Testen um Kopf und Kragen

Die vielfach gehypte Teststrategie der Bundesregierung ist ein Griff ins Klo.

In meinem Bekannt:innenkreis haben sich Schnelltests rasant ausgebreitet. Die Kollgen:innen, die noch ins Büro gehen, können zwei pro Woche von der Firma bekommen. Oder der Vater, der regelmäßig ins Testzentrum geht, weil seine Tochter in der Notbetreuung ist. Seine Tochter, die ebendort regelmäßig getestet wird. Selbst ich habe eine große Packung beim Discounter bestellt, für den Fall, dass sie mal gebraucht werden.

Die Politik hat das Testen, lange Zeit bevor Tests überhaupt zur Verfügung standen, als Allheilmittel verkauft. Als Allheilmittel für Öffnungen. Schulen öffnen, durch regelmäßiges Testen. Büros offenhalten, durch Testen. Einzelhandel öffnen, mit Tests. Gastronomie, nur noch getestet. Konzerte und Festivals oder Familienfeiern: alle vorher testen und dann endlich mal die Sau rauslassen.

„Schnelltests entdecken eine Infektion nur an fünf von acht Tagen“

Christian Drosten

Nicht alle der genannten Testszenarien sind allerdings gleich sicher oder sinnvoll. Das nicht alle Schnelltest funktionieren und richtig angewendet werden, hatten wir hier schon gelernt. Wer allerdings die aktuelle Folge des Coronavirus-Update mit Christian Drosten gehört hat, wurde mit einer neuen Erkenntnis überrascht. Die Tests funktionieren in der Praxis wohl gar nicht so gut wie erwartet. Statt wie erhofft Symptomlose zu erkennen, die das Virus schon zwei Tage vor Ausbruch der Krankheit verteilen können, erkennen Tests die Krankheit wohl erst ab dem Zeitpunkt, wenn erste Symptome auftreten. Von den im Schnitt acht Tagen Ansteckungsfähigkeit sind wohl höchstens fünf abgedeckt, wie Drosten auf Basis von Praxisefahrung bei sich und bei Kollegen festgestellt hat.

Das heisst, dass Schnelltests funktionieren, aber nicht immer so, wie sich einige das erhofft haben. Ich zum Beispiel kann meine teuren Schnelltests weggeben an jemanden der sie brauchen kann. Mal eben schnell vor einem unvermeidbaren Kontakt alle teilnehmenden Personen testen, senkt das Risiko zwar, sich draußen treffen und Maske tragen bleibt allerdings wesentlich effektiver. Gleiches gilt dort, wo Tests nicht regelmäßig eingesetzt werden: es besteht immer die Gefahr einen oder mehrere Virusmultiplikatoren nicht zu erkennen und das reicht ja, für einen Superspreaderevent.

Makulatur, bevor das Gesetz überhaupt beschlossen ist

Im Schulkontext und am Arbeitsplatz, wenn dort gescreent wird, also regelmäßig alle getestet werden, dann funktionieren Tests auch. Wird ein:e Infizierte:r nicht zwei Tage vor Symptombeginn erkannt, dann beim nächsten Test sicherlich. Voraussetzung ist natürlich, neben der Regelmäßigkeit, dass alle die Tests machen und das im Positivfall entsprechend reagiert wird. Also nicht die Mitarbeiter:in nach Hause schicken, am nächsten Tag einen PCR-Test machen zu lassen, sondern direkt alle Kontakte der letzten zwei Tage isolieren, mindestens bis ein PCR-Testergebnis vorliegt.

Das könnte an Schulen ja vielleicht noch klappen. Mit dem laschen Angebotsgebot, das die Bundesregierung den Arbeitgebern ins Notbremse-Gesetz schreiben will, also nur einmal die Woche ein Angebot machen zu müssen, werden die Tests keinerlei Änderung an der Gefährlichkeit des Arbeitsplatzes bringen. Zumal die konsequente Reaktion eher nicht zu erwarten ist. So wie sich die Arbeitgebervertreter bisher generiert haben, gehe ich eher davon aus, dass die Regelung genauso wenig funktioniert, wie die zum Homeoffice bisher. Alle anderen Öffnungsdiskussionsorgien vom Schnelltest vor dem Boutique-Besuch bis zu den Modellprojekten, sind schon jetzt wieder Makulatur, bevor das Gesetz überhaupt beschlossen ist.