
Tschernobyl
Seit 9/11 erzählt man sich an Jahrestagen von Katastrophen gerne, wo man gewesen ist, als man von der Katastrophe erfuhr. Das kann für die Tschernobyl-Katastrophe 1986 nur für einen sehr kleinen Personenkreis überhaupt möglich sein und die sind aller Wahrscheinlichkeit nach, längst tot. Alle anderen könnten allenfalls davon erzählen, was sie zwischen Ende April und Juli 1986 gemacht haben, so lang war nämlich der Zeitraum in dem sich die Katastrophe für uns entfaltete, Stückchen für Stückchen, Salamischeibe für Salamischeibe, jeden Tag eine neue Panik.
Die zuerst mauerten waren die Sovjets (wie sie allenthalben und noch gänzlich antikommunistisch betont genannt wurden), die zunächst die Katastrophe und danach ihr Ausmaß zu verschleiern suchten. Als dann aber klar wurde, dass die Radioaktivität in Form einer riesigen strahlenden Wolke sehr wohl die 3000km bis zu uns zurücklegen würde, waren es die deutschen Politiker*innen, die mit aller Gewalt verhindern wollten, dass Panik ausbricht. Und damals bedeutete das noch, dass sie ihr Volk nach Strich und Faden belogen. So wechselte die Stimmung von „es ist alles in bestern Ordnung“, über „bitte keine Pilze aus der Türkei essen“, nach „lassen sie ihre Kinder nicht nach draußen“, gesperrte Spielplätze, vernichtete Salaternten. Steile These: Ein großes Stück der Glaubwürdigkeit, die der Politik 2020 fehlte, wurde wahrscheinlich schon 1986 verspielt. So oder so, war es ein Horror.
Eigentlich finde ich, in meiner bisherigen Lebenszeit haben sich genug Kriege, Anschläge und Katastrophen abgespielt. Tschernobyl war die erste, die ich aktiv erlebt habe, die mich stark politisiert hat und die für immer meine Meinung über Atomkraft festgesetzt hat.
Foto: IAEA Imagebank, CC BY-SA 2.0.
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