummerschild grün auf und die Stimme, die schon den Selbstzerstörungsmechanismus in Spaceballs gesprochen hat, verkündet laut: „Wir öffnen Kasse Zwei für Sie!“. Meine Kassiererin greift das Mikro neben der Kasse und brüllt hysterisch hinterher: „Probleeeemfall an Kasse Eins, Sabiiiiiiine kommen Sie mal?“ Die Datenschutzbeauftragte scheint eine ehemalige sowjetische Speerwerferin zu sein.

„Wie kann ich helfen?!“

„Sie wollen meine Postleitzahl speichern und bevor ich dazu meine Zusage erteile, würde ich gerne die nötigen Informationen haben, um eine informierte Entscheidung treffen zu können, ob mir das alles so gefällt.“

Wie aus dem nichts zieht die Datenschutzbeauftrage eine beidseitig bedruckte Kassenbonrolle unter dem Tresen hervor, bestimmt vom Durchmesser einer Klorolle. „Datenschutzerklärung“ steht ganz oben an.

„Sie können sich so lange zum Lesen in mein Büro setzen, Kaffee gibt‘s am Automaten.“

„Ach, ist schon gut, ich unterschreib das schnell, kennt man ja, was da drin steht.“

Ich rolle schnell die ersten Meter der Rolle ab und überfliege den Text in 8pt.

„So so, sie nutzen hier auch Youtube-Videos, ach die Speicherung meiner Kontonummer ist zur Abwicklung von Kartenzahlungen ein berechtigtst Interesse, soso, alles klar, Autokennzeichen wird auf dem Parkplatz erfasst, Angabe meiner Adresse, Sozialversicherungsnummer, ich kaufe einen Sechs-Gang-Ralley-Toaster… das sieht ja alles ganz ok aus. Wo soll ich unterschreiben?“

„Da unten wo ‚erstellt mit dem Datenschutzerklärungsgenerator‘ steht.“

Ich unterschreibe und mache mich schnell auf den Weg zum Ausgang, da ruft die Speerwerferin hinter mir her:

„Und ihre Postleitzahl?“

„1234 füüüüüühüüüüüünpf!“