
Beim Sterben ist jeder der Erste (1972)
Am Wochenende hing hier bei uns der Haussegen nicht ganz gerade, was mir etwas zusätzliche Zeit verschafft hat, einen weiteren Film von der 70‘s Rewatch Liste zu sehen. Dass ich hier noch nicht darüber geschrieben habe, liegt daran, dass ich den Film als extrem verstörend und auch als ziellos empfunden habe. Oder anders: ich habe ihn nicht verstanden.
„Deliverance“, also Erlösung oder Befreiung, ist der Titel des Streifens und der Originaltitel fügt dem Film noch eine Metaebene hinzu, während der deutsche Actionfilmgenretitel ihm eher Inhalt auszusaugen scheint. Der Streifen ist von 1972, aber es scheint ein ganz anderes 1972 zu sein, als in „The Getaway“. Es war jedenfalls ein großer Erfolg und gilt weithin als Klassiker und gleichzeitig als bester Film von Burt Reynolds, der mit ihm größere Bekanntheit erreichte. Ich kannte ihn eigentlich nur von seinen Blödelrollen als „ausgekkochtes Schlitzohr“ oder von irgendwelchen Highways auf denen die Hölle los sein sollte.
Der Plot ist schon hart: vier Großstädter machen eine Kanutour „durch eine Flusslandschaft, die in Kürze dem Bau eines Staudamms geopfert werden soll. Ihre Begegnung mit zwei Einheimischen mündet in eine Gewalttat, der schnell weitere folgen“ (Wikipedia). Burt Reynolds spielt dabei diesen rechtslibertären Typen mit Hochleistungs-Jagdbogen, der die ganze Zeit davon redet, wie System und Gesellschaft die Freiheit und die Natur zerstören. Vieles von dem was er sagt, wird heute noch genauso kolportiert, abzüglich des Umweltschutzgedankens.
Ich habe jetzt einiges über den Film gelesen, in der Mehrzahl der Beschreibungen heißt es, es ginge in dem Film um Männer, die sich der Natur stellen und dabei den Kürzeren ziehen:
Packender Abenteuerfilm mit kulturkritischem Tiefgang. Der Brite John Boorman entwirft eine düstere Parabel über den Hochmut der städtischen Zivilisation, der durch die Rache der vergewaltigten Natur bestraft wird.
Was für ein unglaublicher Quatsch! Vergewaltigung? Ja. Natur? Nein! Hier geht es nur sehr peripher um die Natur und unsere vier Protagonisten scheitern an der Brutalität der eigenen Spezies. Das Thema dieses Films ist Gewalt und zwar wie sie auf Menschen wirkt, die sie erleiden, aber auch was sie mit jenen macht, die sie ausüben.
Was mir den Film allerdings komplett verlitten hat, ist die stereotypische Darstellung der Hillbillies, die gleich zu Beginn in der Rolle des von Inzucht gezeichneten Jungen mit dem Banjo ihren Höhepunkt findet. Der Schauspieler Billy Redden durfte den Rest seines Lebens, wenn überhaupt, nur noch Hillbilly-Banjospieler spielen. Insofern gehört (und hier ist der deutsche Titel dann Programm) „Beim Sterben ist jeder der Erste“ zum Genre Backwoods-Filme, das ich zutiefst verachte.
2 Kommentare
Simon Ox
Holger