Zivilcourage

Ich habe vor Jahren zum Thema Zivilcourage mal einen Kurs besucht. Dort ging es im wesentlichen darum, zu lernen, seine Angst zu überwinden und einzugreifen, wenn es in unserer Umgebung zu Gewalt kommt. Wenn neben dir im Bus jemand rassistisch beleidigt wird, das Wort zu erheben, Öffentlichkeit herzustellen, Wegschauer:innen zu aktivieren, solche Dinge. Einfache Dinge. Nicht ungefährlich gegebenfalls, aber auch kein Heldentum, halt einfach nicht wegsehen.

Ein, zwei, vielleicht auch drei Mal in meinem Leben habe ich dieses Wissen, diese Übung eingesetzt. Am härtesten mal in der BVG, als ein Mann anfing eine Frau erst zu beschimpfen und dann zu schlagen. Zum Glück fanden sich gleich drei Leute, mich mitgezählt, die eingegriffen haben. Am Ende hielt auch der Busfahrer an um die Polizei zu rufen, was der Täter zwar zur Flucht nutzte, aber die gefährliche Situation auch beendete. Damals habe ich Berlin ein gutes Zeugnis in Zivilcourage ausgestellt, innerlich.

Das hat sich geändert. Letzte Woche wurde eine 17jährige in einer Straßenbahn und danach an einer Haltestelle im Prenzlauer Berg rassistisch beleidigt und von sechs anderen Personen zusammengeschlagen und zwar krankenhausreif. Und nicht nur, dass die Polizei den Vorfall zunächst falsch einschätzte und meldete, und in der Folge Pressenagenturen zwar nicht falsch aber eben auch nicht richtig darüber berichteten. Nicht dass das wiederum zu einer ganzen Reihe falscher Meldungen auf Newsportalen führte, die der Angegriffenen die Schuld in die Schuhe schoben, was, wie kann es anders sein, auf Rechtstwitter und Fakenewsseiten für ordentlich Stimmung sorgte, das alles hat mich nicht überrascht.

Überrascht hat mich, dass in Prenzlberg an einem Samstagabend um Achte, eine Frau von sechs anderen Leuten zusammengeschlagen werden kann, ohne dass auch nur irgendjemand eingreift. Oder die Stimme erhebt. Sich einmischt. Anfängt um Hilfe zu schreien. Die Sache filmt mit dem Handy. Die Polizei ruft. Zivilcourage zu zeigt. Schämt euch.

All in all, it‘s just another brick in the wall.

Pink Floyd