Kinderbilder

(1986) Es ist schon lange her, aber solche Erinnerungen brennen sich ein, bei mir jedenfalls. Ich war gerade 16 und brachte mal wieder eine neue Freundin mit nach Hause. Ja, das machte man in den Achtzigern noch so. Das war eigentlich immer eine gefährliche Situation bei uns, denn ich lebte in einem Frauenhaushalt, Vater der Seefahrer zog es ja vor mich 10 Monate im Jahr der Herrschaft von Mama und deren Mutter und den beiden Schwestern zu überlassen (wo ich das jetzt so schreibe, frag ich mich gerade, ob ich nicht doch homosexuell sein müsste, Notiz: mal einen Therapeuten fragen). Und neue Frauen wurden dort im allgemeinen auf zwei Weisen behandelt: ablehnend oder konspirativ. Beide Versionen waren irgendwie nicht gut für mich.

Wenn meine Mutter jedenfalls ganz hart drauf war, dann fesselte sie meine neue Freundin und mich mit einer Tasse Tee (trank man damals aus dem eigenen Teeservice) im Wohnzimmer und übte sich in Konversation. Eigentlich nichts böses könnte man denken, aber irgendwann landete das Gespräch bei meinen Kindersünden. Immer. Gerne sprang dann auch noch Oma mit ein, die es besonders gut drauf hatte, in ihrem halbdeutsch, halbholländisch zusammengewürfelten Kauderwelsch, die tollsten Babygeschichten von Nico zu besten zu geben (“Und dann hat er gesagt: Oma, die hast einen so riesigen Busen, wie eine alte Indianerin!, jaja, und das mit fünf.”). Aber wenn sie mich richtig fertig machen wollten, dann zückten sie eines der drei Kinderfotoalben. Damit war der Tag dann gelaufen, denn danach war an möglicherweise erste Sexerfahrungen mit der neuen Freundin nicht mehr zu denken (und das könnte wohl auch die Absicht der beiden alten Hexen 😉 gewesen sein). Peinlicher gings wirklich nicht. Aber das kam zum Glück nicht so oft vor und das Album war ja auch irgendwie sehr privat, inzwischen steht es in einem Bücherregal im Schlafzimmer meiner Mutter, ganz oben, und da bleibt es hoffentlich auch erstmal.

(2020) Der junge Mann traf sich zum erstenmal mit der jungen Frau. Gemeinsam wollten sie im Mediapark erst ein Eis essen und dann zusammen in einer Holosuite ein wenig Websurfen. Die übliche Art sich naher zu kommen, danach konnte man vielleicht sein Jugendapartment besuchen und die Beziehung dort noch ein wenig vertiefen. “Spielen wir Google?” fragte er sie, ein übliches Spiel in den Holosuiten, vor allem wenn junge Paare darauf aus waren zu erfahren sich kennenzulernen. Das Spiel ging so: abwechselnd steuerte jeder das Seuerdisplay und gab dabei Suchbegriffe an den Googlebot, der dann auf einem fußballfeldgroßen Schirm die Ergebnisse seines Suchlaufs anzeigte. Die Auswahl der Suchbegriffe war dabei entscheidend, denn an ihnen ließen sich die eigenen Interessen und das Interesse am Mitspieler leicht ablesen. Meist fing man mit den eigenen Freizeitvergnügen an und ging dann an persönlichere Themen.

Das Spiel lief soweit gut, die beiden stellten schnell fest, daß sie viele gemeinsame Interessen hatten und innerhalb einer halben Stunden waren sie sich so nahe gekommen, daß sie sich bereits ein Steuerdisplay teilten. Und schon waren sie beim persönlichsten alle Suchbegriffe angekommen, den Namen des Gegenübers. Er war noch bei keinem Mädchen soweit gekommen und war hocherfreut, als sie, verlegen kichernd, seinen Namen an das Steuerdisplay weitergab. Was dann jedoch geschah hatte er nicht vorhergesehen. Am liebsten wäre er im Boden versunken. Sie sah ihn ungäubig an. “Was sind denn Weblogs?”, fragte sie, sichtlich angewidert. “Nun ja, halt persönliche eindimensionale Informationsseiten, die Menschen vor viele Jahren über sich selbst anlegten.”, er war inzwischen im Gesicht krebsrot angelaufen. Gott war das peinlich. An einen Ausflug in sein Appartment war jetzt schon nicht mehr zu denken. “Und das ist das, was Deine Eltern ins Netz gestellt haben, damals?”, eine Frage die halb mitleidig, halb ungläubig formuliert war. “Mein Vater, ja. Ich glaube der hat mich gehasst.”, eine hilflose Reaktion, wahrlich. “Sorry”, zischte sie, “aber ich glaube ich will jetzt nach Hause.” Sie verließen die Holosuite, er zahlte, sie ging. Beim Herrausgehen warf er nocheinmal einen Blick auf das Display der Holosuite.

Der riesige Bildschirm zeigte hunderte Fotos, und obwohl es so viele waren, war jedes einzelne immer noch mindestens drei Meter hoch. Er sich selbst, er lachte sich selbst vom Display aus zu, lachte sich selbst aus. Es waren hunderte Kinderfotos, er beim ersten Mal auf dem Töpfchen, auf einem Bärenfell (splitterfasernackt: es war schon dort zu erkennen, das seine Männlichkeit nicht die größte sein konnte), nach einer Essenschlacht, mit völlig eingesudeltem Gesicht, beim Windeln wechseln, in der Achterbahn (er hatte sich gerade vollgekotzt von oben bis unten), auf einem Pony, weinend auf dem Boden liegend, neben einem Pony, in der Badewanne, vollgekackt, vollgepinkelt, mit Mama auf dem Klo, mit Papa im Wald, nackt, wieder angezogen, diesmal in einem lächerlichen Faschingskostüm und so weiter und so fort. Warum haben meine Eltern der ganzen Welt diese Bilder gezeigt? Seine ganze verdammte peinliche Kindheit in Bildern. Wenn er sich um einen Job bewerben würde im nächsten Jahr und der Personalchef der Firma googlet nach seinem Namen, er brach den Gedanken dort lieber ab. Meine Eltern müssen mich hassen, dachte er, als er allein in sein Appartment hochfuhr. Ich hasse sie jedenfalls.

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.