Der nette Fuchs

Ich mag Füchse. Besonders, wenn sie so nett sind, wie der, der mir gerade begegnete.

Ich bin gestern beim abendlichen Spaziergang im Wald einem Fuchs begegnet. Ich ging den Weg hinunter, schon fast an der Straße, da kam er von links aus dem Gebüsch gleichsam getrottet, wahrscheinlich mehr oder minder tiefenentspannt von der Vorstellung, dass um diese Uhrzeit wohl keine Menschen mehr unterwegs sein würden. Als er mich bemerkte, hielt er inne und sah mich an. Man fabuliert ja sowieso viel in Tiere hinein, in so einem Moment bestimmt noch mehr, aber jedenfalls machte der Fuchs den Eindruck, er wäre ertappt worden. Und dächte nun darüber nach, wie sich zu verhalten wäre. Um sich dann dafür zu entscheiden, dass es nun auch egal sei, da er nun einmal schon erwischt worden sei. Er trottete also weiter durchs Gebüsch und in Richtung Weg. Seelenruhig, als hätte er von zu Hause mitbekommen, das Menschen in der Regel mehr Angst haben, als Füchse, man müsse nur etwas Selbstvertrauen zeigen. „Du kannst mir gar nichts“, dachte der Fuchs also, und blieb noch einmal provokativ auf dem Weg stehen und sah mich dabei an.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte ich den Fuchs.

Hätte er geantwortet, mich hätte es nicht überrascht in dem Moment. Aber, ohne mich mit einer Antwort zu bedenken, ließ er Taten folgen, drehte sich um, ging ein paar Schritte vor mir den Weg entlang, als wollte er andeuten, dass ich folgen soll. Um dann nach rechts in den Wald zu tapsen. Unter einem Busch hielt er an und drehte sich um, wohl um zu schauen, ob ich ihm folgte. Ein letzter Blick, dann verschwand er im Unterholz.

Ich verließ den Wald und ging parallel zum Waldrand die Straße hinunter. Und als ich so in Richtung Forst blicke, sehe ich wieder den Fuchs, der ebenso parallel zu mir durch den Wald stromert. „Wo will der hin?“, frage ich so, da sehe ich sein Ziel schon vor mir. Am Straßenrand ist eine Bushaltestelle, daneben ein paar Recyclingcontainer. Vor einem der Container hat jemand illegal Müll entsorgt. Die Tüten sind zerrissen, der Müll über die ganze Bushaltestelle verstreut.

Der Fuchs tritt aus dem Wald hervor und macht sich am Müll zu schaffen, nun gänzlich angst- und deckungsfrei, mitten in der Öffentlichkeit sozusagen. Da kommt der Bus um die Ecke und inzwischen hätte mich auch nicht gewundert, wenn der Fuchs da jetzt eingestiegen wäre. Aber das ist natürlich Quatsch, Busse halten natürlich nicht für Füchse, auch nicht, wenn sie an der Bushaltestelle stehen. Aber aus der Ruhe bringen, hat er sich von dem vorbei donnernden Ungetüm gar nicht.

„Das war ein netter Fuchs“, dachte ich. Irgendwie wollte er mich wohl zum Abendessen einladen …


Artikelbild von Scott Walsh auf Unsplash.