24 Rants

Der Rantventskalender
im Couchblog

Obacht Eilmeldung!

Schnell, schnell, schnell

Ach liebe Leute in den deutschen Newsredaktionen, die Sache mit den Eilmeldungen, da haben wir doch schon so oft drüber diskutiert. Ich hab da so meine Bedenken, gegen das Gepusche im Allgemeinen und die Eil, wie es mancherorts liebevoll genannt wird im Besonderen. Klar, wir wollen alle superschnell informiert werden (wollen wir wirklich?), keine Sau will mehr bis zur Tagesschau am Abend warten. Und alle scheinen sich über das Risiko im Klaren zu sein, das mitfährt, wenn man überall der Erste sein will. Ja, genau, das Risiko heißt Falschmeldung.

Deswegen sind auch circa 30 gefühlte Prozent der Eilpushes die man so bekommt ganz sichere Sachen, die eigentlich gar nicht eilig sind. Beispielsweise das Ergebnis der Gruppen-Auslosung für die Fußball-WM bei den lupenreinen Demokraten in Russland. Nun ja, interessierte Menschen haben wahrscheinlich die Übertragung dazu im Fernsehen gesehen, oder sind einem der unzähligen Liveblogs (darüber müsste man auch nochmal reden, aber ich schweife ab) gefolgt. War ja auch lange genug angekündigt vorher, der Termin. Trotzdem, batsch! das Label eilig drauf und rausgehauen, in zehn Sekunden meldet es vielleicht ein anderer. Und da kommt sie, die Pushnachricht und man klickt drauf und dann steht da…, dass die aktuell zuständige Redaktion auch nicht mehr weiß, als in der Push zu lesen ist, mit dem Versprechen: mehr in Kürze hier. Sie als Leser könnten jetzt so nett sein und rhythmisch den Reload-Button ihres Browsers betätigen, natürlich nur wenn sie keinen Adblocker haben, anderenfalls zeigen wir ihnen solchen Premiumcontent gar nicht erst. Und so macht man das mit Verleihungen (hey, Überraschung, die Oskars werden verliehen) und Gerichtsentscheidungen (oh, überraschendes Zusammentreten des Verfassungsgerichts). Hier wird es dann auch schon langsam gefährlich, denn man will ja nicht falsch melden, hust, hust…

Und dann gibt es richtige Eilmeldungen. Oder solche, die so aussehen als ob. Beispielsweise am Freitag: Sprengstofffund auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt! Ohoho… was, ein Sprengstoffhund? Auf dem Weihnachtsmarkt? Nein, ein Fund! Oha… raus damit! Aber, stellt sich heraus, nur eine Bombenattrappe… puh, diese Islamisten haben aber auch Ideen. Stellt sich weiter raus, die Attrappe war gar nicht auf dem Weihnachtsmarkt, auch nicht davor am Eingang oder so in einem Mülleimer oder irgendwas, sondern wurde abgegeben, in einer Apotheke, in der Nähe des Potsdamer Weihnachtsmarktes. Die Polizei räumte Teile der Innenstadt wegen der Attrappe. Die wie sich weiter herausstellte auch kein gefakter Angriff auf den Weihnachtsmarkt war, sondern, möglicherweise doch explosiv (wieder alles anders), Teil einer Millionenerpressung gegen DHL. Da kann man sich jetzt drehen und wenden, aber der Bombenalarm auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt war eine Ente, die praktisch alle Newsseiten in der einen oder anderen Formulierung rausgepuscht haben. Und dann, entschuldigt man sich bei den Lesern für die Falschmeldung? Keineswegs, stattdessen werden neue Erkenntnisse, auch wenn sie dem vorher verbreiteten widersprechen, wieder als Eilmeldung rausgehauen. Developing story nennt man das und macht einen Liveticker. Und in der Thüringer Staatskanzlei wurde übrigens keine Handgranate abgeliefert. Aber das war dann schon Panikmache.

Also für mich gibt es da nur eine Konsequenz. Pushnachrichten abbestellen. Abschalten, Ausschalten, wegmachen, ruhig stellen. Aufregeung habe ich schon so genug.

Nico am 6. Dezember 2017