Stranger Things ist lost
Ich hatte bereits geschrieben, dass mir der Einstieg in die letzte Staffel von „Stranger Things“ schwerfiel. Der zum Staffelende immer lauter werdende Shitstorm, vor allem auf TikTok, machte mich dennoch neugierig. Es wurde ein Ende mit Schrecken.
Lost, anyone? #
Erinnert sich außer mir eigentlich noch jemand an „Lost“? Diese Serie wurde in sechs Staffeln zwischen 2004 und 2010 gesendet und war für das damals noch hauptsächlich lineare Fernsehen ein Meilenstein. Die von J. J. Abrams, Damon Lindelof und Jeffrey Lieber erdachte Serie über eine Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer vermeintlich einsamen Insel setzte neue Maßstäbe für Fernsehserien durch die intensive und komplexe Erzählstruktur, den betriebenen technischen Aufwand sowie die Einbindung von Zuschauern und Fans. Gleichzeitig ist „Lost“ ein abschreckendes Beispiel für eine aus dem Ruder laufende Gesamtgeschichte. Bei Beginn der Serie war wahrscheinlich über die Handlung der ersten Staffel hinaus wenig geplant gewesen. In einem Interview mit Collider erzählte Lost-Mitschöpfer Damon Lindelof, dass er und Co-Showrunner Carlton Cuse die Serie ursprünglich so planen wollten, dass alle Geheimnisse bis zum Ende der dritten Staffel gelöst würden und die Serie dann enden sollte. Der Sender ABC war jedoch dagegen und wollte die Serie weiterlaufen lassen, weil sie sehr erfolgreich war. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden, wonach die Serie insgesamt sechs Staffeln bekam[1]. Rätsel wurden kaum aufgelöst, dafür stetig neue eröffnet. Noch in der letzten Staffel kamen neue Protagonisten und Handlungsebenen hinzu, es wurde eher noch verworrener, als dass auf die große Auflösung hingearbeitet wurde. Das Finale hat dann viele Fans letztlich enttäuscht und war mindestens umstritten, für viele Leute, mich eingeschlossen, wurde so aus der besten Serie aller Zeiten die schlechteste Serie aller Zeiten gemacht.
Oder pretty little vampires? #
Ich erinnere mich noch an andere Serien, die bei langer Laufzeit in Richtung Ende an Qualität einbüßten. Zum Beispiel „Vampire Diaries“, das nach einem Quasi-Abgang der Hauptdarstellerin diese künstlich am Leben hielt[2], um noch drei Staffeln mit den verbliebenen Stars mehr schlecht als recht über die Bühne zu bringen. Oder auch „Pretty Little Liars“, eine Serie, die über sieben Staffeln immer gleich vorging: Rätsel wurden überraschend, aber selten befriedigend aufgelöst.
Bis zum Ende folgen jetzt jede Menge Spoiler, also nur weiterlesen, wenn du Stranger Things schon zu Ende geschaut hast!
Was denn? #
In diesen Kanon hat sich nun „Stranger Things“ eingereiht, eine Serie, die ich ohne Weiteres ebenfalls als eine der besten Serien aller Zeiten abgespeichert hatte, deren Finale allerdings mehr als nur ein paar Fragen offen ließ und viele Probleme, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten, noch eher kulminierte, als sie aus dem Weg zu schaffen. Kurz gesagt: Das Finale ist zur Hälfte Katastrophe, zur anderen Hälfte Schmachtfetzen.
Konsequenzlos #
Ich bin überhaupt erst im Rahmen der Diskussion um „Stranger Things“ mit dem Begriff plot armor[3] bekannt geworden und davon gibt es in dieser Serie haufenweise. „Stranger Things“ ist da so ein wenig wie die Star Trek Originalserie, bei der immer nur die rot gekleideten Nebencharaktere bei den Außenmissionen ums Leben kamen. Außer Bob Newby fällt mir eigentlich nur noch Eddie Munson ein[4], dessen Tod zumindest eine Konsequenz für einzelne der Protagonisten haben. Die finale Staffel toppt dieses Konzept noch: Steve fällt beinahe vom Turm, Nancy und Jonathan sterben beinahe an weißem Schleim, mehrere Leute werden von Kugeln getroffen, machen dann aber unbeeindruckt weiter. Ich hatte in Staffel fünf zu keinem Zeitpunkt Angst um irgendwen. Selbst Elfie stirbt relativ aufwendig inszeniert, aber auch das ist am Ende womöglich nur genau das: eine Inszenierung. Obwohl die Figuren allesamt im Sinne des Plots ja nicht mehr gebraucht würden. Hier wird möglicherweise schon an Spin-Offs und späteren Fortsetzungen gedacht, soll ja alles möglich bleiben.
Langweilig! #
Alle lieben sich. Und sagen es ständig. Selbst Steve und Jonathan, die sich wirklich nicht leiden können, haben einen solchen Dialog, während die Gruppe wie eine Schulklasse auf Wandertag durch den sogenannten Abgrund trampelt. Es sind so unglaublich viele Dialoge über das Thema Liebe, Zuneigung, Sympathie; so hätte das in den Achtzigern niemals stattgefunden! Ich kann das sagen, ich war dabei. Man möchte laut „Langweilig!“ in den Fernseher rufen, und genau das habe ich eigentlich auch gemacht.
Der Pretty-Little-Lost-Effekt #
Genau wie „Lost“ wirft „Stranger Things“ am Ende mehr Fragen auf, als es beantwortet oder genau wie in „Pretty Little Liars“ werden die offenen Enden durch ganz neue Wendungen oder sehr überraschende und unwahrscheinliche Ereignisse aufgelöst. Woher kommt mit einem Mal die riesige Wand mitten in der Schattenwelt? Zum Glück findet Dustin zufällig ein Notizbuch im Labor, das alles erklärt. Wohin ist das ganze Militär verschwunden und warum ist Hopper wieder Polizeichef? Wieso wurde nie erwähnt, dass Joyce Byers und Hopper mit Henry Creel aka. Vecna zur Schule gegangen sind? Das Netz ist voll mit Listen ungelöster Rätsel und verbliebenen Plot-Lücken.
Fertig werden #
Dreieinhalb Jahre mussten wir auf Staffel fünf warten. Scheinbar war das noch nicht lang genug für die Duffer Brothers, die nach eigenen Angaben noch bis zur Deadline am Finale schraubten. Dass die Zeit trotzdem nicht reichte, zeigt sich in der ersten Stunde der letzten Folge, die immerhin zwei Stunden lang ist. Da wird nicht einfach die Pace erhört, alles wirkt eher wie mit heißer Nadel genäht. Der Endkampf beispielsweise gegen Vecna und den Gedankenschinder ist alles andere als spannend. Vecna ist schnell aufgespießt und der Gedankenschinder erliegt ebenfalls schnell den Angriffen. Vecna wehrt sich dabei kaum, von all den Monstern, die er sonst erschaffen hat, ist plötzlich keine Spur mehr. Joyce darf (ihrem Schulfreund) Henry am Ende den Kopf abschlagen, ihr einziger Beitrag in diesem Bossfight, zu dem sie aber glücklicherweise auch nur eine Axt als einzige Waffe mitgebracht hat. Und zack! sitzen wieder alle auf der Ladefläche des LKWs[5] und sind auf dem Weg, die Schattenwelt zu verlassen. Am Tor werden sie vom Militär in Empfang und festgenommen, Elfie stirbt mit der Schattenwelt, oder auch nicht, zack! Einblendung: achtzehn Monate später und der Epilog beginnt. „Stranger Things“ im Schweinsgalopp.
Nicht alles schlecht #
Einiges, was im Netz viel kritisiert wurde und wird, gefiel mir aber auch. Einigen Stories wurde nämlich doch die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, es war also nicht alles schlecht.
Die Schlussmach-Szene zwischen Nancy und Jonathan konnte ich zum Beispiel gut nachvollziehen, die Beziehung der beiden beruhte eher auf einem gemeinsamen Trauma, als auf Liebe. Viele Fans waren darüber aber eher verwirrt. Zumindest wurde hier mal ein Handlungsstrang ordentlich beendet.
Ebenso fand ich das viel diskutierte Coming-Out von Will nicht so schlecht. Wills „ich mag keine Mädchen, jedenfalls nicht so wie ihr“ passt ziemlich gut in die Achtziger Jahre, in denen „schwul“ noch ausschließlich als Schimpfwort genutzt wurde, von einer LGBTQ±Bewegung noch keine Spur war und Wham!, Boy George oder auch Limahl vor allem von jungen Mädchen verehrt wurden. Was heute als unproblematisch angesehen wird, war damals zum Teil noch gesetzlich, mindestens aber gesellschaftlich verboten. Auch diesem Handlungsstrang wurde viel Platz eingeräumt, war den Produzenten also sehr wichtig. Robin und Vicky beispielsweise sind scheinbar allein für diesen Handlungsstrang in der Staffel. Schade, dass nicht allen Storyanteilen so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde von den Produzenten.
Und der Epilog? Ich mag die Sequenz nicht wirklich, weil sie so offensichtlich auf die Tränendrüse drückt. Mit Justins Abschlussrede enthält sie allerdings ein weiteres perfektes Ende eines Handlungsstranges, nämlich den von Eddie Munson. Justin macht genau das, was sich Eddie für seine Abschlussfeier vorgenommen hatte, Wort für Wort. Das hat mir sehr gefallen. Ebenso die Endszene, wo nun das D&D-Spiel von Holly und ihren Freund*innen übernommen wird, empfand ich durchaus als rührend. Ich hoffe nicht, dass hier ein Sequel angedeutet wird, denn als Abschluss von „Stranger Things“ war zumindest diese Szene perfekt.
Ich habe jetzt ausdrücklich nichts über die Rolle von Elfie oder die schauspielerische Leistung von Millie Bobby Brown geschrieben. Gegen sie wird viel, auch sehr verletzende Kritik ausgeschüttet und das auch mit ihrer Entwicklung über die letzten Jahre verbunden. Das grenzt inzwischen schon an Mobbing und an sowas beteilige ich mich nicht.
Fußnoten
„Lost“-Schöpfer Damon Lindelof wollte die Serie nach Staffel 3 beenden ↩︎
beziehungsweise eigentlich umgekehrt, schließlich ging es hier um Vampire: künstlich tot hielt ↩︎
Eine Figur überlebt gefährliche Situationen oder bleibt von Konsequenzen verschont, nicht weil es logisch wäre, sondern weil die Handlung sie noch braucht. ↩︎
Dr. Martin Brenner zähle ich zu den Bösen und die sterben ja wie die Fliegen ↩︎
ewig langer Rückweg durch den Abgrund, Abstieg über den Radioturm entfällt ↩︎
1 Kommentar
Nico