Der Altonaer Blutsonntag

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Gestern jährte sich zum 90. Mal der Altonaer Blutsonntag, ein Massaker an den (oft kommunistischen) Einwohnern der Altonaer Altstadt, verübt von der Polizei, anlässlich eines provozierenden Nazi-Aufmarsches ebendort. Das Ereignis war gleichermaßen Symptom für den Zustand der Weimarer Republik 1932, wie auch ein wichtiger weiterer Schritt in Richtung Machtübergabe an die Nazis. Aus diesen Gründen, vielmehr noch aber, weil dabei 18 Menschen starben und vier Kommunisten im Nachgang fälschlicherweise beschuldigt und als die ersten Justizopfer 1933 hingerichtet wurden, sollten wir diesen Tag nicht aus dem Gedächtnis streichen.

Weimarer Verhältnisse

Verschiedene Quellen stellen gerne darauf ab, die Weimarer Republik in dieser Zeit als das Gegeneinander zweier verfeindeter, gleichermaßen extremistischer Lager zu betrachten. Nazis und Kommunisten hätten gleichsam versucht, die Demokratie zu beseitigen und der Altonaer Blutsonntag sei das Ergebnis dieses erbitterten Kampfes gegeneinander. In Wahrheit zeigen aber die Ereignisse in der damals noch zu Schleswig-Holstein (Preußen) gehörenden Stadt Altona, wie weit die Durchdringung des Staatsapparates und der Regierung durch die Nazis oder ihrer Fürsprecher schon gediehen war. Und etwas auch, wie die Feindschaft zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten ihnen dabei in die Hände spielte.

Die Regierung von Papen war ihre kurze Regierungszeit lang untertänigst bemüht, den Forderungen der NSDAP nachzukommen, in der Hoffnung, diese zukünftig in einer Koalition binden zu können. Unter anderem hob sie das SA- und SS-Verbot, das die Vorgänger-Regierung Brüning erlassen hatte, im Juni 1932 wieder auf. In der Folge kam es wieder zu den gefürchteten Saalschlachten SA, SS einerseits und politischen Gegnern wie Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaften andererseits. Die letzteren beiden waren zusammen mit dem Arbeitersportbund seit 1931 in der Eisernen Front zusammengeschlossen und mit den Kommunisten gegenseitig verfeindet.

Polizei führungslos

Für den 17. Juli 1932 war eine Demonstration von SA und SS in der Altonaer Innenstadt angemeldet. Versuche diese Veranstaltung zu verbieten scheiterten und letztlich ließ der Altonaer Reichstagsabgeordnete und Polizeipräsident Otto Eggerstedt (SPD) einen Aufmarsch von rund 7000 Nazis durch die Altstadt zu. Die wurde, weil in den engen Gassen hauptsächlich Arbeiter wohnten, auch „rotes Altona“ genannt, ebenso als „Klein-Moskau“ denunziert. Für den Tag gab Eggerstedt seinem Stellvertreter Urlaub und verließ selbst die Stadt, um außerorts an einer Wahlveranstaltung teilzunehmen. Die Polizei war damit führungslos.

Während der Demonstration, zu der Nazis aus ganz Schleswig-Holstein angereist waren, kam es permanent zu Übergriffen auf Gegendemonstranten und Passanten, diese waren aber nicht der eigentliche Grund für das Massaker. Nach einem schweren Zusammenstoß zwischen Nazis und Kommunisten wurde zwei SA-Leute erschossen, woraufhin die Polizei begann, auf Unbeteiligte außerhalb der Demonstration zu schießen. 16 Menschen starben durch Polizeikugeln.

Die Folgen

In der Folge nutzte die Reichsregierung von Papen die Ereignisse, um im sogenannten „Preußenschlag“ die geschäftsführende preußische Minderheitsregierung ab- und sich selbst als diktatorische Regierung einzusetzen. Dies war ein weiterer entscheidender Schritt in Richtung Machtübergabe, nahm er doch einen Schritt der Abschaffung föderaler Strukturen bereits voraus.

Die Ermittlungen in der Folge wurden ausschließlich gegen verdächtige Kommunisten geführt und blieben zwar ergebnislos. Nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 jedoch, wurden sie wieder aufgenommen und führten in die sogenannten Blutsonntagsprozesse. Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens wurden vom Altonaer Sondergericht zum Tode verurteilt und am 1. August 1933 mit dem Richtbeil(Triggerwarnung) hingerichtet, die ersten politisch gewollten Todesopfer der Nazi-Justiz.

Späte Aufklärung

Die schlimmste, die von den Historikern immer wieder unkritisch nachgebetet worden ist, war die Behauptung, die Kommunisten hätten auf den SA-Umzug mit einem Feuerüberfall durch Dach- und Heckenschützen geantwortet. In Wirklichkeit hatten die Polizeibeamten, auf die Bekämpfung eines kommunistischen “bewaffneten Aufstands” gedrillt, stundenlang Feuerüberfälle auf ganze Straßenzüge inszeniert. Über 5000 Schüsse wurden abgegeben, und es grenzt an ein Wunder, daß die wilde Schießerei nicht noch mehr Menschen das Leben kostete.

DIE ZEIT, Krieg gegen die “Roten”, Nr. 43/1994

Erst 1992 wurden die Ereignisse vom pensionierten französischen Physiker und Hobbyhistoriker Léon Schirmann aufgearbeitet, der nachweisen konnte, dass es nicht zu einem Feuerüberfall durch Kommunisten auf Polizei und Demonstrationszug gekommen war. Die Todesurteile gegen die vier angeblichen Täter wurden aufgehoben und die Männer als Opfer des Nazi-Regimes rehabilitiert.