Im Osten nichts Neues

Ich habe heute morgen die gefühlt zweieinhalb Kilometer lange Homepage einer bekannten Newswebsite aus Hamburg von oben bis unten durchgescrollt und habe dort viele Themen gefunden, nur eines hat komplett gefehlt: der Krieg in der Ukraine. Er findet an einem Mittwochmorgen um 6.30h faktisch nicht mehr statt.
Was Quatsch ist, denn in der Ukraine findet er natürlich doch statt. Ich kann aber gerade nicht sagen, ob die russischen Verbände auf dem Vormarsch sind, oder die Ukraine Geländegewinne verbuchen kann oder wenigstens erfolgreich irgendetwas verteidigt. Ich weiß nichts darüber, ob der ukrainische Präsident noch mit der letzten Affäre hadert. Dass er noch Präsident ist, weiß ich nur, weil er letzte Woche Drohnenspezialisten in einen anderen Krieg geschickt hat, der im Moment die Schlagzeilen dominiert. Nicht einmal Russland oder Putin sind mit nur einem Wort auf der Homepage am Mittwochmorgen erwähnt.
Auf der „Schlagzeilenseite“, auf der die Meldungen der letzten X Stunden durchlaufen, ist dann wenigstens notiert, dass in zwei europäischen Ländern als russische Spione Verdächtige festgenommen wurden, der einzige Hinweis auf einen Konflikt mit Russland, das Wort Ukraine fehlt weiterhin in den Überschriften völlig. Das Liveblog zum Ukraine-Krieg läuft tatsächlich noch, man muss es nur finden, zum Beispiel mit DuckDuckGo. Tatsächlich wird dort ein schwerer Angriff gegen die Ukraine mit fast 1000 Drohnen binnen 24h gemeldet, aber das war gestern Abend 20.20h. Fairer- aber auch tragischerweise muss man dazusagen, dass es bei den öffentlich-rechtlichen Seiten nicht besser aussieht. Auf den Seiten der Tagesschau finde ich zwar eine Reportage über Nachschubprobleme im Donbass, aber ebenfalls keine Meldungen.
Ich halte das für eine dramatische Entwicklung, denn der Krieg geht natürlich genauso und in der gleichen, wenn nicht stärkeren Intensität weiter. Aber er klickt nicht mehr. Daran mögen Leser*innen und Redaktionen gleichermaßen schuld sein, kaum gehen die Zugriffszahlen zurück, ziehen die Redaktionen ihre Fachleute ab, damit diese die neue 24/7 Berichterstattung über das neue Thema organisieren. Der Schwerpunkt verlagert sich und das ist ein selbstverstärkendes System: weniger Klicks und Probeabos bedeuten weniger Berichterstattung bedeutet weniger Klicks und Probeabos. Und zumindest die Zugriffszahlen scheinen auch für die Öffis von entsprechender Relevanz zu sein.
Bin ich ein Verschwörungstheoretiker, wenn ich denke, dass Präsident Putin mindestens ein Dankschreiben an seinen Buddy Donald im weißen Haus gesandt hat dafür, dass dieser mit seinen Eskapaden im nahen Osten wenigstens die Aufmerksamkeit von der Ukraine nimmt? Es klingt nach 3D-Weltraum-Schach, was ja eigentlich nicht Trumps Fähigkeiten entspricht, aber ein Sieg der Russen, wenigstens aber eine Niederlage der Ukraine ist ja nur möglich, wenn diese nicht mehr im Fokus steht. Und an dem Fokus hatte ja schon die Länge des Krieges kräftig genagt. Nun ist er weg, der Fokus, und mit dem Iran werden wir noch langfristig zu tun haben, eine Weltwirtschaftskrise zeichnet sich ab, danach steht Kuba auf dem Menü der USA… da kann Russland ganz in Ruhe operieren. Und gewinnen, denn wenn erst die westlichen Bevölkerungen die Ukraine nicht mehr im Blick haben, werden auch deren Politiker andere Themen auf die Tagesordnung setzen und die sowieso schon mickrige Unterstützung mit Geld und Waffen wird ganz versiegen.
Ich weiß wirklich nicht, ob das früher anders war. Ob es früher besser war, kann ich schon gar nicht sagen. Oder wann dieses früher eigentlich war. Aber ich weiß heute, dass es so nicht richtig ist. Wir laufen alle in die falsche Richtung.
Update: Als wenn es darum ginge, meinen Case zu wiederlegen: wenn ernsthaft dramatische Dinge passieren, landen sie auch noch auf der Hompage. Ist aber mit der Dauerberichterstattung, die vorher lief, nicht wirklich zu vergleichen.
Image sourced from the Public Domain Image Archive / Internet Archive / Duke University Libraries
3 Kommentare
Horst Schulte
Konstantin
southpark