Lange nichts mehr vom Pendeln erzählt, was hauptsächlich daran liegen könnte, dass ich nicht weiß wo anfangen. Die Züge sind zur Zeit voll und zwar so, dass von Genuss keine Spur ist. Erinnern wir uns kurz an die wunderbare Zeit, als die Strecke Hamburg – Berlin gesperrt war: ein Teil der Leute musste deswegen einen Umweg über Lübeck fahren, was freundlicherweise dazu führte, dass der RE Lübeck – Hamburg mit drei aneinandergekoppelten Teilzügen fuhr, um dem Ansturm gerecht zu werden. Der allerdings ausblieb, wahrscheinlich sind die Leute zu Hause geblieben oder noch wahrscheinlicher mit dem Auto gefahren. Wunderbare Zeiten waren das: wer es morgens eilig hatte, konnte den RE8X(press) nehmen, der von Travemünde kommend nach Hamburg fuhr, ohne Zwischenhalt. Wer Zeit hatte und Lust auf etwas Luxus, konnte den kurz später fahrenden RE nehmen und dort den Platz genießen.
Das endete natürlich mit der Wiedereröffnung der Strecke nach Berlin. Die Dreierzüge wurden flugs wieder abgeschafft. Aber irgendwem bei der Bahn scheine ich etwas getan zu haben, denn zusätzlich wurde auch der oben erwähnte Express abgeschafft (und Lübeck gleichzeitig vom ICE-Netz abgehängt, aber das ist eine andere Geschichte). D.h., der Express fährt immer noch in Travemünde los, endet nun aber in HL oder, noch schlimmer, wird mit einem weiteren Wagen zum RE8 zusammengekoppelt. Die Folge dieses Kahlschlags ist, dass sich Lübecker Lokalpolitiker zwar die Medaille anheften können, die Verbindung Hamburg – Travemünde gerettet zu haben (Touristen, juchuu!), leider auf Kosten der Pendler*innen. Das scheint die Rache zu sein für uns Arbeitsflüchtlinge, die Geld aus der Stadt entfernen, statt welches zu bringen wie die Touris.
Apropos Touristen. Die haben zur Zeit natürlich Hochkonjunktur auf der Strecke. Ich habe schon lange keinen Werbespot der Bahn mehr gesehen, scheinbar wird aber immer noch behauptet, dass der Urlaub schon auf der Fahrt beginne. Aber nicht, wenn sie in einem Regionalexpress reisen, verehrtes Publikum. Der großformatige Rollkoffer ist der natürliche Feind des Bahnfahrens in modernen Doppelstockzügen. Es gibt quasi keine Plätze dafür, weder zum Abstellen, noch zum Rangieren. So kommt es zu dramatischen Szenen, wenn Leute versuchen ihren 50kg-Koffer im Gepäcknetz unterzubringen oder wenn sich zwei Kofferträger*innen auf der Treppe begegnen (auf der Leute sitzen, weil siehe oben, es ist voll). Bei der Bahn gibt es keine Handgepäck-Kontrolle, aber sie wäre nötig, schon aus Sicherheitsgründen. Denn Rollkoffer, wenn man sie in den Gang stellt… rollen, Überraschung! Man könnte natürlich die Klappsitze im Fahrradabteil nutzen und den Koffer vor sich festhalten, allerdings…
… die Fahrradabteile sind ja auch regelmäßig überbelegt. Es scheint einen Trend für Rentnerreisen mit dem Fahrrad zu geben, mit dem Elektrorad natürlich. Oma und Opa haben also ihr fahrrendes Gartenhaus aka. Wohnmobil (vollintegriert) verkauft und für das Geld die teuersten und größten Elektrofahrräder gekauft um damit in den Urlaub zu reisen. Natürlich gab‘s beim Luxusbikeversandhandel auch gleich die passenden Gepäcktaschen dazu und alles was vorher im Womo mit herumreiste, hängt jetzt am Gepäckträger. Die Leute sehen aus, als würden sie versuchen schwere Motorräder in den Zug zu schieben und genauso wendig sind sie auch. Vorwärts rein, rückwärts raus, mehr ist nicht drin. Und immer noch zwei Rentner pro Wagen bitte, für weitere Räder ist kein Platz mehr. Vielleicht noch einer der Bromptonpendler, der auf seinem zusammengefalteten Rad sitzen muss, weil die drei Abstellflächen für Gepäck im Zug, mit Rollkoffern belegt sind.
Beitragsbild: RaySawak, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Ich bin schon sehr gespannt, wenn wir mit unseren 50kg-Köffern in Travemünde von der Litauen-Fähre steigen werden und dann mit der Bahn nach Lübeck-Hamburg-Berlin müssen.
Das kommt sehr auf die Uhrzeit an. Die typischen Pendler*innenzeiten empfehle ich zu meiden. 😀
Oh, das war mir gar nicht so klar. Ich bin gerade von HH nach Lübeck gezogen und hatte den Pendelverkehr bisher als eher entspannt empfunden und dachte „wow, hier hat die Bahn ja mal Bedarfsgerecht geplant“. Ich bemühe mich dann eher in Randzeiten zu fahren, wobei die oft mit Schüler- und Kindergartengruppen glänzen.
Ich bin ein einziges mal mit Fahrrad und Kinderanhänger mit diesen Zügen gefahren, eine Vollkatastrophe, klappt nicht, weder mit Aufzug noch in- und aus dem Zug steigen. Wenn ich mir das jetzt mit Rentner vorstelle und 35-40 kg schwere E-Bikes, hihi.
Ich weiß, ich übertreibe gerne, bzw. nehme dann halt auch Einzelfälle als Maßstab, allerdings in den inzwischen rund 25 Jahren Pendelei ist doch schon einiges an Extremsituation eingetreten:
Ich sehe das ja in der Nachschau irgendwie auch sportlich, aber in den Momenten wenn es passiert, bricht für mich immer eine Welt zusammen.