
Tagebuch: Lübeck — Berlin — Lübeck
Gestern bin ich wirklich sehr angenehm von Lübeck nach Berlin gereist, wie immer mit der Bahn. Ich bin morgens um 6.37h bei -14 Grad Außentemperatur in einen freundlich vorgeheizten Regionalexpress nach Hamburg Hauptbahnhof gestiegen, hab die ganze Fahrt meinen Sopranos-Rewatch (inzwischen in Staffel 5) fortgesetzt, Kaffee getrunken und Brötchen gefrühstückt. In Hamburg habe ich mir einen weiteren Kaffee bei dem neuen Eckladen in der Wandelhalle gegönnt, wo lustigerweise ein superfreundlicher Eddy-Murphy-Lookalike den Kaffee zubereitet, letzterer war sehr lecker. Den Kaffee habe ich mit in den ICE nach Berlin genommen, der leer war, der ICE, nicht der Kaffee. Und schön warm, der ICE und auch der Kaffee. Ich hatte einen Tisch für mich allein, konnte in Ruhe arbeiten, habe den Bullitt-Soundtrack dabei rauf und runter gehört. Das Netz war gut und ich konnte sogar am Daily per Zoom teilnehmen, zumindest lauschend. Die Ankunft in Berlin Hbf war etwas eingetrübt durch die Tatsache, dass beinahe alle Rolltreppen ausgefallen waren (via) und ich von ganz unten links, nach ganz oben rechts, mit Rucksack und allem und ohne Kletterausrüstung, den Bahnhof hinaufkraxeln musste. Ich kam gegen 10.30, also nach rund vier Stunden Reisezeit, im Grasblau an.
Die Veranstaltung verließ ich etwas früher, um 16.00, um einen früheren Zug zu erreichen; 20.00h zu Hause erschien mir pflichtbewusst genug, statt 21.00h. Der Zug fuhr pünktlich in Berlin los, ich hatte ähnlich viel Platz wie auf der Hinfahrt, es war ebenso angenehm und ich kam pünktlich um 19.11h in Hamburg an. 19.34h sollte es weitergehen nach Lübeck.
Zu jener Zeit jedoch kam es zu einem nicht näher lokaljournalistisch beschreibbaren „technischen Störfall“ bei Bad Oldesloe, der den Einsatz von 50 Feuerwehrleuten samt Drohnenstaffel nötig machte. Solche einen Jounalismus empfinde ich als komisch, also so einer, in dem eine Nachricht nicht mal die fünf W-Fragen hinlänglich beantwortet und stattdessen es der Fantasie der Leser*innen überlässt, was nun eigentlich passiert ist und warum, oder was die Auswirkungen waren. Ich nehme an, aus der dort regional ansässigen Fischzucht ist ein Schwarm Lachse ausgebrochen und beim Versuch die Trave-Querung der Bahn springend zu überwinden, haben die kapitalen Lachse die beschriebene „technische Störung“ verursacht und ein Regionalexpress musste deswegen stark bremsen. Oder bei einem Kindergeburtstag haben 99 Kinder 99 Luftballons aufgeblasen und in die Freiheit entlassen, ein Feuerwehrhauptmann schickte dann die Drohnenstaffel hinterher.
Die Strecke jedenfalls wurde gesperrt. Der 19.34h Zug nach Lübeck wurde also, mit dem Hinweis auf einen Notarzteinsatz ersatzlos gestrichen. Der 20.06h Zug nach Lübeck wurde ohne weitere Information ebenfalls gestrichen. Ohne weitere Information heißt in diesem Fall, dass er bis 20.20h am Bahnsteig-Display als regulär fahrend angezeigt wurde, um dann lautlos erst vom Display und dann aus der Realität gelöscht zu werden.
Der 20.34h Zug nach Lübeck kam dann aber und fuhr mit nur wenig Verspätung los.
🥳
Endete aber in Bad Oldesloe, wo wir Fahrgäste nach halbstündigen Warten, dass die Strecke nun vielleicht doch freigegeben würde, in die Winterkälte entlassen wurden.
🥶
„Wartet noch kurz“, „raus hier jetzt“ und „Schienenersatzverkehr“ waren, leicht paraphrasiert, die einzigen Durchsagen, zu denen sich die Zugbegleitung auf dieser Fahrt überwinden konnte. Am ansonsten verlassenen Oldesloer ZOB (um diese Zeit fahren dort schon keine regulären Busse mehr) sammelten sich (gefühlt) mehrere tausend Menschen und warteten auf die versprochenen Busse. Man muss sich das als Menschen in einer Ausnahmesituation vorstellen. Wir sind Deutsche, also insoweit obrigkeitshörig, dass alle brav auf die Busse warten, es gibt ja auch kaum Alternativen. Wenn dann allerdings das ersehnte Ereignis eintritt, dann wandeln sich Menschen zu Bestien. Die Bahn schickte also zwei Busse (in Zahlen: zwei) für tausend plus X Menschen. Stellt euch einfach den Untergang der Titanic vor, aber ohne die wohlerzogenen englischen Lordschaften als Passagiere, sondern der wilden Horde aus Conan der Barbar.
Ich verhalte mich in solchen Fällen ruhig bis snobistisch, murmle meinen Ärger in den nicht vorhandenen Bart und halte mich vom Schlachtgetümmel fern. Blöderweise kommt man so nicht nach Hause. In der Regel (ich erlebe diese Situationen mit der Bahn so ein bis zwei Mal im Jahr) setzt einfach irgendwann mein Überlebenstrieb ein, der dann meinen inneren Schweinehund überwindet und meist Geld fürs Taxi freigibt. Das kann bei einer geschätzten Entfernung von 27km schon in finanziellen Schmerz ausarten, aber gegen inzwischen 22h konnte ich zusammen mit sieben anderen Halbgefrorenen ein Großraumtaxi besteigen, dessen Fahrer so nett gewesen war, extra aus Lübeck nach Oldesloe zu fahren, um uns da abzuholen (danke AK-Taxi). Um 22.30h war ich am Lübecker Hauptbahnhof, um 23.00h zu Hause.
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