Schlechte Aussichten

Schlechte Aussichten

Natürlich, man kann auch noch dieses Wahlergebnis schön reden. Eine Hundertschaft Nazis im Bundestag, eine sich abzeichnende Koalition der Willfährigen, erdrutschartige Verluste bei der SPD, alles nicht so schlimm. Mutti macht weiter, die Reichen sind endlich wieder in der Regierung vertreten, endlich haben die Bayern mal einen Dämpfer bekommen, hurra die Grünen, und alle zusammen gegen Rechts. Wer… bitte… glaubt… denn… daran?!

Stattdessen sehen wir das alte Parteiensystem vor unseren Augen zerbröckeln und die Zuschauer sind gerade raus, Popcorn holen. CSU-Brechreiz Stoiber hat angeblich darüber abstimmen lassen, ob die Fraktion mit der CDU überhaupt weitergeführt werden soll. »Politischer Selbstmord aus Angst vor dem Tod«, nennt das der Trierische Volksfreund und hat so verdammt Recht. Lemmingen gleich wird eine Partei nach den anderen über die Klippe springen, die das Ergebnis der AfD aufgebaut hat. Und da ist die Bundestagsfraktion—allem Horror zum Trotze—noch nicht mal das Schlimmste, sondern eher deren unglaubliches Abschneiden im Osten. Sachsen scheint inzwischen seine eigene Filterblase zu sein, der Osten eine riesige Echokammer, weitgehend abgeschottet von politischer Bildung und die zukünftige Begründung für jeden noch so erschreckende Rechtsruck der Republik.

Die Kanzlerin hat noch gar nicht verstanden, was eigentlich passiert ist. »Ich will aber mit der SPD regieren«, hat die noch kurz aufgestampft, auf Nachfrage wurde dann ein »ich will aber regieren« daraus, egal in welchen Farben. Im Interview sagte sie, sie habe mit einem schweren Wahlkampf mit Angriffen von links und rechts gerechnet. Von links und rechts. In Berlin wissen sie immer noch nicht, wo der Feind steht. Wenn das erste Mal der Hitlergruß im Bundestag gezeigt wird, wird es zu spät sein.

Und dann die SPD. Wer wirklich glaubt, die SPD könne sich erneuern, der hat die letzten 142 Jahre nicht aufgepasst. Das sah man schon am Wahlabend, als Schulz und Nahles Posten für sich beanspruchten, statt ehrlicherweise zurückzutreten. Sie können es einfach nicht, fällt mir da ein Schröder-Zitat ein, aber sind immer noch der Ansicht es besser nicht zu können, als die anderen. Die SPD ist das fleischgewordene Peter-Prinzip, das demnächst in Martin-Prinzip umbenannt werden muss. Was wir von der SPD erwarten können? Ein Wettrennen mit der CSU darum, wer mehr Wähler am rechten Rand zurück fischen kann. Erneuerung, Linksruck? Wohl kaum, denn vor nichts hat die SPD mehr Angst, als vor den Linken. Das gehört zum spezialdemokratischen Erbgut und hat schon mal die Nazis nicht verhindert. Von einer rot-rot-grünen Zusammenarbeit sind wir so weit entfernt wie zu Zeiten als es die DDR und die SED noch gab. Da ändert auch nicht dran, dass die Berater der SPD eine Kur in der Opposition verschrieben haben. Da ist dann ja ausser ihren Erzfeinden von den Linken niemand.

Dort, bei den Linken, müsste mal jemand Sarah Wagenknecht einfangen, die sich schon vor der Wahl gen Osten ausgerichtet hat, mit seltsam rechten Aussagen über Merkels Flüchtlingspolitik. Das hätte Gregor Gysi aber besser in den Griff bekommen. In Scharen sind der Linken die ostdeutschen Wähler abgewandert, ausgerechnet zur AfD. Dort scheint man eben immer noch zu glauben, eine Partei sei wie die andere, ein ernsthaftes Imageproblem.

Und die Grünen? Die Grünen wollen in die Regierung. Als hätte die große Koalition nicht bewiesen, was mit Parteien passiert, die sich in Merkels Umarmung begeben. Sehr trotzig und sehr dumm. Und dann zusammen mit der FDP. Noch dümmer. Unendlich dumm.

Too long; didn’t get it: hier nochmal die Zukunft in drei kurzen Statements:

  • die AfD hat das eingeschliffene Parteiensystem geknackt, herausgekommen ist Weimar light
  • es gibt eine Koalition auf tönernen Füßen und dann bald Neuwahlen, oder gleich Neuwahlen, also Weimar
  • links von Merkel herrscht nur Streit, Uneinigkeit, Wadenbeißertum… Weimar.

Too long; didn’t read: Weimar!

Foto von Joy Stamp auf Unsplash.

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