Sommermärchen

Ach ist das schönes Wetter! Raus aus der Wohnung, rein ins Vergnügen. Endlich, endlich, endlich wieder ins Büro. Endlich wieder mit der Bahn fahren. Alles kein Problem, die Inzidenzen sind im freien Fall. Was soll man sich noch schützen? Runter mit der Maske! Ist doch eh nur ne Grippe! Außer eins ist halt gefährdet, dann kann eins ja zu Hause bleiben, uns ficht das nicht an. Die fetten Säcke und -innen mit Bluthochdruck sind doch alle Spaßverderber*innen. Warum sind die im Lockdown nicht joggen gegangen wie wir? Dann wären sie jetzt nicht so fett…

Die Inzidenzen sind im freien Fall

Tatsächlich? Na ja, les ich doch überall. Letzte Woche noch 900, heute schon 500. Und die Todeszahlen sind auch rückläufig, statt einer Flugzeugladung voller Menschen, sterben jetzt nur noch zwei ICE-Abteile, pro Tag! Und letztens hab ich gelesen, dass mal an einem Tag gar niemand gestorben sei. Toll! Und was bei den rückläufigen Zahlen alles geht! Jetzt braucht eins nur noch fünf Tage zu Hause bleiben, wenn eins krank war. Alles völlig ungefährlich, sonst würden die das ja nicht beschließen. Und es meckert auch keine*r mehr. Gut, inzwischen ist oder war fast jeder krank: die Schwester, der Schwager, alle Büronachbar*innen, der Hausarzt (sogar der), der Ministerpräsident (von Schleswig-Holstein), die Kasuppke von unten, die immer den Leuten im Flur auflauert, der Bundesfinanzminister, alle aus der Kindergartengruppe, in der Schule zum Teil schon zweimal… Aber egal, ist doch eh nur ne Grippe. Außer eins ist halt gefährdet, dann kann eins ja zu Hause bleiben, uns ficht das nicht an. Die fetten Säcke und -innen mit Bluthochdruck sind doch alle Spaßverderber*innen. Warum sind die im Lockdown nicht joggen gegangen wie wir? Dann wären sie jetzt nicht so fett…

Es wird nur noch wenig getestet

Sind die Zahlen denn wirklich so niedrig? Können wir uns darauf verlassen? Steht doch überall: „Sieben-Tage-Inzidenz sinkt erneut“, „Abwärtstrend bei Inzidenz hält an“, „RKI zählt deutlich weniger Neuinfektionen“. Ja schon…, aber da steht auch:

Allerdings liefert die Inzidenz – lange der wichtigste Parameter bei der Einschätzung der Pandemielage – kaum mehr ein vollständiges Bild des Infektionsgeschehens. Testkapazitäten und Gesundheitsämter sind vielerorts am Limit, Kontakte werden nur noch eingeschränkt nachverfolgt. Zudem werden Infektionen häufig nicht mehr über einen PCR-Test in einem Labor bestätigt und fehlen deshalb in der offiziellen Statistik.

zeit.de

Oder:

Allerdings liefert die Inzidenz kein vollständiges Bild der Infektionslage. Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus – wegen überlasteter Gesundheitsämter und weil nicht alle Infizierte einen PCR-Test machen lassen. Nur diese werden aber in der Statistik gezählt. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zu einer Verzerrung einzelner Tageswerte führen.

tagesschau.de

Und:

Bei den Werten ist zu berücksichtigen, dass einzelne Länder nicht an jedem Tag der Woche Daten melden. Das wiederum führt zu Nachmeldungen an Folgetagen. Ein Vergleich von Tageswerten ist damit schwierig. Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus – unter anderem, weil nicht alle Infizierte einen PCR-Test machen lassen. Nur diese zählen in der Statistik.

spiegel.de

Aber wer liest schon die Packungsbeilage. Die Sache mit dem Tag an dem endlich mal kein Mensch in Deutschland an (oder mit) Corona gestorben ist, war leider auch nur eine Zeitungsente. Oder Onlineente, oder wie wir das heute nennen. Die freudige Nachricht entstand, weil an dem Montag wie üblich nur noch Zahlen der wenigsten Bundesländer gemeldet wurden, die Gesundheitsämter in vielen Bundesländern, überlastet wie sie sind, arbeiten nicht mehr am Wochenende. Wohl wegen der niedrigen Inzidenzen…

Falsche Zahlen, richtige Taten

Trotzdem, obwohl wir uns nun alle einig sind, werden ja auf Basis dieser Zahlen weiter fröhlich Entscheidungen getroffen. Halbierung der Isolationspflicht auf fünf Tage zum Beispiel. Die Bundesländer regeln das ggf. unterschiedlich, aber hier in SH wird ein Freitesten mit Schnelltest nach fünf Tagen lediglich empfohlen. Aber auch im Kleinen werden die Zahlen als Begründung herangezogen: in einem mir bekannten Unternehmen soll bspw. endlich zur Normalität zurückgekehrt werden… Die Mail dazu begann mit einem Hinweis auf die so erfreulich gefallenen Coronazahlen. Wie gesagt, die Packungsbeilage liest kein Mensch, nicht mal die, die sie schreiben. Es können natürlich Sonderregeln für bestimmte Leute ausgehandelt werden. Also für die fetten Säcke und -innen mit Bluthochdruck. Sind doch alle Spaßverderber*innen. Warum sind die im Lockdown nicht joggen gegangen wie alle? Dann wären sie jetzt nicht so fett…