Heimfahrt

Thema: Gelebt

Wenn ich es vermeiden kann, fahre ich in Dänemark außerhalb Kopenhagens, am besten gar nicht Auto. Leider lässt es sich meist nicht vermeiden, mindestens Hin- und Rückfahrt sind Zwang.

Die Dänen sind ja im Grunde ein Volk sehr freundlicher Blockwarte. Man passt aufeinander auf. Eine Nachbarin spricht den Nachbarn an, wenn der vergisst die Fahne abends einzuholen (sic!), oder den Müll nicht richtig trennt, alles im Namen der Gemeinschaft. Wir empfinden das schnell als übergriffig und maßregelnd, weil gerade im Kontakt mit Deutschen die o.g. Freundlichkeit gerne mal vergessen wird, aber im Grunde geht das völlig in Ordnung, es geht schließlich um das kleine Ganze, also um nichts weniger als Dänemark. Beim Autofahren ist das leider anders. 

Bis auf die Sache mit dem Tagfahrlicht, das in Dänemark Pflicht ist. Vor Jahren als ich an unserem alten Peugeot noch das Abblendlicht auch tagsüber aktiv einschalten musste, habe ich das oft vergessen. Keine fünf zwei Minuten auf der Landstraße kommt einem dann der erste wild aufblendende Däne entgegen und dann der nächste und der nächste, bis man seinen Fehler endlich einsieht. Heute habe ich das im Auto eingebaut und wenn nun ein aufblendendes Auto entgegenkommt, heißt das: Achtung Radarfalle! Die gibt es durchaus auch in Jütland. 

Was mich zum zweiten wichtigen Thema beim Autofahren in Dänemark führt: der Geschwindigkeit. Das Tempolimit ist hart: 80 km/h auf der Landstraße (und man fährt in DK am häufigsten und am besten Landstraße) sind eine Herausforderung. Das Einhalten ist für mich kein Problem, ich kann an meinem Auto einstellen, nicht mehr als 80 zu fahren und so meine Gewohnheit überlisten. Allerdings ist das Tempo eben die eine Sache, bei der die Dän*innen auf die eingangs erwähnte Gemeinschaft scheißen und zu Hardcoreindividualisten mutieren: Geschwindigkeitsbegrenzungen, durchgezogene Linien und Sperrflächen halten sie allenfalls für eine freundliche Empfehlung. 

Was ein ziemlicher Irrsinn ist, wenn man die drakonischen Strafen betrachtet, die auf überhöhtes Tempo stehen und bis zum Einzug des Fahrzeugs reichen. Was Dänen aber nicht zu interessieren scheint, weil sie einerseits mehr als unsereins verdienen und andererseits über die Tätigkeit ihrer Dorfpolizisten, dank der guten Gemeinschaft, immer gut informiert sind. 

Als Auto mit deutschem Kennzeichen jedenfalls, gibt man sich als Freiwild zu erkennen, vor allem wenn man die Tempolimits einhält. Wenn ich nur überholt würde, wäre mir das auch egal, aber man wird halt sehr oft sehr gefährlich überholt und vorher auch durchaus bedrängt. Wichtigste Regel: wenn dir auf deiner Spur ein überholender Däne entgegenkommt, immer bremsen, er wird es nicht tun!

Wo die Gemeinschaft dann wieder greift ist bei den Alten in der dänischen Gesellschaft: die Wege in Jütland sind weit, also ist man auch in hohem Alter noch auf das Auto angewiesen. Und Dän*innen werden uralt! Also fahren in DK Menschen Auto, die bei uns längst die Radieschen von unten betrachten würden. Die fahren dann einfach so langsam, wie sie es eben noch hinbekommen: Tempo 40 oder 50 auf Landstraßen ist da völlig akzeptiert. Dän*innen überholen dann einfach, siehe oben. Also auch, wenn Gegenverkehr kommt, in der Annahme, dass dieser die Situation schon verstehen wird. 

Traut man sich solche Todesmissionen nicht direkt zu, ist man allerdings schnell hinter Oma oder Opa Christiansen eingeklemmt. So kommt es auf dänischen Landstraßen zu kleinen Prozessionen: vorne ein dänischer Rentner, dahinter diverse deutsche Urlauber, alle mit maximal 60 über die Landstraße kriechend, schön in Kolonne. Dänische Autofahrer*nnen überholen dann trotz Gegenverkehr jedes Auto von hinten an einzeln und quetschen sich jeweils dazwischen. Und in der Kolonne beten alle, dass der Supermarkt zu dem Opi unterwegs ist bald kommen möge. 

Der Autoverkehr in Dänemark birgt aber auch positive Überraschungen: man sieht überall Elektroautos. Zwei Drittel der dänischen Neuanmeldungen von PKW sind inzwischen Elektrofahrzeuge. Überall sieht man BYD, Xpeng, Lynk, Leapmotor oder MG. Noch mehr allerdings Tesla und wirklich überraschend viele elektrisierte VW. Wäre Dänemark ein nennenswerter Markt, dürfte VW nicht in Schwierigkeiten stecken, denn die Dänen lieben alle IDs und Buzz. Gleichzeitig ist Dänemark das Land mit dem höchsten Windenergieanteil, d.h. der dänische Autoverkehr wird absehbar CO2-neutral sein. Dann dürfen sie auch fahren wie die letzten Henker, det er find med mig!

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Ein Gedanke zu “Heimfahrt”

  1. # christof zachl — 11. Oktober 2026

    witzig, das mit dem fahren habe ich bei unserem dänemark-urlaub völlig gegensätzlich empfunden. wir sind hinter einem dieser geriatriker mit 75km/h hergefahren als ein großer bmw hinter uns auffuhr. der ist dann mit genug abstand hinter uns geduldig hergefahren. ohne zu drängeln oder zu überholen. und sowas ist uns ähnlich öfters widerfahren. ich erzähle das immer, wenn ich von unserem urlaub erzähle. und das mit den elektroautos ist uns auch positiv aufgefallen. wo wir doch auch elektrisch unterwegs waren.

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