Filmstill aus Hardcore 1979. George C. Scott sitzt in einem leeren Kinosaal und hält sich in aller Verzweiflung die Hände vor das Gesicht. Er weint.

Hardcore – Ein Vater sieht rot (1979)

Thema: Gesehen

Es geht weiter mit dem 70’s Rewatch und den Filmen von der Liste, inspiriert von Quentin Tarantinos „Cinema Speculation“. „Hardcore“, ignorieren wir mal den typische eindimensionalen Zusatztitel des deutschen Kinos, ist ein Film bei dem Paul Schrader, bekannt für das Drehbuch von „Taxi Driver“, sowohl das Drehbuch beisteuerte, als auch Regie führte. In seiner langen Kritik im seinem Buch, lässt Tarantino eigentlich kaum ein gutes Haar an dem Film, und wahrscheinlich ist der Film überhaupt nur in der Liste, weil Tarantino Schrader verehrt, als das, was er selbst ist: ein Drehbuchautor, der zum Regisseur wurde. Auch, oder gerade weil, Tarantinos Karriere besser verlief, als Schraders. Ich habe mir den Film natürlich trotzdem angesehen.

Der Plot: George C. Scott spielt einen streng calvinistischen Geschäftsmann aus Michigan, dessen Tochter während einer Jugendreise verschwindet. Auf eigene Faust reist er nach Los Angeles und taucht tief in die Welt der Pornoindustrie und Prostitution ein, um sie zu finden. Dabei engagiert er einen Privatdetektiv (Peter Boyle) und begegnet einer jungen Prostituierten (Season Hubley), die ihm widerwillig hilft. Der Film entwickelt sich zu einem düsteren Moralstück über den Kontrast zwischen protestantischer Enge und der sexuellen Subkultur Amerikas – ähnlich thematisch verwandt mit Schraders Drehbuch zu Taxi Driver. Am Ende findet der Vater seine Tochter, doch die Begegnung macht deutlich, dass eine einfache Rückkehr in die alte Welt nicht möglich ist.

Hardcore, Original Trailer (1979)

Tarantino schreibt über den Trailer:

The trailer’s not only good, it’s too good. You just kind of get the sense that no fucking way is the finished film gonna deliver the way the trailer does.

Quentin Tarantion „Cinema Speculation“

… was ich schon als eine ziemlich harte Ansage empfinde. Das sind die Filme, die ich gemieden habe, wenn man das Gefühl hatte, der Trailer hätte schon alles gezeigt, was an interessanten Szenen in dem Film ist. Tatsächlich fängt der Film so dermaßen grau, lahm und unschuldig an, die Differenz zum Trailer könnte nicht größer sein. Gezeigt wird die augenscheinlich heile und religiöse Familie in Michigan bei der Weihnachtsfeier. Jake Van Dorn, erfolgreicher Möbelfabrikant und Vorsitz der Familie, ist überraschenderweise alleinerziehender Vater von Kristen, die zusammen mit anderen Jugendlichen zu einer von der Kirche organisierten Reise nach Kalifornien aufbricht, um von dort nicht zurück zu kommen. Wes Geistes Kind Vater Jake ist, erfahren wir beispielsweise in einer Szene, in der in der Diskussion mit seiner Innenausstatterin ein Blau als zu überwältigend empfindet. Jake ist der Typ, der sich für die mausgraue Sitzgruppe in seinem Wohnzimmer entscheidet.

Als der von Jake und seinem Schwager beauftragte Privatdetektiv, ihm in einer ebenso unnötigen wie herzzereissenden Szene (siehe Trailer) einen Pornofilm zeigt, in dem seine Tochter mitspielt, reist Jake selbst nach Los Angeles, um sich auf die Suche nach seiner Tochter zu machen. Hier kommt es natürlich zum Clash zwischen dem mausgrauen Calvinisten und dem rauschend buntem und frivolen Nachtleben in LA.

Es mag Ende der Siebziger sicherlich noch eine gewisse Würze in dem Aufeinandertreffen religösen Eifers und der Pornofilmindustrie gelegen haben, vom heutigen Standpunkt aus, entlocken einem lange Strecken des Films ein eher müdes Lächeln. Figuren wie der Porno-Produzent erscheinen als lächerlich, die Pseudomoral, die immer wieder in den gleichen Sätzen mündet, wie „unsere Spezialität ist das Aneinanderreiben nackter Körper“ ist heute großflächig überholt, nach dem Film kam die VHS-Pornorevolution, heute gibt es Porno an jeder Ecke des Netzes… Aber auch schon zu jener Zeit war die Geschichte der verschwundenen Tochter, die keinesfalls entführt wurde, sondern freiwillig versuchte der Enge Michigans zu entfliehen und erst dann in die Fänge von Zuhältern geriet, nicht durchgängig tragend, weswegen dem Film zusätzliche Actionszenen und der Mythos von Snuff-Filmen hinzugefüht wurde (von denen Tarantino sicher ist, dass sie nie existiert haben). So schlittert der Film eher durch seinen Plot, als dass er einer wirklichen Spur folgt. Andererseits ist der Film in seiner neo noir Gestaltung visuell durchaus sehenswert. Und dank des pretechnoiden Sountracks von Jack Nitsche, der zusätzlich zur Musik immer wieder metallische Töne, Schläge, industrielle Klänge mischt, ist er vor allem auch hörenswert.

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