Ich bin am Wochenende zum Thema Rivva Follow vielleicht ein wenig kurz gesprungen, aber einerseits habe ich, vielleicht fälschlicherweise vorrausgesetzt, dass Blogrolls als Technik bekannt sind, und andererseits hier auch schon besprochen wurden. Ebenso verbinde ich persönlich viel Nostalgie damit, also erkläre ich es auch gerne nochmal.
Eine Blogroll ist erst einmal eine Liste von Blogs, die in einem Blog aufgeschrieben wurde und wird, um seinen Besuchern zu zeigen: das sind die Blogs, die ich regelmäßig lese, meine Standardinformationsquellen. Damals™ hatte sowas so gut wie jedes Blog, meist in der Seitenspalte (Beispiel: mein Blog im Internet-Archiv), die auch quasi jedes Blog hatte. Früher™ war bloggen eine Tätigkeit, die sich in mindestens zwei Bereiche aufteilte: Blog schreiben und andere Blogs lesen. Dazu nutze man seinen Feedreader, wo die Liste der regelmäßig gelesenen anderen Blogs zu finden war und das war und ist die Blogroll. Das Veröffentlichen dieser Blogroll (und es gab seinerzeit™ eine Menge Dienste, die einem das abnahmen oder Features hinzufügten) war eine faire Geste, ein Ausdruck des „wir stehen auf den Schultern von Riesen“ Gefühls. Blogs auf meiner Blogroll habe ich wirklich als meine befreundeten Blogs verstanden (und tue es noch), auch wenn ich die meisten Leute dazu gar nicht persönlich kannte. Was ich in diesen Tagen™ auch oft gemacht habe: ich habe die Blogrolls anderer Blogs abgesurft, um für mich neue interessante Blogs zu finden. Das waren ja alles so kleine Netzwerke oder Cluster in einem größeren Netzwerk…
Vor rund einem Jahr habe ich eine längere Abhandlung über RSS geschrieben, da ich das Gefühl hatte, dass diese Technologie irgendwie in Vergessenheit geraten könnte. In diesem Zusammenhang hätte ich auch ruhig mal die Blogrolls erwähnen können, denn neben dem RSS, war auch ein anderes XML-Kontrukt nicht unwichtig seinerzeit: OPML (Outline Processor Markup Language). Wobei OPML eigentlich nicht nur zum Austausch von Blogrolls gedacht war, sondern zum Management von Outlines in der Software RadioUserland (eine eierlegende Wollmichsau unter der Blogsoftware der 2000er). Aber auch heute noch wird OPML als Austauschformat von Feedlisten genutzt. Das machen ganz viele RSS-Reader so (FeedReader, NetNewsWire bspw.), so kann man seine Feedlisten exportieren und von einem Dienst zum anderen portieren. Runtergedampft auf das einfachste, sind das Listen mit Titel, Link zur Ressouce und Link zum Feed der Ressource, vielleicht noch eine Beschreibung. Und weil das so ist, eignet sich OPML eben auch hervorragend, um Blogrolls maschinenlesbar auszuzeichnen, bzw. zum Download zur Verfügung zu stellen. Nun ist der OPML-Format (s.o.) relativ einfach gestrickt. Will man noch mehr Informationen mitgeben, kann man darin aber andere Formate unterbringen: Microformate bspw. die schon beim Ausspielen der Liste auf einer maschinenlesbar Seite mehr über den Link aussagen, den man dort gesetzt hat. Zum Beispiel, ob man die Person die hinter einem Blog steht, dass man verlinkt, persönlich kennt, mit ihr zusammenarbeitet, oder nur sein eigenes Zweitblog hier verlinkt. Dazu nimmt man gerne XFN (XHTML Friends Network) ein Microformat, dass dafür genormte Begriffe zur Verfügung stellt. Das ist aber schon komplett optional und auch, dass die Links in einem bestimmten Listenformat (XOXO) aufgeschrieben wird, interessiert am Ende nur Entwickler\*innen.
Wie aber schon an verschiedenen Stellen angemerkt wurde, unter anderem von Ben hier als Kommentar: WordPress kann solche Listen nativ schon quasi immer, die Funktion wurde nur versteckt und kann auch reaktiviert werden, ohne Matthias Plugin zu nutzen. Und ich möchte wetten, dass auch viele andere Blogsoftwares das beherrschen.
Stellt sich nur noch die Frage: wozu das alles. Also bei mir ist da erstmal viel Nostalgie™ dabei, viel zu lange habe ich diese feine Tradition nicht oder nicht ausreichend gepflegt. Sie heute zu reaktivieren verfolgt meiner Meinung nach aber noch ein wichtigeres Ziel: wir haben uns annodazumal™ von Social Media und Google wirklich den Schneid abkaufen lassen und eine gute Sache ohne Not aus der Hand gegeben (meine Meinung). Blogs waren mal eine große Sache, ein next big thing, in Wahrheit aber eine schier unüberschaubare Masse kleiner Dinge, ein ewiger Longtail von Informationen, Wissen und Geschichten, hinter der echte Menschen standen (oft jedenfalls). Jetzt wandelt sich das Netz ein weiteres Mal, Google schafft sich womöglich selbst ab, keiner weiß, wie das Web in einem oder zwei Jahren aussieht. Diese Netzwerke (s.o.) die im Grunde schon da sind, sichtbar zu machen und in Code zu manifestieren, jenseits von Google, jenseits der Techbro-Konzerne, in gewisser Weise autonom… ich halte das für einen wichtigen Schritt dafür, dass wir morgen noch da sind (genauso wie Blog-Ringe und andere Aktionen), Codewort: Resilienz. </pathos>