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Bahn verspricht Besserung

Wer es glaubt wird selig

Wenn ich zu einer meiner weinerlichen Beschwerden über das Pendeln mit der Bahn ansetze, erzählen mir in Hamburg wohnende Kollegen gerne, dass sie ja auch eine halbe Stunde mit der S-Bahn fahren müssten, und außerdem ist ihre Miete dreimal so hoch sei und sowieso jammerte ich auf hohem Niveau. Das mag ja sein! Ist aber auch irgendwie eine Herausforderung.

Die Belange seiner Kunden mit Füßen treten

Was mich über die Jahre vor der Abstumpfung bewahrt hat und mich immer noch meckern lässt, ist dass ich seit nunmehr mehr als 12 Jahren täglicher Kunde eines Unternehmens bin, das durch seine Monopolstellung, wirtschaftliche Fehlplanung, überhebliche Geschäftsführung und katastrophal schlechte Ausbildung die Belange seiner Kunden mit Füßen tritt und mir dabei gleichzeitig ins Gesicht spuckt und lächelt und mich anschnauzt, dann solle ich doch mit dem Auto fahren, an der nächste Ecke stünde schon der nächste Idiot um meinen Platz einzunehmen. So ein Verhalten macht mich irgendwie nervös, einerseits aus dem persönlich beleidigt sein heraus, anderseits weil ich schlechte User-Experience hasse wie die Pest.

In jedem durchschnittlichen Restaurant bin ich nach 5 Minuten wieder draußen, würde mich ein Kellner so behandeln, wie es nur ein Zugbegleiter der deutschen Bahn vermag. Jedes Kino würde ich lauthals motzend wieder verlassen, würde man es wegen „Verzögerungen im Betriebsablauf“ über mehrere Stunden nicht hinbekommen, den angekündigten Film zu zeigen. Oder wenn sich mitten im Film ein übel riechender Mensch mit einem Müllsack durch die Reihen drängeln würde, der die Mülleimer und „Aschenbecher“ ausleert. Würde mir ein Autovermieter einen derart kaputten Wagen hinstellen, bei dem sich nur eine Eingangstür öffnen lässt und der gerade auch nicht schneller als 80 fahren kann, ich würde die Schlüssel einfach wieder zurück geben.

Bahn lässt Kunden und Mitarbeiter im Stich

Jedoch, gezwungen durch einen anachronistischen Auswuchs der unehelichen Nachgeburt deutschen Planungssozialismus, bin ich gezwungen, jeden Tag wieder all diese Dinge hinzunehmen. Im Gegenteil, ich bezahle noch einen erheblichen Betrag dafür. In einem Streitgespräch während des letzten Streiks hat mir mal ein „Schaffner“ erzählt, das sei allerdings noch viel zu wenig und ich müsse mich deswegen über schlechten Service nicht wundern. Man mag dem Mann zu Gute halten, dass er am Ende der Nahrungskette mit direktem Kundenkontakt leben muss, was in der Bahnhierarchie mit Sicherheit verpönt ist und ebenso natürlich kein Zuckerschlecken obendrein. Ich behaupte zu Ereignissen wie den letzten beiden Sturmtiefs lässt die Bahn nicht nur ihre Kunden im Stich, sondern auch ihre Angestellten an vorderster Front im Regen stehen.

In solchen Momenten allerdings verstehe ich aber auch meine werten Mitleidenden nicht so wirklich. In TV-Interviews habe ich mehrmals Beschwerden gehört, dass sich Menschen mehrere Stunden an der Info im Hamburger Hauptbahnhof angestellt haben um dann nichts zu erfahren. Wer aber so blöd ist, sich da so lange anzustellen, anstatt seine Rückreise selbst in die Hand zu nehmen, dem ist auch wirklich nur sehr schwer zu helfen. Diese unglaubliche Gutgläubigkeit ist schon etwas fahrlässig und der uneingeschränkte Obrigkeitsglaube erschreckend. Wer heute noch glaubt: das werden die uns nicht antun, der kennt die Bahn einfach nicht.

Aber die Bahn verspricht Besserung

Zum diesjährigen Fahrplanwechsel hat sich die Bahn wieder mal richtig mit Schwung in die Nesseln gesetzt. Die neuen Pläne wollten nicht so ganz aufgehen, und pünktlich zur turnusmäßigen Fahrpreiserhöhung, ging auf deutschen Bahnstrecken mal wieder das Übliche, nämlich gar nichts. Die neue ICE-Schnellverbindung war weder schnell, noch verbindend, viele Züge waren für die komplett automatisierte Strecke nicht richtig konfiguriert worden und traten ganz automatisch auf die Notbremse. Und dann gab und gibt es ja auch schon wieder dieses völlig überraschende Winterwetter.

Aber die Bahn verspricht Besserung. Fernverkehrs-Chefin Birgit Bohle „entschuldigte sich ausdrücklich bei den Kunden und versprach, bis zum Wochenende sollten die Züge wieder ‚weitgehend einsatzbereit’ sein. Ziel sei, dass die Reisenden an Weihnachten zuverlässig ans Ziel kämen.“ Moment mal, das kommt mir bekannt vor… 2015: Jeder vierte Fernzug unpünktlich – Bahn verspricht Besserung, 2013: Bahn-Chef verspricht Besserung, 2010: Bahn verspricht Besserung, usw. usw. usw. Da glaube ich persönlich nun schon lange nicht mehr dran. Und jetzt nehme ich wieder den ICE Richtung Berlin.

Nico am 18. Dezember 2017