Magisches Denken

„Magisches Denken bezeichnet in der Psychologie eine Erscheinungsform der kindlichen Entwicklung, bei der eine Person annimmt, dass ihre Gedanken, Worte oder Handlungen Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen, solche hervorrufen oder verhindern können.“ So die Wikipedia.

Annahmen über eine übernatürliche Fernwirkung von Dingen. Glaube, „Dinge, die eine Eigenschaft gemeinsam haben, seien auch in Anderem ähnlich“. Oder „man könne die Außenwelt durch Worte, Formeln, Sprüche oder bloße Gedanken beeinflussen“. Kommt dir das bekannt vor? Richtig: klingt wie die Coronapolitik in Deutschland dieser Tage.

Wenn du nicht mehr weiter weißt, muss eine App her

Schon die Corona Warn App (CWA) wurde ihrerzeit über den grünen Klee gejazzt, so dass sie dann zum Start die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte. Zur Erinnerung: die CWA ist eine App zur Unterbrechung von Infektionsketten, indem sie Leute nachträglich warnt, falls sie in einer Situation möglichweise einer anderen Person begegnet sind, bei der später Corona festgestellt wurde und die ihr Testergebnis in die App eingespeist hat. Wenn die CWA sehr viele Menschen richtig benutzen, kann sie dazu beitragen, dass die Ausbreitung von Corona eingeschränkt wird, vor Corona individuell schützen kann die App jedoch nicht. Trotzdem wurde die CWA zeitweise dargestellt, als bringe sie das Ende der Coronakrise, ermögliche die Wiederöffnung geschlossener Geschäfte, Clubs und Restaurants und schütze uns und unsere Liebsten vor der Ansteckung mit Corona. Als die App dann endlich erschien war klar, dass sie das alles nicht schaffen könnte. Nicht der einzige Grund, warum nicht genug Menschen die App installierten und nutzen, aber einer davon.

Heute sind wir da natürlich schlauer. Nicht! Der gleiche Glaube an Heilsbringung, Öffnung der Lokale und Restaurants, „Wege aus dem Lockdown“ wird heute wieder einer App zugesprochen, nämlich der Luca App. Diese tauchte Ende des Jahres aus dem Nichts auf, allen voran mit ihrem Aushängeschild Smudo, und wurde inzwischen von vielen Bundesländern angeschafft/lizensiert, ohne, dass sich dort wirklich jemand mit der Materie auskennt.

„Ich bin davon überzeugt, dass Luca uns in Kombination mit Testungen, der Corona-App und den AHA-Regeln in ein immer normaleres Leben führen wird.“

Smudo, Räbbäh und magischer Denker

Was die Luca App allerdings lediglich zu leisten versucht, ist dem schon bekannten Kontakttracing per App eine fehlende Dimension hinzuzufügen, nämlich die Aufzeichnung der Anwesenheit an einem Ort. Das können nebenbei bemerkt auch gut 50 weitere Apps in den Appstores, aber blöderweise haben die gerade keinen Smudo zur Hand, der Werbung für sie macht. Dabei geht es letzten Endes nur darum, die beim Besuch laut Infektionsschutzgesetz verpflichtende Angabe von Kontaktdaten beim Besuch einer Lokalität mutmaßlich zu vereinfachen. Datenschutzmäßig war schon die Zettelwirtschaft des letzten Sommers fraglich, in App Form kann das schnell einer Katastrophe gleich kommen und Experten bewerten die App als unsicher. Lustigerweise wurden schon im letzten Pandemiesommer die in Restaurants gesammelten Kontaktdaten lieber von der Polizei als von den Gesundheitsämtern abgefragt. Gesundheitsamts-Excel-Zauberin Bianca Kastl beschreibt in ihrem Artikel sehr beeindruckend, warum mehr Daten nicht gleich mehr erfolgreiche Kontaktverfolgung bedeuten. Und die ganze Funktionalität der Luca App ist mindestens fragwürdig, beziehungsweise wird sie derzeit auf dem Nachrichtendienst Twitter u.a. von Jan Böhmermann nachhaltig zerlegt: denn wer eines QR-Codes einer Location habhaft werden kann, kann sich dort einloggen, wann immer sie oder er will.

Zum Schnelltest zur Freiheit

Ein anderes schönes Beispiel magischen Denkens ist das Thema Schnelltests. Covid-Schnelltests können dazu beitragen, unvermeidliche Kontakte kurzfristig etwas sicherer zu machen. Von vielen Politiker:innen wird den Schnelltests aber eine geradezu magische Wirkung angedichtet, die (again) die Öffnung von Geschäften in den Cities, Museen und Theatern ermöglichen sollen. Vor allem an Schulen werden oder sollen Schnelltests massenhaft angewendet werden. Zusätzlich werden sie in immer mehr Bundesländern am Arbeitsplatz verpflichtend: jeder Arbeitnehmer muss sich zwei Mal die Woche testen lassen.

Leider hilft auch hier wieder das magischen Denken nicht. Gerade als Massenmaßnahme weisen die Schnelltests einige entscheidende Schwächen auf, die in dieser Folge des UKW-Podcasts (ab 1:45:34) sehr ausführlich beschrieben und demonstriert werden. Das Kernproblem: es wird auf Infektiösität und nicht auf Infektion getestet. Die Haltbarkeit des Ergebnisses beträgt allenfalls 12 Stunden, weil jemand der/die getestet wurde zwar schon infiziert, aber noch nicht infektiös sein kann. Gerade für Schulen und den Arbeitsplatz bedeutet das, dass man sich eigentlich täglich testen lassen müsste. Maximal vorgesehen sind aber nur Tests zweimal die Woche, vielerorts vor allem in Schulen wurde mit nur einmal die Woche begonnen. Sicherheit lässt sich also nicht herstellen. Hinzu kommen Probleme bei der Anwendung (Test richtig machen) und dem Nachweis von Tests. Bei einem fiktiven Einkaufsbummel kann mensch ja nicht in jedem Laden einen neuen Test machen, sondern muss das Ergebnis des morgendlichen Tests auf irgendeine Weise glaubhaft dokumentieren und vorzeigen können. Wie man hierbei bestimmten Kreisen der Bevölkerung, die bspw. Obstnetze als Mund-Nasen-Schutz tragen, vertrauen will, bleibt rätselhaft. Ebenso wer das eigentlich ernsthaft kontrollieren wollte.

Aber immerhin: ein Schnelltest ist besser als kein Test, wenn damit richtig umgegangen wird, nämlich bei positiven Ergebnis ein PCR-Test sofort gemacht wird, um das Ergebnis zu verifizieren. Was der Glaube an das Wundermittel Test aber verursacht, ist, dass sie als Ersatz für weitaus sicherere Maßnahmen herhalten sollen, beispielsweise flächendeckendes Homeoffice, wo dies möglich wäre.

Lockdown ex machina

Die Liste der magischen Denkbeispiele ist inzwischen endlos. Zum Beispiel der Glaube an den Frühling! Oder die steile These, dass Schulen keine „Treiber der Pandemie“ wären. Jetzt wo sie geöffnet sind, steigen in den Altersgruppen der Schüler die Inzidenzen am stärksten (und in den Ferien fallen sie wieder, wie zum Beweis).

Oder aktuell gerade das Impfen bzw. die Impfkamapgne. Laschet viel zitierte Was-auch-immer-Lockdown soll ja angeblich nur die Lücke schließen, bis genug geimpft wurde. Auf Nachfrage meinte er, das wäre in zwei bis drei Wochen soweit. In zwei bis drei Wochen sollen 70% der Bevölkerung geimpft sein? Das wäre der alleroptimistischte Wert bei dem sich die sog. Herdenimmunität einstellen könnte, eine Zahl die längst angezweifelt wird und außerdem selbst extremen magischen Glauben unterliegt (siehe hierzu: Immunescape). Mitnichten. Man hofft bis dahin 20% der Bevölkerung erstgeimpft zu haben. Was das helfen soll, bleibt: magisches Denken. Hier reicht es aber immerhin schon einmal, einen neuen Lockdown zu rechtfertigen. Als wenn nicht die Situation schon Rechtfertigung genug wäre. Was fehlt ist ein Ziel. Aus magischem Denken werden magische Versprechungen. Warum gibt es stattdessen keine echte Strategie? Stattdessen plädiert die Bundesregierung für kurzen und einheitlichen Lockdown. Ohne zu Wissen wofür. „Wir brauchen eine stabile Inzidenz unter 100“, sagt Bundeskanzlerin Merkel. „Besser sei 50, optimal wäre unter 30.“

Nein, optimal wäre Null. Oder unter Zehn. Aber das mag ja mein persönliches magisches Denken sein…

Beitragsbild von Aziz Acharki auf Unsplash.