
Brille!
Ich brauche eine neue Brille. Das ist eine extrem harte Ansage, aber es führt kein Weg drum herum. Meine aktuelle hochoptimierte Gleitsichtbrille, die ich quasi 18 Stunden am Tag trage, ist kaputt. Nicht so kaputt kaputt, also es ist kein Glas zerbrochen, ich habe mich nicht drauf gesetzt und es ist auch kein Bügel abgebrochen und mit Pflaster wieder angeklebt. Kaputt ist sie aber leider trotzdem und das ziemlich subtil. Natürlich habe ich sie kaputt gemacht, mutmaßlich, als ich beim Pizza, Brötchen oder überbackene Auberginen aus dem Backofen nehmen, die Nase zu tief in denselben gesteckt habe. Oder ich habe sie mit zu warmen Wasser gewaschen. Jedenfalls hatte es wohl mit Temperatur zu tun, von der allerobersten Schicht des linken oder rechten Brillenglases, kommt ganz drauf an ob man von vorne auf und von hinten gegen die Brille schaut, hat sich etwas Plastik ab- oder aufgelöst. Wir sagen nämlich nur noch Brillengläser, in Wahrheit ist es Brillenkunststoff. Und da ist Temperatur, vor allem hohe, der natürliche Feind. Als meine Mutter mir als ich noch jugendlich war und meine erste Brille bekam beibrachte, sie mit ein wenig Spülmittel und warmen Wasser zu reinigen, war das für ihre Glasgläser noch völlig in Ordnung, für meine Kunststoffgläser die ich damals schon hatte aber eigentlich reines Gift. Aber den Kopf in einen Backofen zu stecken, aus dem eine fette Wolke von Hitze einem entgegen schlägt, ist schon ohne Brille nicht so schlau, mit natürlich in höchstem Maße fahrlässig.
Wie dem auch sei, es muss eine neue Brille her. Denn aus dem kleinen Fehler im „Glas“ ist mit den Jahren eine größere beschädigte Fläche geworden und es scheint sich immer mehr Kunststoff abzulösen. Nun fiel mir vor kurzem auf, als ich den Kopf beim Blick auf meinen Monitor etwas zu Seite legte, dass das Bild vor mir plötzlich eine sehr seltsame Form annahm, so à la schiefes Parallelogramm oder Trapez, beinahe psychedelisch. Früher hat man Geld ausgegeben, um bei sich solche Effekte zu forcieren, heute muss ich Geld ausgeben um so was wieder loszuwerden. Ich werte das jedenfalls als Alarmsignal. Und habe sicherheitshalber nochmal ohne und mit der (zwar seinerzeit gekauften, aber nie benutzten) „Computerbrille“ nachgeprüft, ob nicht die oben erwähnte alten Zeiten an irgendeiner Synapse zwischengespeichert einen Flashback erzeugen, aber nein, es lag an der kaputten Brille.
Die Krux aber an der Aussage „ich muss eine Brille kaufen“ ist in Wahrheit gar nicht das Kaufen, sondern das Aussuchen. Ich muss eine Brille aussuchen. Oh Herr im Himmel, die größte vorstellbare Strafe, gleich nach „ich muss mit, wenn meine Frau sich eine Brille aussucht“, aber letzteres mache ich nicht nochmal, eher wandere ich aus. Bei mir ist es aber auch nicht viel besser. Allein wenn ich schon an die riesigen Läden denke, wo man aus Hundert Millionen Ausstellungsbrillen angesehen wird, chancenlos eine*n Verkäufer*in, Entschuldigung! Optiker*in zu ergattern oder irgendetwas, was einem auch nur ansatzweise gefällt. Ich will aber auch nicht das alte Gestell behalten, das habe ich schon 10 Jahre oder so, das hängt mir zum Halse raus. Und Brille ist wahrscheinlich das einzige, was ich nicht online kaufen möchte. Jetzt sind wir soweit gekommen und hier kommt leider keine Pointe mehr: ich brauche eine neue Brille.
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Heinrich Kümmerle
Nico
joha
Nico