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Barrierefreiheit

Ein Gleichnis

Jeden Tag fahren im Schnitt 3000 Fahrgäste vom Bahnhof des kleinen holsteinischen Städtchens Reinfeld. Der letzte Außenposten des Hamburger Verkehrsverbundes ist bei Pendlern sehr beliebt. Allerdings nur wenn sie gut zu Fuß sind, denn Reinfeld hat keinen barrierefreien Bahnhof. Daran hat auch ein Millionen Euro teurer Umbau nichts geändert

Ausgangssituation

Bis Anfang August 2017 muss man sagen, war der Bahnhof in einem wirklich bedauernswerten Zustand. Vom alten Bahnhofsgebäude ist in den Jahren nur eine alte, feuchte und ungepflegte Unterführung geblieben. Ein Kiosk im Gebäude hat schon vor Jahren zugemacht. Eine steile und glitschige Treppe führte hinab in einen dunklen, feucht nassen Gang und wieder hinaus zu den beiden Gleisen. Für Rollstuhlfahrer gab es hier keinerlei Zugang. Leute mit Kinderwagen und ähnlichem Gepäck waren auf Hilfe angewiesen. Ältere und gebrechliche Menschen konnten den Bahnsteig nur unter Anstrengung und meist Fluchen erreichen.

Fast zehn Jahre wurde deswegen schon darüber diskutiert, den Bahnhof endlich barrierefrei zu machen. 2,7 Millionen Euro haben die Bahn und das Land Schleswig-Holstein dafür zusammen ausgegeben. Alles hätte so schön sein können.

Der Umbau

Im August diesen Jahres, nach gut einem Jahr Bauzeit, war es dann endlich soweit: mit viel Tamtam wurde die neue, barrierefreie Fußgängerbrücke über eines der Gleise eingeweiht. Das Betonungetüm geht über das eine Gleis des zweigleisigen kleinen Bahnhofs. Zwei überdachte Treppen und zwei gläserne Fahrstühle führen hoch hinauf zum verglasten Personenübergang, so nennt die Bahn das. Zusätzlich wurden ein paar neue Wartehäuschen aufgestellt und das alte Dach über einem Teil des Bahnsteigs notdürftig repariert. Das alte Bahnhofsgebäude wurde dicht gemacht und ist nun augenscheinlich dem Zerfall überlassen. Der alte Gang wurde zugeschüttet.

Das Ergebnis

Nun im Dezember 2017 ist der Bahnhof Reinfeld wieder in einem wirklich bedauernswerten Zustand. Zwei steile, nun nicht mehr so glitschige, aber dafür viel längere Treppen führen über die Gleise. Dazwischen ein Gang, der in Feuchtigkeit und Unwirtlichkeit seinem Vorgänger in nichts nachsteht, die Verglasung in beschlagen, das Wasser läuft an ihr herunter, jedenfalls im November. Für Rollstuhlfahrer gibt es auch hier die meiste Zeit keinen Zugang. Leute mit Kinderwagen und ähnlichem Gepäck sind auf Hilfe angewiesen. Ältere und gebrechliche Menschen können den Bahnsteig nur unter Anstrengung und meist Fluchen erreichen.

Die Achillesferse Fahrstuhl

Denn die beiden Fahrstühle sind andauernd kaputt. Sie sollten die Garanten der neuen Barrierefreiheit sein, stattdessen sind sie jetzt ihr Hindernis. Seit der offiziellen Eröffnung am 8. August mag es den einen oder anderen Tag gegeben haben, an dem beide Fahrstühle funktionierten, aber das ist die gefühlte Ausnahme. Jetzt wo ich das schreibe, sind sie gerade schon drei Tage am Stück nicht in Betrieb. An beiden Fahrstühlen leuchtet ein stilisiertes Einfahrt-Verboten-Schild, im gläsernen Fahrstuhlschacht blinkt eine Warnleuchte. Seit Tagen.

In dieser Zeit gehen die Rollstuhlfahrer wieder leer aus. Die anderen, die sich nun wieder mit Treppen zufrieden geben müssen, haben es nun noch schwerer. Der einfache Grund: eine Überführung über die Gleise, so hübsch und modern sie auch sei, ist viel höher, als die Unterführung tief gewesen ist. Schätzungsweise sind doppelt so viele Stufen pro Treppe zu überwinden.

Screenshot DB Streckenagent
In der App DB Streckenagent wird regelmäßig gewarnt (aber leider nicht entwarnt).

Das Gleichnis

Irgendwie passt die ganze Geschichte für mich sehr gut zum Thema Barrierefreiheit in der Webentwicklung. Allen Beteiligten war von Anfang an klar, dass ein Bahnhof barrierefrei sein sollte. Was nützen Rollstuhlrampen an Zügen, wenn man mit dem Rolli nicht bis an den Zug kommt? In der Umsetzung hat es das Feature Barrierefreiheit dann aber nur gerade so knapp ins MVP geschafft. Bis zur letzten Sekunde vor der Eröffnung wurde noch an den Aufzügen gebastelt. Und obwohl als Erbauer die renommierte Firma Schindler überall dran steht, waren die Bauzeit über doch nur Autos einer polnischen und einer ungarischen Fahrstuhlfirma vor Ort. Vor allem aber ist so ein Aufzug scheinbar ungeeignet, 24 Stunden am Tag ohne Wartung und Aufsicht in der holsteinischen Taiga ausfallsicher zu funktionieren.

Und genau so läuft es doch irgendwie viel zu oft. Man könnte barrierefreie Seiten bauen, es gibt Browser, Voice-Over und andere Mittel, die sie auswerten könnten, aber irgendwie wird es immer auf die lange Bank geschoben. Und geht dann weitgehend ungetestet live. Wenn überhaupt. Wo es dann viel zu oft nicht funktioniert und so dann gleich die ganze Website unbrauchbar macht. Und wird das alles nicht gepflegt und gewartet, verrottet es blitzeschnell wieder.

Der positive Aspekt zum Schluss

Ebenso wie in der Webentwicklung nimmt man Barrierefreiheit oft auch gar nicht so richtig wahr. Denn etwas hat an dem neuen Bahnhof natürlich auch geklappt: durch weiße Markierungen und Erhebungen im Fußboden werden Sehbehinderte nun durch den Bahnhof geleitet. Zwar führt auch ihr Weg erstmal zum Fahrstuhl, aber von dort auch zur Treppe, wenn nach einiger Zeit klar ist, dass hier kein Fahrstuhl kommt.

Nico am 3. Dezember 2017