
Getaway (1972)
„The Getaway“ mit Steve McQueen und Ali MacGraw stellt mich vor ein Rätsel. Es ist ein hervorragender Film mit einer spannenden und tiefgründigen Story, enthält aber gleichzeitig so viel Schräges, dass ich mich schon fragen muss, wie dies ein Klassiker werden konnte.
Dies ist wirklich ein verrückter Film. Vincent Canby schrieb in der New York Times, der Film sei simply lost in confusion
. Und ich verstehe diese Ansicht. Wenn man nicht genau genug hinschaut, kann dieser Eindruck entstehen. Obwohl ein Filmkritiker bei der NYT natürlich genauer hinsehen sollte… Jedenfalls, „The Getaway“ ist… ja, eigentlich schwer zu sagen.
Kunst im Vorspann #
Schon bei „Bullitt“ gehörte der Vorspann mit zum Film, zeigte das Ausgangsszenario, ohne genauer zu erklären, was genau da passiert. Der Vorspann von „The Getaway“ funktioniert ganz ähnlich, ist nur ein deutlich größeres Meisterwerk an wie das Knastleben funktioniert, wie er quasi zerrieben wird, von der Gleichförmigkeit des Alltags. Seine Frau sagt in einer späteren Szene sowas wie „Ich dachte Männer werden hart im Knast, aber du nicht…“ und genau das sieht man auch: Doc hält es nicht mehr aus und verkauft sich deswegen an den korrupten Lokalpolitiker Beynon.
What’s the story? #
Doc McCoy (Steve McQueen), von dem wir nie erfahren, warum er Doc genannt wird, hat von seinen zehn Jahren Knast, vier abgesessen und kann wie gesagt nicht mehr. Er beauftragt seine Frau Carol (Ali McGraw) dem korrupten, nein kriminellen, Beynon (Ben Johnson), der im Bewährungsausschuss sitzt, auszurichten, dass Doc zu kaufen sei, egal zu welchem Preis. Tarantino schreibt in „Cinema Speculation“, der Film impliziere, das es Carol McCoys Schuld sei, dass Doc im Gefängnis ist, das habe ich aber verpasst. Carol jedenfalls besucht McCoy und es wird schnell klar, dass der Preis höher ist, als Doc angenommen hatte. Doc soll einen Banküberfall begehen und bekommt dazu zwei üble Gangster (Rudy, Al Lettieri und Frank, Bo Hopkins) an die Seite gestellt, die das Unternehmen prompt in ein Desaster verwandeln. Als Doc bei Beynon dessen Anteil abliefern will, brüstet der sich damit, mit Docs Frau geschlafen zu haben und wird prompt und überraschend von derselben erschossen. Und während Doc und Carol nun den Stand ihre Ehe ausfighten und in Richtung Mexico fliehen, sind alle hinter ihnen her: Beynons Komplizen, Rudy und natürlich die Polizei.
Der Film scheint einerseits ein Sittengemälde der Kriminalität zu sein. Da ist also Doc, der ein Verbrecher ist, ein Profi. Im Knast scheint er insofern schuldlos zu sitzen, als dass er wohl unschuldig daran ist, erwischt worden zu sein. Um aus dem Knast rauszukommen, begibt er sich und ohne sein Wissen auch seine Frau, in die Hände noch wesentlich schlimmerer Verbrecher, deren Boss nun zufällig auch noch Politiker ist. Also irgendwie haben wir es mit guten Verbrechern und bösen Verbrechern zu tun. Doc und seine Frau sind der Brutalität der anderen Kriminellen quasi ausgesetzt und wer soll ihnen auch helfen? Die Polizei sicher nicht. In dieser Situation in der es nur schlechtes zur Auswahl gibt, kippt die Moral komplett weg, Carol schläft mit Beynon. Was wieder Docs Moralvorstellungen zu wider läuft. Die Situation wird später im Film nochmal gespiegelt: der angeschossene Rudy nimmt einen Tierarzt und dessen Frau als Geiseln und die Frau gibt sich ziemlich schnell Rudy hin und ihren Ehemann auf, der sich dann erhängt. Doc und Carol dagegen raufen sich im Laufe der Flucht zusammen, Doc muss seine Vorstellungen von Moral dafür anpassen…
Chaos am Set #
So verrückt wie der Film war wohl auch seine Herstellung. Peckinpah war ja nicht nur berühmt für seine gewalttätigen Filme, sondern eben auch für seine Alkoholexzesse bei der Arbeit und sein (mindestens verbal) gewalttätiges Verhalten. Das hat man damals scheinbar einfach so durchgehen lassen. Was Sally Struthers über Sam Peckinpah erzählt, ist schon ziemlich eklig.
Was die Stunts angeht, da hängt „The Getaway“ anderen McQueen-Filmen weit hinterher. Sind in der berühmten Verfolgsjagd in „Bullitt“ vereinzelt mal Fahr- und Filmfehler zu sehen, besteht die Action in „The Getaway“ scheinbar aus nichts anderem. Jeder Fluchtversuch endet zunächst mal in einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto. Ali MacGraw musste für den Film Autofahren lernen, da war es gegebenfalls etwas übertrieben, sie gleich Stunts fahren zu lassen: in einer Szene fährt sie Steve McQueen regelrecht um.
Und damit bin ich bei Ali MacGraw. Sie musste wirklich viel böse Kritik für den Film einstecken und ist wohl auch selbst mit ihrer Leistung nicht zufrieden gewesen. Ich muss sagen: es gibt Szenen mit ihr, da wundert man sich wirklich, was sie eigentlich darstellen will. Um es offen zu sagen, sie schaut mir viel zu oft sehr verdutzt aus der Wäsche. Das gilt aber lange nicht immer. Die Frage ist, ob sie die Rolle eigentlich richtig spielt. Carol McCoy scheint mir eigentlich eine ziemlich abgebrühte, teilweise recht harte Figur zu sein, die bei Banküberfällen mitmacht, Fluchtwagen fährt, Leute erschießt. Wenn das stimmt, hätte MacGraw bis auf wenige Szenen versagt. Sie wird sich das aber ja nicht selbst ausgedacht haben, gewöhnlich ist es ja der Regisseur, der die Schauspieler*innen entsprechend dirigiert. Oder sie konnte eben nicht anders. Sicher ist, mit einer anderen Carol McCoy wäre der Film ein komplett anderer gewesen. Vielleicht hätte er mir besser gefallen, aber das kann man nicht wissen.
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