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Hölle Supermarkt

Träume in der Kassenschlange

Photo by NeONBRAND on Unsplash

Jetzt, so kurz vor Weihnachten, sollten wir noch einmal kurz in uns gehen und über unser Konsumverhalten nachdenken. Wir alle werden dazu viel Zeit finden, wenn wir uns am Samstag vor Heiligabend in die kilometerlangen Schlangen in den Supermärkten dieses Landes anstellen. Ein stressige Situation sowieso und damit genau der richtige Moment, um einmal ordentlich abzuranten.

Den Tante-Emma-Laden kenne ich persönlich ja nur noch aus Erzählungen. Obwohl es in meiner Kindheit—wir hatten ja nichts—nur drei Fernsehprogramme (und Schwarz-Weiß-Fernseher), Wahlscheibentelefone die D-Mark gab, ging man doch auch schon damals im Supermarkt einkaufen, auch wenn damit eine Art Minimarkt an der Straßenecke des Viertels und nicht die gigantischen Gemischtwarenkaufhäuser von heute gemeint waren. Das Prinzip Tante-Emma-Laden kennen wir nur aus seiner zehnfach verteuerten Neuauflage als verpackungsfreie Geschäfte. Dabei war diese Form des Einkaufens einst gang und gäbe.

Der personalsparenden Version des Selbstbedienungsladens haben wir den Grundstein unserer Konsumkultur zu Verdanken. Und das sind durch die Bank ziemlich dumme Dinge. Die Generierung des Lebensmittels als Marke, repräsentiert und beworben durch seine Verpackung, preisoptimiert durch die industrielle Produktion ohne Herkunftsnachweis und den schnellen Abverkauf als Bulkware im Kühlregal, das Prinzip Supermarkt also, ist für die Kernprobleme unsere Gesellschaft verantwortlich. Das beginnt beim Müll, auch wenn wir uns zu Müllsortierer gewandelt haben, sind wir immer noch die Wegwerfgesellschaft, geht über den Niedriglohnsektor und die mangelhafte Bezahlung der Produzenten (weltweit und im eigenen Land), der Umweltverschmutzung durch Transport und Lagerung bis hin zur Ausbeutung und dem systematischen Quälen von Tieren, sowie der Zerstörung unserer Umwelt durch Mittel wie Glyphosat. Alles nur, damit wir zwischen 100 verschiedenen Sorten Scheibenkäse wählen können, die, ich habe das gecheckt, sowieso alle gleich schmecken und noch dazu irrsinnig überteuert sind. Daran kann man jetzt mal kurz denken, wenn man eingefrorene Hirschsteaks aus Neuseeland und Jakobs Ausbeuter-Krönung auf das Kassenband legt.

Ende der 80er Jahre begann ja vielerorts eine kurze Abkehr von diesem Prinzip, als sich die ersten Bioläden in Form von Hofläden etablierten, die anfangs nach dem Tante-Emma-Prinzip aufgebaut waren. Aber heute ist auch dieser Bereich vollständig vom Konsumkapitalismus assimiliert und in große Biosupermärkte umgewandelt, deren Waren ebenfalls aus allen Teilen der Welt eingeflogen werden. Nein, wir werden nicht entkommen, ein Umdenken ist nicht möglich, wir brauchen so viele Blaubeeren die auf Watte gezüchtet wurden und Champignons aus sterilen Kellergewölben und Lachs aus Zuchtstationen in Norwegen, die mehr und besseres Futter bekommen als ein Drittel aller Kinder dieser Erde. Das haben wir uns verdient! Denn Einkaufen gehen ist eine Belohnung in unserem System. Wer genug Lohn bekommt darf Einkaufen was er will, ohne Nachzudenken, man kann doch eigentlich nie zu viel kaufen, auch wenn man am Ende der Woche ein paar Dinge wegschmeißt, weil das Haltbarkeitsdatum bald abläuft. Und man Platz im Kühlschrank braucht für neue frisch aussehende Nudelsäcke. Im Gegenzug verzichten wir dafür aber auch, vor allem auf Qualität. Nein, sorry, Fleischerfachgeschäfte, Bäcker oder Fischgeschäfte mussten leider durch SB-Theken, Shop-in-Shop-Konzepte und Tiefkühltruhen ersetzt werden, schade.

Ich träume hier in der Kassenschlange allerdings immer öfter davon, nicht 10 Kilometer zum nächste Konsumtempel fahren zu müssen, sondern im Laden an der Ecke einzukaufen. Gemüse aus der Umgebung der Jahreszeit angepasst, Äpfel, Kartoffeln, Butter und Milch vom Bauernhof nebenan, ohne Marke und doch kann ich auf die Qualität vertrauen. Tante Emma weiß außerdem was ich mag und hält meine Standardartikel im schon griffbereit. Dabei unterhält man sich noch über Gott und die Welt und wie es im Dorf so läuft und was die anderen Läden diese Woche so im Angebot haben, der Bäcker beispielsweise. Aber das ist nur so ein steinzeitsozialistischer Traum von mir und dann bin ich auch schon dran und die Kassiererin ist genervt und dieses beschissene „Last Christmas“ bimmelt aus der kratzigen Supermarktlautsprecheranlage…

Nico am 11. Dezember 2017