Kraftwerk

Nennen Sie die einflussreichste deutsche Band: …Kraftwerk! [Bild: Some rights reserved by m.a.r.c.]

1970 hörte man Krautrock. Damals nannte man diese Musikrichtung noch nicht so und eigentlich war es auch keine Musikrichtung, eher so eine Art Lebens- und Kunstgefühl, dass Bands wie Can, Amon Düül, Ash Ra Temple oder Tangerine Dream miteinander verband. Aber die Musik war neu und sie unterschied sich von allen anderen populären Musiken in Deutschland dadurch, dass es die einzige war, die nicht versuchte Musik aus den USA oder UK zu imititeren. Nicht mehr ganz neu hingegen war die Idee elektronisch Musik zu erzeugen, Sythesizer waren zu jener Zeit jedoch groß wie Kleinlastwagen und ebenso teuer.

In diese Zeit hinein wurde Kraftwerk von Ralf Hütter und Florian Schneider gegründet. Zusammen mit diversen Studiomusikern nahmen sie zunächst einige sehr experimentelle Alben auf. Zu dieser Zeit noch mit elektronischen und akustischen Instrumenten. 1973 entschied sich Kraftwerk fortan nur noch pure elektronische Musik zu machen (und zusätzlich eine Prise Pop in die bis dato teilweise sehr schwierigen Melodien einzustreuen). Das Ergebnis war das Album »Autobahn«, das erste Elektropop-Album aller Zeiten. Seitdem prägten Kraftwerk mit ihrem Sound und ihrem Auftreten ganze Generationen von Musikern. Komplette Musikstile leiten sich vom Werk der Düsseldorfer ab. Wie definiert sich nun einflussreich? Ein paar Beispiele:

Giorgio Moroder war von Kraftwerk beeinflusst, als er Donna Summer produzierte, was widerum Disco stark beeinflusste. Bestes Beispiel dafür ist der monotone Rhythmus von „I Feel Love“, das widerum großen Einfluss auf die Entwicklung einiger elektronischer Musikstile nahm.

David Bowie und Brian Eno liessen sich, als Bowie die zweite Hälfte der ’70er in Deutschland verbrachte, maßgeblich von Kraftwerk, aber auch der Band Neu! (die ihrerseits aus zwei ehemaligen Kraftwerkmitgliedern bestand) beeinflussen. Mit der zweiten Seite der ersten Berlin-Trilogie-Scheibe »Low«, stellte Bowie zum ersten Mal einem Millionenpublikm experimentelle, elektronische Musik vor, das aber sicher ebenso schockiert war, wie Bowies Plattenfirma. Bowie produierte aber noch zwei weitere elektronisch beeinflusste Alben (u.a. »Heroes«), die erfolgreicher waren und den Kraftwerksound in die Londoner In-Clubs exportierte.

Dort entstand aus der Mischung von Kraftwerksound und englischem Pop, das, was man heute Sythiepop nennt. Auf Kraftwerk direkt beriefen sich bspw. The Human League und Soft Cell. Gary Numan – selbst ein genialer Musiker – kopierte gleich auch noch Kleidung und Art des Auftretens von den Düsseldorfern. Joy Division, New Order: unmöglich ohne Kraftwerk. Bands wie Ultravox und Depeche Mode orientierten sich ganz eindeutig am Kraftwerk Album „Mensch Maschine/Man Machine“.

httpvh://www.youtube.com/watch?v=68C-r9kSLNE

Die sogenannte »Neue Deutsche Welle« war von Kraftwerk beeinflusst: wer einmal »Autobahn« gehört hat, merkt es sofort. Markus‘ Maserati fuhr seine 210 genau ebenda. »Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn« und andere blutleer dargebotene Textschnipsel aus dem Kraftwerk-Repertoire sind die Blaupause für die post-punkt-wavevige Anfangszeit der NDW.

In den USA war das IMHO beste Kraftwerkalbum »Trans Europe Express« vor allem in den New Yorker Ghettos ein großer Erfolg, seine Sounds finden sich so in der Gründerzeit des Hiphop im Electronic Funk wieder. Von dort wandert der Sound nach Detroit, wo ohne Kraftwerk Techno in der Form wie wir ihn heute kennen, nie enstanden wäre.

Stattdessen gäbe es wahrscheinlich immer noch Tekkno, einer stark vom Industrial und damit von Kraftwerk beeinflussten Musikrichtung. Einer der großen Vertreter des Industrials ist die belgische Gruppierung Front 242. Die Belgier widerum berufen sich auf Kraftwerk.

Kraftwerk waren ihrer Zeit meist um einige Jahre voraus, am Anfang sogar um mehr als ein Jahrzehnt. Erst am Scheitelpunkt der Techno- und Housebewegung wurden sie eingeholt und mit Abstand die einflussreichste Band aus Deutschland.

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.

8 Gedanken zu „Kraftwerk“

  1. Also vielleicht ist es hier in meinem Todesstern auch nur einfach kalt – aber ich glaub doch, die Gänsehaut kommt woanders her.

    Was mich bei Kraftwerk immer interessiert hat, und was ich bis heute immer noch nicht verstanden habe ist, die Grundhaltung, die Ausgangsposition aus der heraus die Düsseldorfer das erreicht haben, was sie eben erreicht haben. „So Jungs, ich hab ne Idee … wir machen jetzt mal was tooootaaaaal Abgefahrenes.“

    Und die Frage, die sich gleich daran anschließt … ist das heute noch möglich. Kann man heute überhaupt noch so avantgarde und gleichzeitig so pop sein?

  2. Zum Selbstverständnis der Band gibt es in der Wikipedia ein wunderbares Zitat, das vielleicht einiges erklärt (es aber nicht in meinen Artikel geschafft hat):

    „The living culture of Central Europe was cut in the ’30s, and all the intellectuals went to the U.S. or to France, or they were eliminated. We take back that culture of the ’30s at the point where it was left, and this on a spiritual level …

    Wenn man sich das als Maxime gesetzt hat, bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, als avantgardistisch galore zu sein… 😉

  3. Danke, Nico!

    Ich glaube, die Grundhaltung von Hüttner und Schneider war nie ein „jetzt mal was total Abgefahrenes“, sondern eher die ganz banale Verwurzelung im Hier und Jetzt, im Zeitgeist der völlig durchindustrialisierten Rhein-Ruhr-Region, wo es lächerlich gewesen wäre, Baumwoll-Blues oder Jeans-Hardrock zu schrummeln.

    Autobahn. Roboter. Schaufensterpuppen. Konsum. Industrie. Vergängliche Schönheit. Bleibende Hässlichkeit. Nur beobachtend, nicht wertend.

    Und Ben, die einzigen, die heutzutage überhaupt noch den Hauch einer Chance auf Avantgarde im Pop zu haben scheinen, sind nach wie vor die Pet Shop Boys.

    [Edit durch Nico:]
    httpvh://www.youtube.com/watch?v=AujxZRcf3ik

  4. Die Pet Shop Boys? Mo … ich glaube musikalisch sind wir … also äh, wie auch immer. Du weißt schon. Wir bleiben trotzdem Freunde.

Kommentare sind geschlossen.