There's a crack in everything

Thema:

Ich weiß ja auch nicht, warum mich Artikel bei Herrn Buddenbohm immer wieder triggern, diesmal gleich doppelt: Überschrift und Inhalt…

Neue Nachbarn, die durchs Haus tingeln, da fällt mir einiges ein. Wir waren mal solche. Inzwischen gibt es aber eine recht eindeutige, weil einstimmige Beschlusslage: haben wir gemacht, kommt nicht wieder vor.

Als wir vor einigen Jahren, in unser Reihenhaus in Reinfeld einzogen, hatten wir uns aus einem Grund, den ich heute nicht mehr nachvollziehen kann, vorgenommen, mindestens alle Häuser in der Reihe abzuklappern, der Jahreszeit gemäß einen kleinen Weihnachtsmann zu überreichen und uns als die neuen Nachbarn vorzustellen. Nun ist die angeborene Sturheit des Menschenschlages in Schleswig-Holstein nicht nur legendär, in Reinfeld wird sie bis zum heutigen Tage regelrecht zelebriert. Menschen, die man jeden Tag auf der Straße trifft, dürfen frühestens nach drei bis vier Jahren und ausschließlich mit einem kurzem „Moin“ gegrüßt werden, so verlangt es das ungeschriebene Gesetz des Nordens. Solche versteinerten Riten zu überwinden, erschien uns eine gute Idee. Wir ahnungslosen Großstädter.

Wir machten aber auch nicht alles richtig: Die mathematische Aufgabe abzuzählen, wieviele Weihnachtsmänner man besorgen muss, wenn die Nummern 8 bis 8f zu bedienen sind, war uns leider schon zu viel. Wir zogen zwar unseren Buchstaben ordentlich ab, zählten aber nur von a bis e und vergaßen die Acht, hatten also am Ende eine Schokofigur zu wenig. So besuchten wir am ersten Tag die Nachbarn Nummer 8 bis 8d, mit mäßigem Erfolg. Der Reihenhausgang entwickelte sich für uns zu einer Horrorschow, ich nannte ihn danach nur noch den „Gang nach Canossa“, er zog sich endlos in die Länge, gleichsam wie die Hotelgänge in „The Shining“ (oder in meinen Albträumen).

„Sind Sie von den Zeugen Jehovas?“, wurden wir tatsächlich mehrmals gefragt, bevor die Tür überhaupt über spaltbreite hinaus geöffnet wurde. Unser zuvor zurecht gelegter Text „Wir sind die neuen Nachbarn…“ (fröhlich) änderte sich zu „Nein, wir sind die neuen Nachbarn“ (defensiv), da es scheinbar in der Gegend üblich ist, dass der Türöffnende das Gespräch mit einer Anschuldigung zu beginnen hat, wenn jemand ungefragt an der Haustür klingelt. Das schlimmste war aber, dass, nachdem wir unseren Spruch aufgesagt hatten, das Gespräch jeweils zu Ende war. Nach „wir sind vor kurzem in e eingezogen und wollten uns hiermit einmal kurz vorstellen“ endete das Gespräch und zwar immer. In unserer Vorstellung wäre das eigentlich der Moment gewesen, zu dem uns das jeweilige Gegenüber etwas erzählt. Das funktionierte aber eigentlich nur ein einziges Mal: eine Frau, jünger als wir, Immobilienmaklerin, berichtete, dass sie das Haus vor zwei Jahren gekauft habe und selbst noch einigermaßen neu wäre… und warnte uns vor den Nachbarn, die wären ein wenig komisch. Ach? Das zweite etwas längere Gespräch war mit einem Mann, der sich als Polizist outete, für weitere Gespräche aber auf seine Frau verwies, die aber gerade unter der Dusche stünde. In der Regel nahm man uns wortlos den Schokoweihnachtsmann ab und schloss dann wieder die Tür. Einmal wurde wir gerügt, weil unser Möbelwagen beim Einzug den Parkplatz blockiert hatte.

Von Tür zu Tür wurden wir immer unsicherer, was dann auch noch zu Missverständnissen führte, beispielsweise mit unserer direkten Nachbarin, die sich ob der direkten Nachbarschaft genötigt sah, sich wenigstens, wenn auch wiederwillig, vorzustellen:

„Ich heiße unverständliches Gebrabbel Pippi!“
„Waaaas???“
„Annika, wie bei Pippi!“
„Wie bitte?“
„Annikaa, wie bei Piippi!“
„Sorry, ich verstehe nicht…“
„Aaaaannikaaaaaa, wie bei Piiiiiipppppiiii!“
„Ja, also, wir müssen dann mal weiter…“
„Pippi Langstrumpf.“
„Achso.“

Und das Schlimmste wartete noch auf uns. Denn dank des Verzählers bei den Weihnachtsmännern, besuchten wir unsere Nachbarn auf der anderen Seite erst am nächsten Tag, mit einem frisch gekauften Weihnachtsmann im Gepäck und mit neuem Mut. Weil mit uns niemand redete, nahmen wir an, die Leute würden auch untereinander wenig reden, aber das war natürlich Quatsch. Wir waren das Topthema des Siedlungstratsches an diesem Tag, und wurden schon erwartet. Der Gesichtausdruck der Frau, die uns die Tür öffnete sagte gleichzeitig: „ich habe null Bock die Tür aufzumachen, weil ich schaue gerade die 110. Wiederholung von Mord ist ihr Hobby“ und „ich hab mich schon gefragt, ob ich keinen Weihnachtsmann bekomme“ und „Mord ist mein Hobby“. Wir kamen nur bis „Wir sind die neuen“ um dann das Wort abgeschnitten zu bekommen. Das wüsste sie schon, wir wären ja schon vor dem Einzug so laut gewesen, dass wir ihr die komplette Weihnachtszeit verdorben hätten und wegen des Möbelwagens hätte sie an der Straße parken müssen und unserer Regenrinne müsste auch dringend gereinigt werden! Ich bin schon öfter mal sprachlos, aber das war schon wirklich hart, zumal sich die Beschimpfung in Ton und Intensität der Länge nach immer steigerte. Meine Frau hatte gleich zu Beginn des Vortrags meine Hand ergriffen und drückte inzwischen so fest, dass mir die Knochen zu brechen drohten. Also erwiderte ich nur stammelnd, dass wir nichts dafür könnten, wenn unsere Vermieterin neuen Fußboden am Wochenende verlegen ließe und ich auch nicht glaube, dass ich als Mieter als erstes die Regenrinne reinigen müsste beim Einzug, brach dann aber unter Schmerzen in der Hand ab, um nicht noch mehr Konfrontation zu verursachen. Den Weihnachtsmann wollte die Furie nicht nehmen, da ich die Übergabe aber unbedingt zu Beendigung der Situation brauchte, drängte ich ihn ihr fürmlich auf, und wir ergriffen die Flucht.

Zwei Tage nach unserem Einzug in das neue Haus war der Ton damit gesetzt. Nach fünf langen Jahren zogen wir wieder aus.

4 Kommentare

Reinfeld ist aber auch eine harte Wahl. Man sucht sich die Herausforderungen, ne?

Gnihihi!
Wir haben seinerzeit auch immer gedacht, dass man sich der neuen Nachbarschaft vorstellen müsse. Allerdings haben wir uns dann doch nie getraut. Hätten wir uns getraut, wäre es sicher genau so abgelaufen wie bei Euch.

Jetzt kann ich zum Glück jederzeit in den Modus “Grumpy Old Man” schalten und habe meine Ruhe. ;-)

Wie Wahnsinnig gern hätte ich dazu einen Film mit Improtheater von Jan Heorg Schütte , Bjarne Mädel, Anke Engelke, Charlie Hübner, Angela Winkler, Henry Hübchen, usw. - mindestens 10 Versionen der Vorstellung und folgender Begegnungen müsste es für eine erste Staffel geben!

Allerdings sehr traurig, dass es so absurd bei uns zugehen kann.

Bestimmt gibt es soziologische Untersuchungen, wie lange es dauert, bis Freundes- und KollegKreise, aber auch Nachbarschaften überwiegend dieselbe Haltung annehmen… und was zu tun wäre, wenn diese Bewegung zu Diversität gesteuert bzw. gefördert werden soll. Das “wie” würde mich interessieren.

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