Kriegsberichterstattung

Olaf Scholz beschwor wie gesagt die Zeitenwende, und allenortens scheint ein Umdenken einzusetzen. Selbst eingefleischte Pazifist:innen im Bundestag sollen zum Thema Sondervermögen geklatscht haben. Zum Glück gibt es aber auch noch Gegenstimmen.

Wie entsteht aber dieses Gefühl, dass große Teile der Bevölkerung zu ergreifen scheint? Die zweijährige Pandemie trägt sicherlich irgendwie dazu bei, bestimmt auch die Nähe der Ukraine, kennen die Deustchen schließlich vom ESC. Und Putins Handlungen und Äußerungen tragen natürlich massiv dazu bei.

Ich frage mich aber auch, welchen Einfluss der Journalismus in Deutschland dabei hat. Seit dem 24.2. und teilweise auch schon davor, wird im oberen Drittel (wenn nicht der Hälfte) der Homepages deutscher Newswebseiten über praktisch nichts anderes mehr berichtet, als über die Ukraine-Invasion. Gestern abend waren es auf ZEIT ONLINE ich glaube über 20 Teaser zu Ukraine-Stories, bis als erstes anderes Thema, die Corona-Grafik kam, als Trenner quasi. Darunter durften auch andere Nachrichten stattfinden. Eine ähnliche Monothematik konnte ich schon in der Anfangsphase der Corona-Epedimie feststellen. Und natürlich sieht es auf anderen Newswebseiten genauso oder ähnlich aus.

Das soll gar nicht heißen, dass die Presse die Kriegsstimmung herbeischreibt oder -schreiben will. Die Leute verschlingen quasi jedes Stück, wo oben Ukraine dransteht. Hier wird einerseits ein Bedarf nach Informationen gedeckt. Andererseits und da dürfen wir uns nichts vor machen: nicht alles sind Nachrichten, was da verschlungen wird. Und bevor Olaf Scholz im Bundestag von Zeitenwende sprach, wurde die Vokabel von der Zäsur durchaus durch die Kommentarspalten gereicht. Da herrschte große Einigekeit von rechts außen—ganz ganz rechts außen laborierten sie derweil noch an ihrer Freundschaft zu Putin—bis weit über die Mitte bis ins linke Lager hinein.

Auf einem anderen Blatt steht bei der Massenveröffentlichung von Nachrichten immer schnell die Qualität. Bekanntermaßen stirbt im Krieg zuerst die Wahrheit, ein geflügeltes Wort, dass einem heute oft präsentiert wird. Beispielsweise im Podcast „Streitkräfte und Strategien“, der jetzt in täglichen Sonderfolgen erscheint und versucht, die spärlichen und oft unbestätigten Nachrichten und Berichte aus der Ukraine einzuordnen. Natürlich nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Nachrichten nicht bestätigt werden können, dass es Propaganda sein könnte. Trotzdem werden genau diese unbestätigten Berichte dann immer wieder für die tollsten Theorien als Basis hergenommen. Wenn es sich dann als Quatsch erweist… wurde doch gesagt: unbestätigte Berichte. In einem der typischen Liveblogs dieser Zeit liest sich das so:

Die russischen Truppen haben die Hafenstadt Cherson nach ukrainischen Angaben nicht eingenommen. […] Wenige Stunden zuvor hatten russische Stellen behauptet, ihre Armee habe die Stadt eingenommen. Weder die eine noch die andere Angabe lässt sich derzeit unabhängig überprüfen.

irgendein Liveblog, 2. März 2022

Inzwischen haben die russischen Truppen Cherson wohl eingenommen. Allerdings, die ukrainschen Verteidiger:innen behaupten immer noch das Gegenteil. Fernab der Frage, was denn nun stimmt, oder ob ich das eigentlich wissen muss, ob Cherson (wo war das nochmal?) eingenommen wurde und von wem, was kann ich mit einer solchen Nachricht anfangen, wenn sie sich doch mehrmals am Tag ändert. Und mutmaßlich nicht, weil die Truppen mal einmaschieren und in der nächsten Stunde wieder flüchten müssen, sondern je nachdem welche Kriegspartei gerade welche Propaganda raushaut.

Aber nach einer Woche Krieg haben auch die deutschen Newswebseiten ein Einsehen, immer nur Bomben und Gewalt kann ja auch nicht gut sein. Darum berichten sie nun auch über die romantischen Dinge die im Krieg passieren. Denn die gibt es. Natürlich!

Liebe an der Front: Sie ist die jüngste Abgeordnete im Kiewer Parlament, er der jüngste Kommandeur an der Front im Osten der Ukraine. Seit fünf Jahren sind Alina und Dmytro ein Paar, jetzt sind sie gemeinsam im Krieg.

irgendeine Homepage, 2. März 2022

„Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn wir Ihnen die neuesten Borschtsch-Rezepte russischer Soldaten-Mütter und die Flecktarn-Modetipps ukrainscher Partisanen präsentieren.“