Rauch-Haus

Am 19. April 1972 um vier Uhr morgens stürmten rund 400 Polizisten das seit Dezember 71 besetzte ehemalige Schwesternheim des Bethanien-Krankenhauses in Berlin Kreuzberg, das von den Bewohnern Georg-von-Rauch-Haus genannt wurde. Es wurden 28 Bewohner*innen festgenommen und zahlreiche Gegenstände wie Weinflaschen, Wecker und ein defektes Wasserrohr sichergestellt, die dann später als Materialien zum Bombenbau qualifiziert wurden.

Das kommt einem so bekannt vor, weil Rio Reiser und seine Band Ton-Steine-Scherben das alles in ihrem Rauch-Haus-Song besungen haben. Die Scherben haben aber nicht nur darüber gesungen, sondern waren auch live mit dabei, ging die Besetzung doch von einem Teach-In mit Scherben-Konzert an der TU Berlin aus und mindestens Rio hat wohl auch eine Zeit im Rauch-Haus gewohnt.

Der Senator war stinksauer, die CDU war schwer empört,
daß die Typen sich jetzt nehmen, was ihnen sowieso gehört.
Aber um der Welt zu zeigen, wie großzügig sie sind,
sachten sie: „Wir räumen später, lassen sie erstmal drin!“
Und vier Monate später stand in Springer’s heißem Blatt,
daß das Georg-von-Rauch-Haus eine Bombenwerkstatt hat.
Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein
und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollies sein.

Dieser gewisse revolutionäre Pathos, der von den alten Scherben-Songs ausgeht hat sicherlich einen Großteil meiner Jugend mitgeprägt, obwohl ich 1972 natürlich erst drei Jahre alt war. Die Scherben hatten in den 80ern aber Dauerrenaissance, bis dann 1989 alles plötzlich vorbei war.

Doch die Leute im Rauch-Haus
riefen: „Ihr kriegt uns hier nicht raus!
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich
Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“

Ja, das konnten wir alle mitgrölen, obwohl wir nur ein Jugendzentrum besetzten, weil dort ein Treffpunkt für Skinheads eingerichtet worden war, oder das Rathaus um… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Und so richtig wussten wir wahrscheinlich auch nicht, wer Schmidt, Press oder Mosch waren, irgendwelche Immobilienhaie eben, aber wir wohnten ja auch noch alle zu Hause bei Mutti in der Kleinstadt und nicht in Berlin.

Ich nehme an, Georg von Rauch kannten auch nur die wenigsten, eher noch Bommi Baumann. Trotzdem, haben natürlich allen heute die Revolution noch im Blut. Naja, ausser der Kollege vielleicht, der Rechtsanwalt wurde und um Mandanten zu werben in die FDP eintrat. Oder meine Ex, die nach Berlin ging, um dort „Antifa zu machen“ und dann über ein Tischlerlehre zur Uni kam und nun Professorin für Materialforschung ist. Aber ein paar sind auch Politiker*innen geworden oder wenigstens Arbeitsrechtsanwält*innen. Und einer ist Webentwickler.