Nicht genug Daten, oder was?!

Die filter bubble ist ja auch eines dieser Schreckensphänomene, die allerorten an die Klowand gekritzelt werden. Dabei gibt es ja durchaus Gelegenheiten, wo einem das wohl zu Pass käme, wenn mal ordentlich gefiltert würde.

Wohnung suchen schwer gemacht

Mal angenommen ich suchte eine Wohnung und wohnte in einer Stadt, in der man nicht über Zeitungsanzeigen an eine Wohnung kommt. In dieser Stadt finden beinahe alle Wohnungsbesichtigungen am Sonntag statt, weil dort Sonntags die Zeitung mit den Wohnungsanzeigen erscheint. True Story. Also verabreden sich Makler, Vormieter und Wohnungsbesitzer mit ihren zukünftigen neuen Mietern, wenn ich noch ruhig schlafe. Meist sind sogar die Besichtigungstermine noch zu Zeiten, zu denen ich noch nicht aufgestanden bin! Am Sonntag! Derart benachteiligt bleibt einem ja nichts anderes übrig, als die einschlägigen Internetportale zu nutzen.

Dort kann man sich wenigstens auch gleich ohne Besichtigungstermin, Fotos der Wohnungen ansehen, und die Suchergebnisse nach vielen Kriterien filtern: Anzahl der Zimmer, Quadratmeter, Wohngebiet, Preis, und etliche Ausstattungsmerkmale. Und mit dieser eingeschränkten Suche kann man sich dann einen Newsletter schicken lassen. So bekomme ich regelmäßig nur Wohnungsangebote, die 100%ig passen. Hatte ich gedacht.

Das Gegenteil ist der Fall

Zunächst mal gibt es eine gewisse Fehlerquote, weil es für den einen oder anderen Makler leider völlig unmöglich ist, Internetformulare richtig auszufüllen. Schon die Angabe der Etage wird da zur unlösbaren Aufgabe, oder man verwechselt mal Warm- und Kaltmiete. Fotos sind zudem oft so aussagekräftig, wie ein Trailer für einen Kevin-James-Film, die ja lustiger sind, als der Film selbst. Aber auch Wohnungen, die allen eingestellten Parametern entsprechen, sind bei weitem nicht immer passend. Und dann gibt es welche, die schaut man sich sogar an—Termine mit dem Wohnungsbesitzer kann man direkt über das Portal absprechen, wie praktisch—und vor Ort stellt sich dann raus, dass nebenan eine Müllkippe ist, auf der Asbeststaub entsorgt werden soll oder ähnliche Katastrophen.

Getrackt wird alles, aber wofür?

Alle meine Interaktionen mit der Plattform werden über personalisierte URLs, Trackingspixel und Cookies mitgetrackt. Ob ich in einem Newsletter eine bestimmte Wohnung anklicke, welche nicht, welche ich nur ganz kurz anschauen, welche lang, ob vom Handy oder nochmal am Rechner zu Hause. Ob ich Termine vereinbare und danach trotzdem weitersuche. Mal ganz ehrlich, aus diesen Daten kann man doch alles herauslesen und mit den Angebotsdaten in Korrelation bringen. Ich höre immer Predictive Behavioral Targeting, ja was ist jetzt damit? Die in diese Fall traurige Wahrheit ist: der Dienst schafft es nicht mal zu verhindern, mir immer wieder die gleiche Wohnung vorzuschlagen! Aber die Angebote weiter filtern, und mir nur noch die Angebote zeigen, die wirklich zu mir passen, das ist einfach nicht drin, reine Utopie. Das System könnte ganz klar wissen, nutzte es die Trackingdaten und würde es die eingestellten Wohnngen besser klassifizieren, welche Wohnungen für mich in Frage kommen.

Nutzloses Tracking

Gleiches gilt natürlich nicht nur für immobilienportale, sondern auch für die Gebrauchtwagensuche oder beispielsweise Partnerbörsen. Der Nutzer wird dort überall bis ins letzte Detail getrackt, aber den Service verbessert man damit nicht. Wahrschienlich werden die Daten dann eher genutzt, um mir anderenorts die passende Bannerwerbung für Toiletttensitze zu zeigen. Und eins ist natürlich auch klar, eine Internetbörse ist ja irgendwie schizophren: sie will einen als Besucher da behalten, stelllt sie mch aber zufrieden, bin ich als Kunde verloren…

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.

7 Gedanken zu „Nicht genug Daten, oder was?!“

  1. Solche Daten in Echtzeit in Suchergebnisse einfließen zu lassen ist kein triviales Vorhaben. Das, was Amazon, Google, Facebook und Co. da machen, ist alles nicht an einem Tag entstanden und überfordert einfach viele Firmen, die die Daten zwar erheben, sich ab und zu vielleicht mal eine Statistik ansehen, aber letztenendes nicht richtig nutzen können. Dafür braucht es eben mehr, als den einen Programmierer und noch einen Administratoren, die dafür sorgen, dass so ein System läuft. Data Mining kann einen halbwegs guten Programmierer, der irgenwie mit PHP ein paar Tabellen befüllen kann, doch ganz schön herausfordern.

  2. (Mir ist das gerade Recht, wenn ich weiß, dass die Firmen wenigstens nichts damit anfangen können, was sie da erheben.)

  3. @Sannie Ja, das mag stimmen, aber das die sowas ungestraft machen dürfen spricht natürlich nicht dafür, dass die genannten Sites ihre Datenbasis in Ordnung halten.

    @Paul Alles richtig. Nur sammeln und haben tun sie meine Daten mutmaßlich ja trotzdem. Da wär mir ehrlich gesagt lieber, die Daten würden erst gar nicht erhoben, eh‘ sie in falsche Hände geraten… so richtig beruhigen täte mich Unfähigkeit also nicht.

  4. Ich denke, es gibt viele Faktoren, die dazu führen, dass wir auch in mittlerer Zukunft keine sinnvoll bedienbare Seite wie von Dir gewünscht sehen werden.

    1. Es fehlt sicherlich an technischer Kompetenz bei den meisten Anbietern, so etwa zu realisieren.

    2. Eingekaufte Kompetenz ist teuer und verteuert so das in den Kosten ständig optimierte Angebot.

    3. Du und ich sind nicht die Kunden des Immobilienportals, sondern die Makler/Verkäufer. Die finden es charmanter, wenn möglichst viele Wohnung/Autos angezeigt werden. Der Intereressent könnte sich ja doch umentscheiden.

    4. Je zielgenauer die Infos werden, umso weniger werden sie. Ich fürchte, in den Chefetagen der Anbieter hat sich der falsche Eindruck festgesetzt, dass nur eine hohe Zahl eine gute Zahl ist, dass also „1000“ Treffer besser ist als „10 Treffer“. Und wie meist im Internet denken die Macher der Seiten nicht an die Nutzer.

    Aber ich sehe es wie Du. Wir haben alle technischen Möglichkeiten, also sollten wir sie nutzen. Vielleicht hat sich bis zu unserer Verrentung (sollten wir doch noch eine bekommen) ja etwas in diese Richtung getan. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

    Ich glaube aber, dass sich erst dann etwas Entscheidendes in dieser Richtung im Internet ändert, wenn die aktuell handelnde Generation verschwindet und eine andere Generation am Ruder ist, die sehr viel selbstverständlicher und intuitiver mit dem Medium umgeht.

  5. Ich glaube aber, dass sich erst dann etwas Entscheidendes in dieser Richtung im Internet ändert, wenn die aktuell handelnde Generation verschwindet und eine andere Generation am Ruder ist, die sehr viel selbstverständlicher und intuitiver mit dem Medium umgeht.

    Hehe. Amen! 🙂

    Ja, das mit der Idee, dass 10 gute Treffer schlechter sind als 1000 schlechte, die ist bestimmt sehr verbreitet. Dass die Makler die Kunden sind, ist allerdings eine sehr richtige Betrachtung, die, so klar sie ist, noch nicht auf dem Schrirm hatte. Dann allerdings sehe ich Hopfen und Malz verloren.

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