Rückzug ins Private oder politische Impotenz

Thema:

Johannes ist zwiegespalten, sich ins Private zurückziehen hält er für falsch, das Gegenmodell in unseren hyperpolitischen Zeiten aber auch:

Der manische Konsum politischer Nachrichten und Analysen bei gleichzeitiger politischer Impotenz (und, je nach Online-Präsenz, öffentlicher Empörungszurschaustellung) erscheint mir aber auch kein gesunder Ansatz.

Johannes Kuhn

Ich kenne beide Modelle gut. Auch bei Blogs. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft und bei meinem eigenen Blog. Dabei ist seit Jahren unbestritten und von mir selbst auch ausgiebigst dokumentiert, dass, ich formuliere es positiv, wir uns engagieren müssen, wenn wir den Faschismus noch verhindern wollen. Das verstehe ich als politisch impotenter Meckerer durchaus auch und vor allem als Selbstkritik.

Ich habe in den letzten Jahren dazu einiges gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass es im Moment das beste wäre, sich in einer Partei zu engagieren und ich weiß leider sehr genau, wie sich das anhört. Das ist unsexy as it can be heutzutage. Aber seitdem die Parteien den massenhaften Protest Anfang 2025 einfach wegignorieren konnten, ohne selbst auch nur irgendetwas gegen die AfD auf die Reihe gebracht zu haben, glaube ich wirklich, das letzte was uns noch vor dem bewaffnetem Kampf gegen den Faschismus retten kann, wäre ein Massseneintritt in Parteien. In Deutschland wird gewählt, wer am meisten im Gespräch ist und das könnte der Wendepunkt sein. Leider wird das gerade im Osten wohl eher nicht passieren.

Und auch ich tue mich da wirklich, wirklich schwer, weil ich von meinem 16. bis zu meinem 34. Lebensjahr in einer Partei und zumindest am Anfang sehr sehr engagiert war. Ich bin dort mit der Erkenntnis ausgestiegen, das zumindest diese Partei, aber womöglich alle, ein nicht zu rettendes Konstrukt ist und dem Tode geweiht. Dass sie noch weitere 20 Jahre dahinsiechen würde, was noch viel schlimmer als der von mir prophezeite Tod war, habe ich nicht kommen sehen.

Jedenfalls will ich mich dieses Jahr wieder engagieren. Wie auch immer. DM sind offen, sagt man heute glaube ich. Und hier meckere ich weniger, schon seit einiger Zeit.

7 Kommentare

Versteh alle Ansätze irgendwie. Verständnis für die, die aus lauter Überforderung einfach gar nichts mehr verfolgen, aber auch die, die sich aufmachen, um politisch aktiv zu werden. Trotz all der Shize in meinem Leben(eigene Krebserkrankung, Tod mehrer naher Verwandter..) habe ich mich vor knapp 2 Jahren für die politische Aktivität entschieden und wurde Parteimitglied. Bin jedoch vor kurzem wieder raus, weil statt sich um wirklich wichtige Dinge auf regionaler Ebene zu kümmern, es zu 99% nur Streitereien, Missgunst und der Blick auf die eigene politische Karriere war. Ich bin wahrlich nicht auf den Mund gefallen, aber nur innerer Krieg Tag für Tag war mir zu viel. Da ich jedoch viel Zeit und nen Laptop im Krankenhaus habe, fing ich vor kurzem an, Organisationen und Vereine, die sich gegen Rechts einsetzen mit dem zu unterstützen, was ich kann.. Webseiten, Social Media Kampagnen, Flyer etc. ehrenamtlich zu gestalten. So kann ich für mich selbst und im Hinblick auf meine kleine Nichte und Neffen wenigstens irgendwie vertreten, wenigstens etwas für ihre Zukunft zu tun.

Das ehrt dich. Und du schreibst etwas sehr wichtiges, was ich und viele andere leider immer wieder vergessen:

[…] sich um wirklich wichtige Dinge auf regionaler Ebene zu kümmern …

Denn das scheint mit der Punkt zu sein, wo Politik am meisten erreichen kann: auf regionaler Ebene.

Den für mich überzeugendsten politischen Post, den ich in letzter Zeit in einem Blog las, war „wie ich Kommunalwahlplakate für mich selber aufhängte.“ Nacherzählungen und Interpretationen der Nachrichten hingegen finde ich meistens ziemlich ermüdend, dafür brauche ich persönlich keine Blogs.
Verstehe ich gut, danke fürs Teilen. Ich lese tatsächlich aber einige Blogs von Leuten, die ich persönlich kenne und deren Einschätzungen zu politischen Themen ich sehr schätze. Gerade bei komplexen Themen finde ich es oft hilfreich, wenn jemand, den ich kenne und schätze, seine Sicht der Dinge teilt.

“Meine Generation ist in ihrer Grundhaltung gegenüber den großen Themen des Lebens hilflos, überfordert, in Anspruchsdenken gefangen. Und resigniert in einem Maße, das sich durch keine Erfahrung rechtfertigt, die ein durchschnittliches Bürgerkind in Deutschland in den letzten 30 Jahren machen konnte.” ― Florian Illies

Es gibt keine Demokratie der Welt, die ohne Parteien auskommt. An irgendeinem Punkt muss man anfangen, sich zusammenzutun und Einzelmeinungen so zusammenzuführen, dass daraus am Ende im Parlament eine Ja/Nein-Frage wird.

Der Eintritt in eine Partei ist in jedem Fall richtig. Man mache sich aber darauf gefasst, dass man dort kaum funktionierende Organisation vorfindet, die über das SEPA-Mandat oder die E-Mailverteiler-Liste hinausgeht. Es geht nicht nur darum, in Parteien einzutreten. Es ist viel gravierender. Es geht darum, sie als massenintegrative Organisationen neu aufzubauen, d.h. allem voran Prozesse zu schaffen, in denen jede interessierte Person die Möglichkeit findet, ihre Ressourcen (Wissen, Informationsverarbeitungskapazität, individuell realweltliche Handlungsmacht) in der Wertkette politischer Arbeit selbstwirksam und nützlich einzusetzen.

Sollte jemandem der Beweis des Gegenteils gelingen, werde ich mich sehr freuen. Mehr noch aber freue mich über Gesprächspartner, die ans Werk gehen (wollen).

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