Ich restauriere gerade meinen großen Quentin-Tarantino-Filmpost von 2010 und der beginnt natürlich mit Reservoir Dogs und mit dieser Szene:
Daran musste ich denken, als ich diesen Eintrag in Björns Techblog las. Björn fühlt sich von den — ich nenne sie —„Bettelscreens“ auf Bezahlterminals zur Gabe von Trinkgeldern erpresst.
Keine Frage, die UX ist frech und man muss sich bei so manchem Terminal ohne kapazitiven Touchscreens die Finger abbrechen um zu wählen was man will, aber Erpressung? Ehrlich? Also mein Stammkaffeeladen hat ein Glas, auf dem steht „Karma-glas“ (sic!), muss ich mich da jetzt esoterisch genötigt fühlen, da Geld reinzustecken? Tatsächlich scheint es aber vielen Menschen so zu gehen, was zu Ergebnissen einer aktuellen Studie gehört:
Die digitale ‚Trinkgeldtaste‘ ändert die Spielregeln der Interaktion. Im klassischen Bargeldverkehr bin ich frei. Das Terminal aber fragt mich aktiv: ‚Willst du etwas geben oder nicht?‘ Das ist ein deutlicher qualitativer Unterschied. Im Restaurant mit Service kann das als Erleichterung empfunden werden, beim bloßen Überreichen eines Brötchens am Tresen wirkt dieser technische Zwang zur Entscheidung jedoch schnell wie eine Nötigung.
Aber mal von der Wortwahl abgesehen, für völlig verfehlt halte ich den ausgiebigen Mr. Pinkschen Rant dazu, der sich ja um das Trinkgeldgeben an sich dreht und mit der Gestaltung der Terminals nichts zu tun hat.
Versteht mich nicht falsch, ich habe nicht Grundsätzlich etwas gegen diese Trinkgeldkultur. Auch wenn ich mir denke: in einem Industriestaat wie Deutschland sollten Servicekräfte doch eigentlich so bezahlt werden das Sie nicht von der Spendenbereitschaft Ihrer Gäste abhängig sind
Die oben zitierte Studie besagt vor allem, dass die zitierte „Trinkgeldkultur“ erodiert. Damit ist es also schon mal nicht mehr soweit her. Aber in der Gastronomie wird tatsächlich noch relativ oft Trinkgeld gezahlt. Und ich will das auch echt nicht falsch verstehen, aber… ob nun, Industriestaat oder nicht, in der Gastronomie die Leute gut bezahlt werden, ich zweifle ein wenig daran. Der aktuelle Mindestlohn erhöhte sich im Januar 2026 auf 13,90 EUR. Das wird vor allem die Angestellten in der Systemgastronomie gefreut haben, denn laut des bis dahin gültigen Tarifvertrages (PDF) verdienten Servicekräfte in den passenden Tarifgruppen zwei und drei: 13,65 EUR bzw. 13,75 EUR. Auf den Mindestlohn legen die Arbeitgeber in der Systemgastronomie jetzt noch 35 bzw. 45 Cent drauf, so dass heute 14,25 bzw. 14,35 EUR gezahlt werden.
Das sind aber ja erstmal nur die nackten Zahlen. Ob die Person der ich gerade (kein) Trinkgeld geben will, Vollzeit arbeitet, arbeiten kann, oder gerade alleinerziehend ist oder sonstwie benachteiligt, alles Sachen, über die ich mir kein Urteil erlaube, die aber unglaubliche Risiken darstellen, wenn man so einen niedrigen Lohn hat. Einfach davon auszugehen, dass niemand das bräuchte, halte ich für mindestens ungehobelt. Was ich auf jeden Fall weiß: niemand arbeitet bei bspw. Starbucks, weil es so geil ist da zu arbeiten und weil er sich von den Trinkgeldern einen Bungalow an der Hamburger Elbchaussee bauen kann.
Und auch vieles von den anderen Dingen die Björn schreibt, haben einen echten Mr.-Pink-Vibe. Dabei hat er mit einer Sache so Recht: man weiß überhaupt nicht, ob das Geld wirklich beim Team, oder gar bei der einzelnen Bedienung ankommt. Da hilft nur eins: nachfragen! Auch hier gibt es wieder verschiedene Optionen: zum Beispiel kann es sein, dass das Team die Trinkgelder bekommt, weil nicht klar ist, für wen das Trinkgeld eigentlich ist. Dann wird es aber als Einkommen steuerpflichtig, während direkt gezahltes Trinkgeld steuerfrei bleibt. Es ist kompliziert, aber sich das Geld einfach in die Taschen stecken können nur Chefs mit erheblicher krimineller Energie, denn ist es erstmal im Kassensystem als Tringeld verbucht, kann er es nicht einfach so einstecken. In solchen Läden sollte man nicht nur das Trinkgeld in bar geben, sondern überhaupt nicht Gast sein.
Also Leute, bitte gebt weiter fleißig Trinkgeld, ob mit oder ohne Bargeld müsst ihr selbst und ggf. im Einzelfall entscheiden. Fragt vorher! Fühlt euch nicht genötigt von den Bettelscreens, die einzelne Bedienung um die es geht hat ihn sicherlich nicht programmiert. Meckert gerne über den Screen und gebt dann Bargeld! Und gebt auch mal wieder Trinkgeld zu anderen Gelegenheiten… wenn ihr es über habt.
