Das Jahr in Podcasts

Ich höre schon sehr, sehr lange Podcasts, aber im zweiten Homeofficejahr ist es zu einem regelrechten Boom für mich geworden. Immer mehr Sendungen habe ich abonniert und gleichzeitig, um das Pensum zu schaffen, die Hörgeschwindigkeit erhöht. Ich habe mal die Podcasts aufgeschrieben, die mir 2021 am besten gefallen haben.

Pandemiepodcasts

Dass es eine derartige Kategorie überhaupt gibt, mehr müssen wir über 2021 eigentlich nicht wissen. Ich würde mich ohne mit der Wimper zu zucken als Newsjunkie bezeichnen, und das natürlich rein positiv meinen, aber in Zeiten der Pandemie habe ich mich nicht immer gut informiert gefühlt, durch die Standardwebsites, die ich so konsumiere. Vieles von dem Gelesenen konnte man einfach schon vorher in Podcasts hören, oder dort zumindest gegenchecken, was ich lange Zeit als sehr hilfreich empfunden habe.

Führend dabei war natürlich „Das Coronavirus-Update” des NDR, mit Christian Drosten und Sandra Ciesek. Von diesem Podcast habe ich auch in diesem Jahr fast alle Folgen gehört. Der NDR war der erste Sender, der 2020 gemerkt hat, dass es einen Bedarf gibt, von wissenschaftlicher Seite auf das Pandemiegeschehen zu blicken und das Update ist dabei nach wie vor der Goldstandard.

Zumindest zeitweise war mir aber auch das noch nicht genug und ich habe noch „Corona Weekly” von Tim Pritlove und Pavel Mayer bei „UKW – unsere kleine Welt“ mit dazu gehört. Dabei ist es zwar manchmal schwierig, den auch bei erhöhter Abspielgeschwindigkeit immer noch recht trägen und lang gezogenen Wortbeiträgen von Mayer (der Pavel Mayer!) zu folgen, Tim holt das aber in der Regel wieder raus. Das Ergebnis lohnt aber und bietet eine interessante andere Perspektive auf die Pandemie, nämlich wie nerds like us sie sehen.

Mit Auftauchen der Omikron-Variante allerdings bin ich in eine längere Pause vom Doom-Hearing (und -scrolling) eingetreten. Ich möchte das nicht als innere Kapitulation verstanden wissen, aber an meiner Verhaltensweise gegenüber der Pandemie hat sich seit der Anfangsphase 2020 wenig geändert, weil das war in groben Zügen das, was ich aus den Podcasts mitgenommen habe. Zum Ende des Jahres beschlich mich aber immer öfter das Gefühl, damit einerseits allein dazustehen, andererseits auch damit nichts ändern zu können. Aus Gründen der psychischen Hygiene trete ich in diesem Bereich einfach etwas kürzer.

Politik und Medien

Dieser Bereich hat auch 2021 viel meiner Hörzeit dominiert. Im Laufe des Jahres gab es dabei einige Verschiebungen, aber auch Konstanten. Über Netzpolitik im weitesten Sinne informiere ich mich beispielsweise seit vielen Jahren beim „Logbuch:Netzpolitik” [sic]. Linus Neumann und (wieder) Tim Pritlove machen hier seit Jahren den führenden Netzpolitikpodcast und es gibt eigentlich keinen Grund, ihn jemals auszulassen.

Ebenso höre ich schon sehr lange und regelmäßig (Triggerwarnung: aggressives Popover) „Lauer & Wehner”. Das Konzept zweier Moderatoren, die sich nahezu frei über das aktuelle politische Geschehen austauschen, ist hier auf unterschiedliche Arten perfektioniert. Das liegt zum Teil in den Personen begründet: Christopher Lauer und Ulrich Wehner sind so etwas wie das perfekte Podcastpaar. Wehner ist Strafverteidiger und hat damit noch mal einen durchaus speziellen Blick auf die Ereignisse dieser Welt. Lauer ist eben Lauer (und wird am besten von Ulrich Wehner vorgestellt), während ich bspw. aber seinen Twitteraccount zeitweise nur schwer aushalten kann, ist er hier von Wehner auf das erträgliche Maß gewissermaßen eingehegt. Zusammen sind sie damit unschlagbar. Meiner Meinung nach auch besser, als andere Zwei-Männer-Erzählen-Sich-Die-Welt-Podcats, was leider sicherlich eine eigene Kategorie wäre, in die Lauer & Wehner aber eher so zufällig reingestolpert sind.

Einen Eine-Frau-Und-Ein-Mann-Erzählen-Sich-Die-Welt-Podcat höre ich aber auch noch, „Piratensender Powerplay”. Bei Samira El Ouassil und Friedemann Karig bin ich eher etwas zufällig reingestolpert und muss zugeben, ihre wöchentliche Betrachtung des Diskurses ist nicht immer in meiner Sprachebene ausgeführt, die beiden sind eindeutig Nerds auf einem ganz anderen Gebiet als ich. Ich konnte für mich auch bis heute nicht klären, wieso gerade El Ouassil und Karig mit ihrem Podcast-Titel Bezug auf Gottschalk und Krüger nehmen, bisher habe ich mir das aber so erklärt: Ich bin der älteste Hörer, den sie haben und der einzige bisher, der den Film kannte. Denkbar.

Damit ist aber die Brücke zum Medienjournalismus geschlagen. Dort ist IMHO der Goldstandard (yet again) Übermedien und natürlich auch deren Podcast „Holger ruft an”. Holgi kennen wir natürlich aus vielen anderen Podcasts. Hier klopft er regelmäßig das aktuelle Topthema in Sachen Medienkritik und/oder -journalismus ab, indem er mit wechselnden Interviewparter:innen darüber spricht, in seiner gewohnt unverwechselbaren Art. Oft macht dieses Gespräch für mich die Schleife um ein Aufregerthema und schließt es für mich gewissermaßen ab. Oder eröffnet noch mal neue Perspektiven, die ich auf anderen Kanälen noch nicht mitbekommen habe, weil ich kann ja nicht alles lesen. Btw, ein Übernement lohnt sich IMHO immer …

Vermischtes

Ich höre noch zwei weitere Podcasts immer, habe aber für sie keine eigene Kategorie. Das ist zum einen „Kein Mucks! – Der Krimi-Podcast mit Bastian Pastewka”. Ich bin ausdrücklich eigentlich kein Pastewka-Fan, das hier aber ist groß und er macht es so gut, dass ich schon einige Ausrutscher der Vergangenheit zu verzeihen bereit bin. Hier werden alte bis uralte Krimihörspiele wiederholt, vornehmlich aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. So einfach wie völlig genial. Jedenfalls für Menschen mit einem Faible für so was (und dem Alter nehme ich an). Das ist auch einer der wenigen Podcasts, die ich immer ganz bis zum Ende höre, weil abgeschlossen wird er immer mit dem ehemaligen Rufzeichen, heute würden wir Soundlogo dazu sagen, von Radio Bremen und das beamt mich immer direkt in meine Kindheit dort und lässt mir regelmäßig die Tränen in die Augen schießen, aber das ist wohl sehr persönlich.

Viel zu spät sei an dieser Stelle „Art aber herzlich” von Flix und Marvin Clifford erwähnt, der eine andere in letzter Zeit wieder wichtiger werdende Nerdigkeit in meinem Leben nachgerade wieder hervorkehrte: Comics. Die beiden Zeichnerhelden treffen sich für ihren Podcast leider viel zu selten an der Kaffeemaschine ihres gemeinsamen Ateliers, vielmehr ist der Podcasts in Staffeln eingeteilt und gerade ist wieder Sendepause. Seufz. Lustig: es werden immer alle Unterstützer des Podcasts am Ende der Sendung verlesen (sind also noch nicht genug) und er wird von mehr Nicos unterstützt, als eins annehmen würde. Doppelseufz. Hört es einfach an.

Der andere schwer einzuordnende Podcast heisst gleich auch so: „Freistil”. Die Feature-Serie des Deutschlandfunk „geht auf die Suche nach popkulturellen Phänomenen, modernen Mythen und spannenden Persönlichkeiten. Zwischen Fiktion und Dokumentation eröffnen sich Welten, die Spaß machen und Raum lassen für Überraschungen.” Ja, das stimmt. Und mich triggern dabei ebenso die popkulturellen Phänomene (bspw. Mono, die Kassette oder die Streaming-Revolution), sondern vor allem auch, wie mit diesen Dingen auf die Hörebene umgegangen wird. Mitunter echt spannende Audioerlebnisse, was interessant ist, weil unser Gehirn ja heutzutage an audio immer gleich visuell drandichten möchte, die Ebene ja nun aber offensichtlich gerade fehlt.

Serien

Von true crime bin ich inzwischen völlig ab, danke an Sabine Rückert für die ähm … Heilung davon. Trotzdem habe ich auch 2021 wieder einige hervorragende in sich abgeschlossene Podcastserien gehört.

Noch am ehesten true crime ist dabei „Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?”, eine Serie über den steten Abstieg des Ken Jebsen vom Radiomoderator zum Verschwörungsidelogen. Außer dass das Projekt ebendiesen Ken Jebsen naturgemäß etwas zu wichtig nimmt, ist das schon ein echt trauriges Hörerlebnis, bei dem wir einiges über die entsprechenden Szenen lernen können. Und vielleicht sollten wir da noch viel lernen, denn aus der gerade immer weiter einkochenden Melange aus Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus entstehen die aktuell gefährlichsten Feinde, nicht nur unserer Demokratie.

Bei „Noise” ging es in nur sechs Folgen um Falschinformationen, Irreführungen, Desinformation und Fake News vor der Bundestagswahl. Ich bin mir nicht sicher, wie sich das zum Nachhören nach der Bundestagswahl eignet, auch nach dem Ausgang derselben, solltet ihr vielleicht mal versuchen.

And the winner is …

Mein absoluter Lieblingspodcast 2021 ist eine große Überraschung. Ebenfalls eine inzwischen abgeschlossene Serie. Einerseits passt er ausgezeichnet zu mir, weil es geht um eine akribische, fast detailverliebte einer Reihe geschichtlicher Ereignisse um eine Person, was mir durchaus liegt. Andererseits hasse ich ebendiese Person, um die es geht von Herzen und alles, was er repräsentiert, vom Verein über die Wurstfabrik bis zur Kriminalität. Noch dazu hat es mit Sport zu tun, mit Fußball um genau zu sein und meine nun fast zwanzig Jahre währende Diaspora in Hamburg hat mir die Freude an Fußball doch ziemlich madig gemacht. But nevertheless, am spannendsten, packendsten und mitreissendsten by far in diesem Jahr habe ich „11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß” empfunden. Wer zwischen der Mitte der Siebziger und heute auch ansatzweise mit Fußball etwas zu tun hatte, findet sich hier wieder. Max-Jacob Ost nimmt uns mit auf eine Reise durch die Fußballgeschichte, die mutmaßlich auch so breit gefächert auf alles zum Thema eingeht, weil sich Uli Hoeneß partout nicht für den Podcast interviewen lassen möchte. O. K., der Teil ist etwas albern, aber trotzdem … solltet ihr gehört haben. Und Werder Bremen kommt oft genug darin vor, dass ich das ganze Gequatsche von Wurst noch aushalten konnte.