Das offene Adressbuch

Hat eigentlich schon jemand Pathgate gerufen? Klingt nicht so richtig, hm? Dort versucht man nun übrigens den reuigen Sünder zu geben und hat, wer wollte das Gegenteil beweisen, alle bis jetzt angesammelten Adressdaten gelöscht. Naja.

Bei genauerem Nachdenken, haben wir es aber auch nicht nur mit einem Pathgate zu tu, sondern viel mehr mit einem Adressbuchgate. Es wurde schon gestern vielerorts erwähnt, als iOS-Programmierer steht einem das Adressbuch offen wie ein Scheunentor und diese Option wird offenbar fleissig genutzt. Da muss man sich einerseits natürlich fragen, was man sich bei Apple dazu eigentlich denkt, andererseits, welches Gedankengebilde dahinter steckt.

In Sachen Gedankengebilde wurde auch schon angemerkt, dass in der EU bspw. Adresshandel durchaus erlaubt sei und praktiziert werde. Das heisst dann aber auch soviel wie: ich muss damit rechnen, das mir jede x-beliebige App die Kontaktdaten ausräumt und mit den gewonnenen Daten hausieren geht. Ganz toll.

Ich weiss ja nun selbst ziemlich genau schon, das man nicht bei Preisrätseln mitmacht, sich kein kostenloses Probeabo am Hauptbahnhof andrehen lässt, am besten keinen Nachsendeauftrag vergibt beim Umzug und so fort. Alles Maßnahmen, meine eigene Adresse vor der Weitergabe und dem Verkauf zu schützen. Das funktioniert schon nur bedingt, wenn man sich im Umfeld Internet oder gar socialmedia bewegt, zumindest wenn’s um die Emailaddi geht. Durch die pure Benutzung den kompletten Satz gut gepflegter Geschäftskontakte, also Adressen anderer Leute, die keine Chance haben, sich auf irgendeine Art zu wehren, abzuschöpfen hingegen ist meines Erachtens ein krimineller Akt, oder sollte einer sein. Und wenn das common practice ist, hallejulia!

»Tja Du naiver Idiot, da hättest Du auch mal selbst drauf kommen können, hättest Dich und Dein Adressbuch besser schützen sollen« hör ich da schon wieder Leute sagen. Und genauso ist es auch: aber damit verliert das Adressbuch auf dem iPhone seinen Sinn, muss zwangsweise leer bleiben. Das macht das iPhone in Sachen Telefonie allerdings zu einem Ziegelstein, vulgo nutzlos. Das kann ja auch nicht im Sinne der Firma Apple sein.

But Apple can, and should, assure users that no app can read their contact data without their knowledge and explicit permission. I don’t know why this hasn’t always been required, but it probably isn’t a good enough reason to justify the erosion of user trust in iOS apps that this could cause. Marco Arment

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.

9 Gedanken zu „Das offene Adressbuch“

  1. Das Problem des Adresshandels ist bekannt.
    (iPhone-verwandte Probleme nicht … aber meine passive Apple-Produkte-Antipathie steht auf einem anderen Blatt … und bevor mich Fanboys geißeln: ich halte ähnlich viel von „Smart“phones anderer Anbieter.)

    Das ist vermutlich keine Lösung, könnte aber in die richtige Richtung zeigen:
    in meiner Schulzeit – irgendwann im letzten Jahrtausend … huahua – hat mir ein Politik-Lehrer empfohlen, in alle Adressen, die ich so weitergebe, eine charakteristischen Fehler einzubauen — bekomme ich dann irgendwann Kramzeug zugeschickt, kann ich aus dem Fehler ersehen, welcher Dödel meine Adresse monetarisiert hat.
    Die Idee war gut und ist gut, kränkelt aber an Alltagstauglichkeit: sich zu merken, welchen Fehler ich bei welcher Angabe eingebaut habe, macht eine zeit- und materialaufwändige Organisation nötig … abgesehen davon muss man beim Kramzeug-Empfang immernoch die Muße haben, nachzuschauen.
    Ergo: so nicht brauchbar.

    Vor einer knappen Dekade – huahua – hatte ich meinen ersten eigenen Email-Server und die erste eigene Domain.
    Die ergänzende Idee: eine Catchall-Adresse anlegen und beim Email-Adressen verteilen einfach den Namen des Dödels mitangeben; Beispiel: „ft-tmobile@tolk.de“.

    Naja, my 2 cents …

  2. Ohja, das mit der Catch-All Adresse ist eine in der Theorie extrem verführerische Idee.

    Es gibt aber durchaus Shop-Systeme, die den Mailserver anpingen, und fragen, ob die Mail-Adresse wirklich existiert – Catch-All reicht dann nicht, leider. Den Fall hatte ich schon.

    Grundsätzlich stößt es mir in Sachen Adressbuch wirklich sauer auf. Ich bin großer Freund davon, ein sauber gepflegtes Adressbuch zu haben, mit Geburtsdatum des Nutzers etc.

    Dass Adresshandel in Deutschland eine unglaubliche Sauerei ist, ist leider nix neues. Aber die Einfachheit und Dimension mit der mein iPhone die Adressdaten umverteilen kann, ist nicht mehr feierlich…

  3. Wie gesagt … eigener Email-Server. 😉

    Aber wo ich gerade mal drüber nachdenke: hat sich mal jemand Rechtlich-Kundiges Gedanken drüber gemacht? Also aktuell … speziell bezüglich Acta … wäre ja mal interessant zu wissen, ob da auch irgendwas Konstruktives drin steht.
    Und/oder ob irgendeine Regierung (Land, Bund, EU … oder gibt’s da schon was Neues? Griechenland oder so?) zwischen dem vielen Blödsinn sogar in der Richtung was unternimmt?

    You know?

  4. Mal ganz ehrlich, es dauert wahrscheinlich noch ein paar Wochen, aber irgendwann wird sich sicherlich Schleswig-Holsteins oberster Datenschützer dem Thema annehmen. Nur: ich kritisiere an genug anderen Stellen deren Machenschaften, da möchte ich mich fast an dieser Stelle nicht darauf verlassen. 😉

  5. Auch erst ein paar Wochen alt (ich hab jetzt den erstbesten Treffer bei Google genommen):
    http://www.computerbase.de/news/2012-01/verbraucherzentrale-warnt-vor-adressenhandel-der-post/

    Leider ist dein letzter Absatz durchaus wahr… wie Naiv sind wir Nutzer eigentlich, dass wir noch ernsthaft glauben die Kunden zu sein. Wir sind schon lange die Ware und unsere Existenz eigentlich nur Mittel zum Zweck (=Geld verdienen)…
    Und das leider überall, wie die Post ja eindrucksvoll gezeigt hat… Aber auch wer beim Rewe an der Kasse mit Karte zahlt, der kriegt doch bestimmt auch seine ganz eigene Statistik (nicht), da brauchts heutzutage gar keine Bonuscards mehr 😉 (letzteres ist einfach mal unterstellt, aber vermutlich auch noch richtig…)

  6. Das wandert zwar ein bisserl off topic, aber zu REWE und Kartenzahlung muss ich immer meine Naivitäts-Galore-Story loswerden: im Budni fragen die mich regelmäßig nach meiner Kundenkarte, die ich nicht habe, weil wg. man will ja nicht alles aufgezeichnet haben… und dann zahl‘ ich mit EC-Karte.

    Kopf-Tisch-Bumm.

  7. Ich würd ja gerne sagen „Ich hab’s ja gesagt!“. Aber ich hab’s leider nicht gesagt. Nicht mal gedacht. Aber zugetraut hätte ich es Appel sofort. Heilige Scheiße. Das ist krank.

    Das schlimme daran: Ich traue Google und Android ja genau die gleiche Scheiße zu. Also? Was tun?

  8. Da können wir erstmal gar nichts tun.

    Ich habe ja gerade (mal wieder) meine ganzen Social-Media-Konten aufgegeben.
    So wie ich das sehe, sind die Betreiber nichtmal juristisch angehalten, meine Daten jetzt auch nicht mehr zu benutzen.
    (… dafür kommentiere ich öffentlich samt Email-Adresse … „Kopf-Tisch-Bumm“ …)

    Ich denke, dass die einzige realistische Möglichkeit, mit dem Medium Internet langfristig umzugehen ist, ein datenschutzrechtliches Opt-In („Hab‘ ich veröffentlicht … so richtig mit Öffentlichkeit und Allem!“) zu verwirklichen.

    Dieses Opt-In gilt dann für ein paar Jahre (ältere Daten MÜSSEN gelöscht werden), dem kann NICHT nachträglich widersprochen werden. Dafür muss dieses Opt-In AUSDRÜCKLICH sein (damit Dinge wie Adressenhandel unterbunden werden).

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