
Harry Callahan versus Jimmy Popeye Doyle
Zwei Cops, zwei Großstädte, ein Jahrgang. 1971: Während Harry Callahan in „Dirty Harry“ die Law-and-Order-Fantasie zur Ikone verhärtet, hetzt Jimmy „Popeye“ Doyle in „The French Connection“ durch einen dokumentarisch kühlen New-York-Thriller, der den Preis dieser Besessenheit gleich mitliefert. Beide Filme lieferten damit die Blaupause für das spätere Crime- und Action-Kino.
Angeregt durch Quentin Tarantinos „Cinema Speculation“[1] habe ich mir nochmal „Dirty Harry“ zu Gemüte geführt. Das perfekte Gegenstück zu meinem Lieblingsfilm „French Connection“, den Tarantino aber leider ein wenig vernachlässigt. Die Figuren, der Magnum schwingenden Cowboy Callahan (Clint Eastwood) auf der einen Seite und den eher mit eine Whiskey-Flasche bewaffneten Popeye Doyle (Gene Hackman) auf der anderen, waren prägend für das Kino und gleichzeitig ein Abbild des Amerikas der beginnenden 70er Jahre. Beide Filme sind total unterschiedlich und weisen gleichzeitig viele Parallelen auf. Parallelen auch zur heutigen Zeit.
Konservativer Backlash #
„Dirty Harry“ wurde von Regisseur Don Siegel nicht aus Versehen in San Francisco, der Stadt der Blumenkinder, platziert. Und schon die erste Szene versetzt das Publikum in Angst oder spiegelt diese: man konnte quasi jederzeit, mitten in der Freizeit, aus dem Nichts erschossen werden! Noch dazu ist der Killer in „Dirty Harry“ an den realen Zodiac-Killer angelehnt, der Film zapft reale Ängste des Publikums seinerzeit geradezu an. Filmisch zeigt sich hier eine gewissen Genialität[2], aber leider verliert er im letzten Drittel seine Unschuld und schwingt in die äußerste rechte Ecke, indem er Harry Callahan und seine 44er Magnum als die einzig verbliebene Bastion zwischen Ordnung und Anarchie geriert. Der Film wendet sich an ein reaktionäres Publikum und hatte damit einen Riesenerfolg:
While Dirty Harry isn’t a racist film, or quite the fascist film its critics at the time claimed, it is reactionary. Aggressively reactionary. And it promotes a reactionary view, sometimes as subtext and sometimes as text. Because the audience the film sought to excite held a view of the rapidly changing society around them that was bordering on future shock. Dirty Harry gave voice to their fears, told them they were right to feel that way, and gave them a .44 caliber hero who would fight for them. This element would disappear from the Harry sequels. Because while this element was why it connected so well with its audience, it’s also what put the film in the crosshairs of social commentators.
Ob das nicht doch faschistoid ist, möchte ich anzweifeln. Nachdem Harry den Killer geschnappt hat, verkommt der Film geradezu politisch. Zunächst sehen wir in einer hart brutalen Szene, wie das tote Mädchen aus seinem Versteck geborgen wird, dessen Ort Callahan durch Folter erpresst hat. Um direkt danach zu lernen, dass der Täter sofort wieder frei kommt. Aber Miranda-Urteil hin oder her, das ist schlicht Blödsinn, ein Plot-Trick. Der Film beweist seine politische Pointe nicht durch Argumente, sondern durch Plot-Mechanik: Er konstruiert eine Welt, in der Rechtsstaatlichkeit praktisch zum Täterbonus wird. In seinem unbedingten Willen jene von Richard Nixon so beschworene „schweigende Mehrheit“ ins Kino zu bekommen, geht der Film zu weit. Die liberalen Errungenschaften der ausgehenden Sechziger sollen zurückgedreht werden, „law and order“ werden dafür als das Vehikel präsentiert. Nicht umsonst zeigte der rechte US-Präsident den Film in Privatvorführungen in Camp David und nominierte Clint Eastwood in das National Council of Arts. Und angesichts der heutigen Situation in den USA, kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?
Polizeiarbeit mit Kollateralschäden #
„French Connection“ war und ist da wesentlich schwieriger einzuordnen. Es ist ein New Hollywood Streifen und obwohl Popeye Doyle ein rassistischer Besessener ist, der bei seiner Täterjagd Vorschriften am laufen Band bricht, billigt das der Film nicht unbedingt. Regisseur William Friedkin hat Doyle als einen Anti-Helden konzipiert, selbstzerstörerisch und alkoholsüchtig. Seine übermäßige Hybris wird im Laufe des Film enttarnt, als er versehentlich einen FBI-Agenten tötet.
Der Film zieht aus einer ähnlichen Szenerie: Gewalt- und Drogenkrise in New York City, struktureller Rassismus innerhalb des NYPD, die Schere zwischen Arm und Reich, gänzlich andere Schlüsse. „French Connection“ arbeitet an vielen Stellen eher dokumentarisch, durch die Handkamera und die oft natürliche Beleuchtung entsteht eine Distanz zum Gezeigten, kein sich gemein machen. Das alles gipfelt in seinem pessimistischen Schlussbild ohne Erlösung, das den Zeitgeist-Zynismus noch verstärkt.
So ist am Ende „Connection“ der bessere Film. Er verbindet eine quasi-dokumentarische Ästhetik mit einer Hauptfigur, die ausdrücklich unangenehm ist und lässt die Jagd nicht in moralischer Klarheit aufgehen. Dazu kommt nicht zuletzt, er wurde auch institutionell als Spitzenkino seiner Zeit geadelt, mit fünf Oscars.
Eins noch: die Musik #
Beide Filme teilen auf den ersten Blick eine musikalische Signatur der frühen 70er: Jazz nicht als „schicke Club-Deko“, sondern als urbaner Pulsschlag. In „Dirty Harry“ macht Lalo Schifrin daraus ein Branding für Callahan: eine Musik[3], die seine Coolness und Gefährlichkeit gleichzeitig verkauft – Schifrin „nutzt Jazz-Moods“, um Eastwoods Inspektor sofort als Figur zu setzen (noch bevor der Film groß erklären muss, wer dieser Mann ist). Das funktioniert über jazzig-funkige, perkussive Energie und einen Sound, der wie Großstadt-Nerv und Machtdemonstration wirkt: ein Score, der den Film antreibt und die Pose des kompromisslosen Cops musikalisch mitformt.
„The French Connection“ dagegen nutzt Jazz (Don Ellis ist als Jazz-Trompeter bekannt) weniger als Heroisierung, sondern als Kälte- und Stressverstärker und vor allem: dosiert. Gerade weil der Film so stark auf „es passiert einfach“-Realismus setzt, taucht die Musik oft punktuell auf, ohne das Publikum „zu dirigieren“; wenn sie da ist, soll sie eher eine Stimmung evozieren als Emotionen vorschreiben. Dazu passt, dass von Ellis’ Score offenbar nicht einmal alles verwendet wurde (nur etwa die Hälfte dessen, was er schrieb, kam in den Film) – was die Musik zusätzlich wie ein seltenes, scharfes Gewürz wirken lässt, nicht wie ein durchlaufender Motor.
Fußnoten
Wenn ihr es kauft dann bitte hier. Ich höre aber meistens das Audiobook, bei dem faszinierender Weise das erste (hier anhören) und letzte Kapitel von Quentin selbst eingesprochen wurde. ↩︎
Tarantino hebt das deutlich hervor:
And in the process, the film creates the first cops-after-a-serial-killer thriller. Most cops in seventies action movies were busy busting dope rings or Mafia Mister Bigs. But from the eighties to today, cops after serial killers is the main occupation of the movie police.
↩︎Lalo Schifrin – „Dirty Harry Soundtrack“ bei Apple Music ↩︎
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