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Die Bahn macht Platz

Das neue Reservierungssystem in Regionalzügen

Einigermaßen heimlich ist die Bahn in meiner Region gerade dabei, eine Art Reservierungssystem in Regionalzügen einzuführen. Und weil das wie alles was die Bahn macht, irre kompliziert ist, muss man bevor man sich aufregt, erstmal erklären, wie man sich das vorzustellen hat:

*Reisende in Regionalzügen können in Zukunft Sitzplätze reservieren, entweder einzeln vor einer Fahrt (Preis: 1 Euro) am Automaten oder wenn man Abo-Kunde der Bahn ist, für ein ganzes Jahr (40 Euro, auf einzelnen Strecken auch gratis) auf einer speziellen Website. Wie eine Einzelfahrtreservierung funktioniert kann man sich noch vorstellen, interessant ist die Jahresreservierung: man muss je einen Zug zur Hin- und Rückfahrt auswählen, freitags darf die Rückfahrt davon abweichen. In den Zügen werden Teile einzelner Wagen als Reservierungsbereiche markiert, dort befinden sich dann die entsprechenden Plätze.

Soweit zur Erklärung. Wer sich ein wenig mit Pendlerverkehr bei der Bahn im Allgemeinen und jenem im Hamburger Umland im Besonderen auskennt, wird eingestehen, dass es eine Vielzahl von Problemen in diesem Bereich gibt. Viele Ärgernisse, Dinge die Menschen sprichwörtlich in den Wahnsinn treiben und die Bahn letztlich Kundschaft kostet.

Defekte Zuganzeigetafel
Es klappt aber auch nichts… © 2017 couchblog.de

Statt Pünktlichkeit und WLAN

Das neue Reservierungssystem löst davon genau keines. Nein, auch wenn die Bahn behauptet, in vielerlei Umfragen hätten sich die Kunden genau das gewünscht, ist es doch eher geeignet, zu einem weiteren Ärgernis auf der täglichen Fahrt zur Arbeit zu werden. Ich persönlich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass gerade das das meistgewünschte Feature in den jährlichen Bahnumfragen gewesen ist. Jedenfalls nicht bei Pendlern (wie eine nicht repräsentative Umfrage eben im Zug ergeben hat). Da werden so völlig unerfüllbare Wünsche wie Pünktlichkeit, WLAN oder eben, dass überhaupt mal ein Zug fährt, vorne gelegen haben. Aber, natürlich fahren morgens auch ein bis fünf Nichtpendler auf der Strecke, die die Umfrageergebnisse möglicherweise verfälscht haben.

In diesem Zusammenhang möchte ich zudem laut anzweifeln, dass es die Bahn überhaupt schafft, eine konstante Wagenreihung auf meiner Strecke hinzubekommen. In den letzten 12 Jahren war das jedenfalls eine schier unlösbare Aufgabe. Vielmehr ist das bisher eher ein russisches Roulette, die Wagen sind halt irgendwie aneinander gereiht und es fehlen auch regelmäßig einzelne Wagen oder ganze Zugabschnitte. Dann wurde es bisher einfach nur sehr eng, der Holsteiner nennt das „gemütlich“. In Zukunft bricht dann aber erst am Bahnhof die Suchpanik aus (wo ist meim Wagen/Abteil?), die sich dann im Zug fortsetzt (wo ist mein Platz, warum ist der besetzt?). Es wird also schon eine schöne Aufgabe werden, seinen reservierten Platz überhaupt zu finden. Wenn er denn da ist. Und das alles bei verspäteten und überfüllten Zügen.

Es sollen aber weiterhin genügend Sitzplätze zur freien Wahl stehen, versichert ein Bahnsprecher. „Wir haben nur einen kleinen Teil der Sitzplätze mit Reservierungsnummern ausgestattet. Wenn alle vergeben sind, ist Schluss.“ ln-online.de

Das zumindest ist eine glatte Lüge. Tatsächlich fährt seit einigen Tagen ein Doppelstockwagen mit oben erster und unten zweiter Klasse weniger zwischen Lübeck und Hamburg. Hier scheint man den Fahrplanwechsel am ersten bzw. die Einführung des Reservierungssystems auf der Strecke am zehnten Dezember, schon einmal vorzubereiten.

Klassenkampf

Das führt derzeit vor allem in der 1. Klasse zu einem Kampf um die Plätze, die zuletzt Zusteigenden in Bad Oldesloe schauen seit ein paar Tagen in die Röhre. Wen wird es da wundern, wenn sie die ersten sind, die auf das neue Angebot der Bahn eingehen und reservieren. In der 2. Klasse ist die Situation nicht anders, hier sind prozentual aber nicht so viele Plätze reservierbar, wenn ich das richtig beobachtet habe. Ob man nun aber erster oder zweiter Klasse steht, ist am Ende scheißegal.

Als würde das nicht schon reichen, kommen noch die üblichen Verwaltungsfallen hinzu, die es immer gibt, wenn die Bahn etwas einführt oder ändert. So ist es sowieso schon ein Euphemismus, von einem „Reservierungssystem“ zu sprechen, ein System steckt ja eigentlich nicht dahinter. In den Zügen wurden und werden beispielsweise keine elektronischen Reservierungsanzeigen angebracht, sondern nur Platznummern an allen Plätzen und zusätzlichen Aufkleber in den sogenannten Reservierungsbereichen. Der Fahrgast mit Reservierung muss also immer einen anderen Fahrgast ohne Reservierung vertreiben, da ja nicht ersichtlich ist, ob ein Platz reserviert ist oder nicht. Nun sagt das bekannte holsteinische Sprichwort: „Beim Geld und beim Pendeln hört der Spaß auf“, lautstarke Streitereien bis hin zu Handgreiflichkeiten sind also vorprogrammiert, schließlich hat man hat ja morgens eh immer schlechte Laune. Zusätzlich ist man mit seiner Jahresreservierung morgens und abends an einen bestimmten Zug gebunden, Freitag nachmittags darf man dann einen anderen zur Rückfahrt aussuchen. Wer sich das ausgedacht hat, hat von modernen Arbeitszeitregelungen garantiert noch nie gehört oder jemals auch nur darüber nachgedacht. Bei ca. 40 bis 50 reservierbaren Plätzen pro Zug, werden diese also vor allem eins: leer bleiben.

Und noch ein Umstand pisst mich persönlich auch ziemlich an: reservieren können nur Menschen die eine Einzelfahrkarte kaufen und solche, die eine Monatskarte der Bahn im Abo besitzen. Wer auf der Strecke also mit HVV-Monatskarte oder -ProfiCard (demnächst -ProfiTicket) unterwegs ist, bleibt vom System ausgeschlossen. Und das dürfte die ganz große Mehrheit der Nutzerschaft sein. In Zukunft werde also immer weniger Plätze in Regionalzügen auch noch freigehalten für Kunden, die niemals kommen. Das verspricht doch von Anfang an ein voller Erfolg zu werden.

Nico am 10. Dezember 2017