Gelesen am Wochenende

Beitragsbild gemeinfreiähnlich freigegeben von Alfons Morales auf Unsplash.

Hufeisen am Arsch!

Vor noch nicht so lange wurde auf Twitter viel der Hashtag #nieMehrCDU verwendet und ich habe damals chon geschrieben, dass es #nochNieCDU heissen müsste. Nun hat sich die sogenannte christlich demokratische Union vor unseren Augen zerstört—wer hätte gedacht, dass sie das aelbst besser konnte als Rezo—und wir sind etwas verunsichert, denn bei allem was war, war die CDU doch wenigstens demokratisch, oder nicht?!

Etwas wehmütig erinnere ich mich an meine jungen Jahre, zurück an den Westen also, in denen für mich jedenfalls die Fronten immer klar geregelt waren. CDU ging gar nicht! Als junger Mensch war man altertümlichen Einrichtungen wie Parteien oder Kirchen ja grundsätzlich feindlich eingestellt, aber die CDU war die Partei, die beides miteinander kombinierte, ekelhaft! Noch dazu hatte sie Helmut „Birne“ Kohl hervorgebracht. Schlimmer wäre wohl nur die verräterische FDP gewesen, ich habe aber nie einen Menschen meines Alters getroffen, der mit der sympathisiert hätte. Pomadierte Gesichtsälteste und geistig Gleichgeschaltete, die sich Junge Union nannten gab es allerdings doch ein paar. Solche die am Gymnasium mit Anzug und Lederkoffer herumliefen. Die CDU aber stand damals für das Alte, das Verknöcherte, Opas und Omas, die einen ankeiften, man solle doch in den Osten gehen, wenn es einem hier nicht gefalle. Stadträte und Lokalpolitiker, die man mit alternativen Aktionen und etwas ungehorsam so in Rage bringen konnte, dass sie gleich alle Masken fallen und den inneren Nazi, der in vielen immer noch schlummerte, ins Freie ließen. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, es hätte Spaß gemacht. Nein, es hat Spaß gemacht.

Und ist das heute anders eigentlich? Man spricht von der Sozialdemokratisierung der CDU, aber das ist ein Framing, das von Friedrich Merz kommt, einem der Nutznießer der aktuellen Situation. Der Mann ist so Werteunion, dabei gehört er ihr nicht mal an.

Merz ist der Mann, der nen Laptop voll sensibler Informationen verloren hat, den ein Obdachloser zurückgab. Zum Dank ließ der Millionär dem Finder eine Ausgabe seines Buches zusenden. Titel: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion“
So einer is das. [Lower Class Magazine]

Wenn man nur einmal die banale Starrsinnigkeit von AKK und Ziemack bei der in Dauerschleife wiederholten Hufeisentheorie anschaut, weiß man: nichts hat sich geändert! Immer noch wird links und rechts gleich gesetzt, als wenn man es nicht besser wüsste. Und immer konnte man unterstellen: in Wahrheit meinen sie aber vor allem links.

Erfurt hat aber bewiesen: wenn es drauf ankommt, entscheiden sich CDU und FDP für die Rechten. Hufeisen am Arsch!

CSS4: Des Kaisers neue Kleider

Peter Paul Koch denkt seit ein paar Wochen, immer mal wieder über die Einführung eines CSS4 nach, lustigerweise aus rein marketingstrategischen Überlegungen heraus.

Regardless of what we say or do, CSS 4 will not hit the market and will not transform anything. It also does not describe any technical reality.
Then why do it? For the marketing effect.

CSS ist heute… CSS, es ist aufgeteilt in einzelne Module, die eine eigene Versioniering haben, sich voneinander getrennt weiterentwickeln. Ein Konzept, das aus technischer Sicht hervorragend funktioniert. Allerdings, soweit muss man PPK recht geben, es gibt der Sache keinen Markenkern, keinen werblichen Anstrich, keine Zugkraft, die bspw. CSS3 oder gar HTML5 durchaus hatten.

Instead of attempting to define it, we should airily refer to CSS4 but be rather vague about what it means exactly. That allows people to project their own feelings and ideas onto it. CSS4 is here, and it means whatever you want it to mean. Now come and learn. It’s cool!

Der Vorschlag geht tatsächlich in die Richtung, zunächst zwei Module auszuwählen und diese fürdahin „CSS4“ zu nennen. Eins der Module soll custom properties sein, das andere wird noch diskutiert. Chris Coyer unterstützt die Idee.

Was ist nun das eigentliche Problem dahinter? Hat die schwer definierbare Masse CSS tatsächlich keinerlei Werbewirkung? Muss man dafür überhaupt werben? Stehen wir in Gefahr, auf Tabellen und inline-Attribute zurück zu fallen? Ich schätze nicht.

Allerdings hat PPK einen Punkt in der Befürchtung, dass CSS an Bedeutung verliert, zumindest für einen Teil von Entwicklern, mindestens jenen, die über Javascript und seine Frameworks zur Webentwicklung geraten sind. CSS ist kein Hexenwerk, aber anscheinend ein abschreckendes Konzept für Javascriptprogrammierer. PPK teilt zur Erklärung die Entwicklerwelt in drei Teile: Kopf, Torso und „long tail“ (höhö), wobei vor allem bei letzterer Gruppe sich wenig um CSS kümmert. Was sich etwas sehr abgrenzend anhört beschreibt aber eigentlich recht gut, die aktuelle Wissensverteilung und aktive „wenn ich einen Hammer habe, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel“-Ideologie, die dort herrscht, wo man der Ansicht ist, CSS durch JS ersetzen zu können.

In practice, all current outreach efforts such as conference presentations and blog posts or articles are aimed at the head. Not that the torso or long tail wouldn’t understand them, but they generally don’t seek them out. I would like to give them an incentive to do so.

Und dieses incentive soll nun CSS4 geben. Hmmm… etwas ratloses am Kopf kratzen… wenn ich mal kurz darüber nachdenke, was ich in jungen Jahren mit viel Stolz an Badges und Buttons auf meine Seite gepappt hab, „build with CSS2“ oder was für einen PR-Stunt es war, die erste Nachrichtenwebsite in HTML5 zu bauen… vielleicht ist am Ende etwas dran an der Idee? Man könnte das eine oder andere Buch raushauen: „CSS4 – the good parts“, „Highend CSS4“ und „Professional CSS4“. Und Aufkleber drucken!

OK, ich weiß echt nicht, ob es helfen wird. Aber ich hätte Bock! Go CSS4!

Watchlist

Am Ende des Anfangs

CDU, FDP und AfD haben einen gemeinsamen Ministerpräsidenten gewählt, und nichts, gar nichts, was die Vertreter von CDU und FDP dazu jetzt an Beschwichtigungen aufsagen können, wird glaubhaft sein. 

ZEIT ONLINE

Den vielzitierten Anfängen brauchen wir nun nicht mehr zu wehren. Die ehemalige politische Mitte ist für immer verseucht, das System Höcke funktioniert und unsere Demokratie hölt sich von innen aus.

Gute Nacht Deutschland.

Der historische Sündenfall aber ist es, sich als Kandidat der Mitte nicht nur von der AfD wählen zu lassen, sondern dann das Amt tatsächlich anzunehmen.

taz: Von Höckes Gnaden

Die CDU hatte also die Wahl, ob sie eine vernünftige linke Regierung zulässt, mit einem lange und ruhig ausgearbeiteten Koalitionsvertrag, die noch dazu demokratisch auf die Stimmen der Union angewiesen wäre, also durch und durch transparent und kontrollierbar regieren würde – oder den Dammbruch wagt, und zusammen mit Holocaust-Relativierer Björn Höcke einen demokratisch mehr als schwach legitimierten FDP-Politiker an die Macht bringt.

der freitag: Das ist der Dammbruch

Wenn die FDP doch, wie Lindner einst nach der geplatzten Jamaika-Koalition sagte, lieber nicht regieren will statt falsch zu regieren – was ist dann RICHTIG daran mit einer Partei zu paktieren, an deren Spitze ein Mann steht, den man rechtssicher als Faschisten bezeichnen darf?

Katascha: Thüringen

Und es spricht leider vieles dafür, dass der gelb-schwarz-braune Coup mit Lindner abgesprochen war, oder zumindest von ihm toleriert wurde. Jetzt steht die FDP vor dem selbstverschuldeten Scherbenhaufen ihrer Existenz. Sie wird die erste Quittung bei der Hamburger Wahl bekommen, weitere werden folgen.

Sprengsatz: FDP – Die überflüssige Partei

Wir hatten ja nichts!

Möglicherweise werden wir alle älter. Ein Phänomen, das bisher an mir gänzlich vorbeigegangen ist. Allerdings poppen um mich herum immer wieder Artikel über die guten alten Zeiten hoch, an die ich wundersamer Weise gar nicht so gute Erinnerungen hege, sondern mir graue Haare in nicht geringer Menge eingebracht haben. Evelyn Woods herzerreißende Komplettgeschichte der Webentwicklung seit 1999 bis heute, welche ich dringends zur Lektüre empfehle, fasst nun quasi alles zusammen, was man als Webentwickler:in in den genannten Jahren erleben durfte und musste. Und das war nicht immer schön, wie die mitgelieferten Codebeispiele eindrucksvoll beweisen. Nehmt euch einfach ein halbe Stunde Zeit, eine feine Tasse Early Grey und lest den Text einmal in Ruhe durch.

Was bei allem Meckern über die sogenannten guten alten Zeiten oft vergessen wird ist allerdings, wie hemdsärmelig das alles war einerseits, dabei aber von einer beeindruckenden Direktheit, die einen unglaublichen Spaß brachte. Man hat halt an einem Codeschnipsel immer und immer wieder herumgeschraubt, über Nacht, per FTP direkt auf dem Server. Ich will gar nicht behaupten, man hätte damals Nerven aus Stahl gehabt, es war halt nur einfach egal. Bis weit in mein aus dem Blog erwachsenen Arbeitsleben hinein habe ich es noch mit Downtimes zu tun gehabt, die jemand beim Hantieren auf dem Server verursacht hatte. Kein Netz, kein doppelter Boden. Vielleicht mal ein Backup (you know index.html.bak?). Dafür war immer alles sofort verfügbar, wir operierten an offenen Herzen und in 98% der Fälle überlebten die Patient:inn:en und sahen danach besser aus als vorher. Noch heute sitzt mir diese direkte Arbeitsweise im muscle memory, was sich durch hunderte Reloads oder Wechsel von der IDE zum Browser, reloaden passiert ja inzwischen von selbst, zeigt. Coden, schauen, coden, schauen, rinse, repeat. Es hat sich auch gezeigt in einem starken Unwillen, diese Macht aus der Hand zu geben. Was liebte ich CSS-Präprozessoren, aber lehnte sie zunächst doch ab, weil ich ihnen mißtraute, die sollen mein CSS schreiben? Never! Und erst webpack 😱

Naja, glücklicherweise habe ich immer junge Kolleg:inn:en gefunden, die mich auch noch heute in meinem Rollstuhl durch die Codebasis fahren und mit mir die Wunder der modernen Webentwicklung ergründen.