Fragen zur Durchseuchung

Der Schleswig-Holsteinische Gesundheitsministerdarsteller Heiner Gark sagte heute, nachdem SH für Samstag den quasi freedom day angekündigt hatte, dass es nun darum gehe, „einen Übergang von der pandemischen in eine endemische Phase zu finden“. Wie erfrischend unehrlich! Was er in Wahrheit hätte sagen sollen, schreibt stattdessen Ben: „Durchseuchung it is also.“ In dem Zusammenhang hat Ben ein paar Fragen in den Raum gestellt

Die Durchseuchung ist der Weg, der jetzt gegangen wird. Im Freundes in Bekanntenkreis erwischt es jetzt selbst die Vorsichtigen und Rücksicht nehmenden mit einer Geschwindigkeit wie nie zuvor in der Pandemie. Und gleichzeitig werden die Massnahmen gelockert. Durchseuchung it is also.
[…]
Erstens: Was passiert hier eigentlich? Wieso sagt einem niemand, dass das nun der Weg ist, der gegangen wird?

Diese Pandemie ist nicht nur eine Erkrankung der Atemwege, sie ist vor allem auch ein Krankheit der Kommunikation. Auf allen Ebenen von der X-Kanzlerin bis zu den Nachbarn im Treppenhaus. Bei niemandem scheint das was gesagt wird noch zu dem zu passen, was gedacht wird. Bei den Nachbarn versuchen sich nur alle als die verantwortungsvollen Bürger zu generieren, um dann bei erster Gelegenheit die Maske in den Dreck zu werfen und den Urlaub in Ägypten zu buchen. Die Politiker*innen meinten von Anfang an, mit magischem Denken, dem Prinzip Hoffnung und etwas Glück, könnten sie sich durch das Tal der Tränen lavieren. Dabei haben wir uns so in die Ecke gemalt, die Durchseuchung ist im Grunde alternativlos. Und deswegen muss sie als etwas anderes verkauft werden, nein, am besten sprechen wir gar nicht darüber, dann fragt auch niemand nach Alternativen. Alle versuchen nur das zu sagen, von dem sie glauben, dass es das ist, was die anderen hören wollen. Freiheit, das wollen die Leute hören, nicht Durchseuchung. Und hier in Sh steht ja auch die Wahl vor der Tür…

Zweitens: Ist das demokratisch? Das ist eine ganz ehrlich gemeinte Frage. Viele gewählte Vertreter des Souveräns scheinen ja aktiv an dieser Entwicklung Anteil zu haben. Und ich würde nicht mal ausschliessen, dass die Mehrheit die Durchseuchung inzwischen billigend in Kauf nimmt, um wieder Fliegen, Feiern und Shoppen ohne Maske zu können. Und was sagt der Minderheitenschutz eigentlich dazu, ohne den Demokratie ja nur Diktatur der Masse ist.

Wenn ich die Meinungsumfragen richtig interpretiert habe, hat die Masse stets alle Maßnahmen unterstützt, gegebenenfalls weil sie glaubten, dass von ihnen erwartet wurde, das zu antworten, siehe oben. Durchgesetzt haben sich am Ende die Schreihälse. Ich denke dass das schon während der Koalitionsverhandlungen klar war, wenn ich rate sollte, eine der Bedingungen, die man der FDP nicht ausschlagen konnte oder wollte. Auf die Minderheit wird dann eben geschissen. Oder wie Herr Gark (FDP) es nennt: „Die zentrale Herausforderung ist, mit diesem Erreger so umzugehen, wie wir mit anderen Erregern umgehen.“ Wobei gleichzeitig täglich so viele Leute sterben, im Gegenwert eines gefüllten Jumbo-Jets. Aber im Rahmen der bundesdeutschen Definition ist es leider… Demokratie. Auch, wenn mich das zutiefst enttäuscht hat.

Drittens: Was wird das mit uns machen? Dumme Frage eigentlich.

Gar nicht dumm. Denn es macht etwas mit uns. Für mich persönlich ist das alles hier wie eine Wiederaufführung meiner Jugend Ende der Achtziger. In den Jahren nach dem Mauerfall hatte ich mich mit unserer Gesellschaft einigermaßen arrangiert, hatte fast ein positives Gefühl, das aus dem Land vielleicht doch etwas werden könnte. Aber jetzt? Die Enttäuschung über das Stastsversagen in der Pandemie, gepaart mit dem Kriegsausbruch, und dem direkten Zunichtemachen vom allem, was wir aus den atomaren 80ern mitgenommen hatten, zurück zu Militarismus, Aufrüstung, Abschreckung… bringt beispielsweise bei mir eine ähnliche Wut hervor, wie in jenen Jahren, als wir Punks waren…

… und dieses Gefühl unbedingt etwas kaputt machen zu wollen.