Der Abstieg nach rechts unten

Journalist*in darf sich ja im Grunde jede*r nennen. Und Journalismus darf auch jede*r machen, ist eine reine Definitionsfrage (ist dieses Blog Journalismus?) und meist durch die Meinungs- oft durch die Pressefreiheit gedeckt. So ist die Dunkelziffer hoch und es gibt Journalismus in den seltsamsten Ecken, beispielsweise in den Verschwörer*innenkreisen der ehemaligen sogenannten Querdenker*innenbewegung und natürlich auch noch viel weiter rechts.

Dort am rechten Rand agieren viele verkrachte Existenzen, die, möglicherweise nach einigen vergeblichen Anläufen bei echten Presseorganen unter zu kommen, sich darauf verlegt haben, sogenannte Informationswebseiten zu betreiben, und als Bürgerjournalisten über die Wahrheiten zu schreiben, die komischerweise in keiner anderen Zeitung zu stehen kommt. Einige haben es mit ihren Blogs zu einigem Erfolg gebracht, sind zu rechten Influencer*innen auf gestiegen.

Was es dort aber auch gibt, sind Gestalten, die von der anderen Seite kommen, die einst (ich drücke es mal absichtlich so hart aus) echte Journalist*innen waren, zumindest bei echten Zeitungen oder Newswebsites angestellt waren. Und es scheint einen vorgezeichneten Weg für diese Leute zu geben, eine Karriere, die scheinbar immer ähnlich verläuft.

Der Ausgangspunkt dieser Karriere nach unten rechts allerdings ist mannigfaltig. Da sind einstige Linke, die ihre Karriere bei der (damals noch total alternativen) taz angefangen haben, genauso anzutreffen, wie superkonservative Feuilletonnist*innen die sich als Verteidiger*innen der deutschen Sprache verstanden. Von unterschiedlichen Seiten nähern sie sich aber immer den gleichen Sublimationspunkten: extremer Konservatismus, Xenophobie, Frauenhass, die Mär vom „linksgrünversifften“ Journalismus im Allgemeinen. Die Themen zeigen auch, dass es in der Mehrzahl Männer eines bestimmten Alters sind, von denen wir hier sprechen. Entsprechend lange sind sie im Geschäft, deswegen sind sie auch schonmal Chefredakteur*innen oder Starkolumnisten*innen, die Masse von ihnen gehört aber wohl eher zur zweiten Reihe. Sie beginnen irgendwann aufzufallen, weil sie Dinge schreiben, die ins extreme tendieren, sich in ihrer Schreibe immer mehr radikalisieren. Irgendwann kommt es dadurch zu Spannungen, Streit um Redigate, Unmut über Äußerungen in Redaktionskonferenzen, Dinge die in Interviews gesagt werden eskalieren… sowas eben. Es sind eben die Leute, die sich im Kolleg*innenkreis unbeliebt machen, die sich am Buffet beim Sommerfest vordrängeln, die ihr weinerliches, beleidigtes Selbst immer vor sich hertragen, die überall Verrat wittern. Und so werden unsere Delinquent*innen immer mehr isoliert in ihren Redaktionen. Viele wechseln dann, womit der Abstieg beginnt.

Gewechselt wird in der Regel zu ganz bestimmten Zeitungen oder Websites und in der Mehrheit gehören diese zum Springer-Konzern. Dort können sie dann zumindest eine Zeit lang, etwa bis zur sowieso kurz bevorstehenden Rente, ihre Meinung über die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen, sowie der Unterdrückung des männlichen Geschlechts im Besonderen, über die Vergewaltigung der deutschen Sprache durch Gendersternchen oder die gestohlene Wahl von Donald Trump heraus posaunen, weil dort eben genau für eine Klientel geschrieben wird, die sowas hören will. Oft können dann damit alle zufrieden sein und es wird ruhig um die Abgestiegenen. Einige aber fühlen sich mit der dauernde Provokation nicht ausgelastet oder erkennen, dass sie gar nicht für die Sache, sondern nur für die Einnahmen arbeiten. Dann kann der Abstieg noch weiter gehen, zu einschlägigen Webseiten die Einblick versprechen, oder zu Verlagen, wo man neben rechter Literatur auch Überlebensausrüstung im Webshop kaufen kann. Und dann zu Parteien, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden…