Eine alte Geschichte mit Geschichte
Ich war schon reichlich lange nicht mehr in Delmenhorst, zuletzt womöglich zu meinem 30-jährigem Abitreffen, aber an meine alte Heimat musste ich jüngst denken, als das Zentrum für politische Schönheit sein wunderbares Walter-Lübcke-Denkmal enthüllte. Ich war seinerzeit Anfang der 90er Jahre an einer ganz ähnlichen Aktion beteiligt…
Am Rande des Delmenhorster Bahnhofsvorplatz stand seinerzeit so ein überdimensionaler Holzwegweiser, der von der gefühlten Nähe der „ehemaligen deutschen Ostgebiete“ kündigte und Entfernungen zu Städten wie Königsberg (heute Kaliningrad) oder Breslau (Wrocław), aber auch Danzig (Gdańsk) und Eger (Cheb) anzeigte. Der Wegweiser war 1963 an anderer Stelle aufgestellt worden, zumindest zu dieser Zeit wollten noch viele an eine Wiedererlangung jener Gebiete glauben. Das unkommentierte Stehenlassen dieses „Denkmals“ an zentraler Stelle war hingegen vielen ein Dorn im Auge[1].

Und so begab es sich, dass am Tag der Befreiung 1993 eine Gruppe junger Menschen bei Nacht und Nebel dem „Denkmal“ ein anderes Denkmal gegenüberstellte:
[…] stellten Jugendliche aus einem städtischen Kulturzentrum und von der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“ am 8. Mai 1993 eine formal ähnliche gläserne Tafel mit den Namen von 17 Konzentrationslagern (KZs) und der entsprechenden Entfernungsangabe zu ihnen auf.
Die aufgestellte Tafel von über zwei Metern Höhe bestand aus Sicherheitsglas und war ordentlich im Boden verankert worden. Im Vorfeld war viel Gehirnschmalz in die Ausführung und die Auswahl des Materials geflossen. Die Wirkung vor Ort übertraf die Absichten aber sogar noch:
Durch die sich spiegelnde Oberfläche sah der Betrachter unterhalb der Namen der KZs sich selbst und das Stadtbild von Delmenhorst sowie, in einem bestimmten Winkel, auch den Ost-Wegweiser. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, die Vertreibung, die Lokalgeschichte und die Person des Betrachters werden so in Beziehung zueinander gesetzt.[3]
Die Reaktionen auf das Denkmal waren allerdings richtig vorausberechnet worden:
Die Stadt Delmenhorst gab sich der Initiative gegenüber aufgeschlossen und genehmigte nachträglich die Aufstellung. Unbekannte, die man in der rechten Szene vermutete, zerstörten aber wenig später die Tafel aus Sicherheitsglas, sodass sich in der Folge eine langwierige Diskussion um ihre Wiederaufstellung entspann.[4]
Tatsächlich entspann sich in der Folge eine rege Diskussion über die Wiederaufstellung der zerstörten Glastafel, beispielsweise auch um die Finanzierung. Währenddessen gab es zwei Anschläge auf den noch vorhandenen Ost-Wegweiser: erst wurden die Namen einzelner Städte mit den Namen von Konzentrationslagern ausgetauscht, später dann das ganze Ding einfach umgesägt. Er wurde ebenfalls nicht wieder aufgestellt, sondern im Stadtmuseum untergebracht.

Zwei Jahre später beschloss die Stadt Delmenhorst dann auch endlich, das Denkmal wieder aufzubauen. Es steht nun am südlichen Ende des Platzes an der Koppelstraße. Auch der Ost-Wegweiser wurde wieder aufgestellt, auf der anderen Seite des Platzes. So ganz bin ich nicht mit dem Kompromiss einverstanden, aber immerhin steht unser Denkmal da nun seit 30 Jahren. Wie gesagt, ich war schon lange nicht mehr in Delmenhorst, die Ecke ist auf jeden Fall noch Thema an meiner ehemaligen Schule.
Foto (Wegweiser): Werner Garbas unter CC BY-SA 3.0 (DE).
Foto (Denkmal): Ulrich Würdemann unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
Fußnoten
Selbst wenn mensch positiv annehmen wollte, es ginge nicht um bloßen Geschichtsrevisionismus, ist die Nennung der Städte Danzig (das in Folge des 1. Weltkriegs zur Freien Stadt und von Deutschland illegal reannexiert wurde) und Eger (ebenfalls nach dem 1. Weltkrieg nicht mehr zu Deutschland gehörig, aber 1938 durch das Münchner Abkommen wieder einverleibt wurde) mindestens eine Provokation. ↩︎
Stephan Scholz „Dem Vergessen entrissen", in: Medien zwischen Fiction-Making und Realitätsanspruch, Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 121, Oldenbourg Verlag, 2011, Seite 327ff. ↩︎
ebendort, Seite 349 ↩︎
ebendort ↩︎
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ben_