The atomic Angst

Nochmal zu Indien und Pakisten. Ist es nicht an der Zeit, schweißgebadet aufzuwachen und festzustellen, daß unsere Erde mal wieder auf einen neuen Abgrund zusteuert? Und als Child of the 80’s ist mir diese Bedrohung wesentlich bewußter als jene durch Terroristenbanden, Flugzeugentführungen und Autobomben. Nach den Sixties (Kuba-Krise), den Seventies (RAF-Terrorismus) und den Eighties (Rüstungswahnsinn) scheinen im neuen Jahrtausend alle diese Bedrohungen komprimiert zu werden. Das macht mir Angst, Angst, Angst!

Ich bin ein Kind der achtziger Jahre. Dieser so einfach dahingesagte Satz sagt mehr aus, als es zunächst den Anschein hat. Denn wir Kinder der Achtziger blicken zurück auf eine sehr spezielle Sozialisation, welche den Spätgeborenen, also jenen Menschen, deren Grossteil ihrer Jugend nach dem Mauerfall stattfand, vollends fehlt. Wir sind groß geworden mit der dauernden latenten Bedrohung des Atomkrieges, mit dem ständigen Blick auf den damals noch so eisernen Vorhang und mit der Gegenwehr dagegen. Dieser Habitus, der tief verborgen in meinem (Über?-)Ich schlummert, schreit auf in diesen Tagen. Ein tiefes Zucken geht mir durch Körper und Seele, wenn ich höre, daß Politiker in Pakistan und Indien von der Möglichkeit eines Atomschlages sprechen als ginge es um einen Schulausflug und nicht um die Gefahr, alles menschliches Leben von dieser Erde wegzubomben.

Der amerikanische Geheimdienst entwickelt bereits wieder die grausigsten Worst-Case-Szenarios, nach denen bei einem Atomschlagabtausch zwischen Indien und Pakistan, 12 Millionen Menschen über die Klinge springen werden. Und solche Berechnungen finden in unserem Land kaum Widerhall, im Gegenteil, daß Deutschland 8:0 gegen die Saudis gewinnt scheint mehr Gewicht zu haben. So gesehen gestern Nacht in den RTL-Nachrichten (die zugegebenermaßen ein ausgesprochen schlechtes Medium darstellen, m.E. allerdings repräsentativ für das z.Zt. vorherrschende Fehlen von Intelligenz in breiten Teilen der Bevölkerung sind): als allerletzte Meldung wird da der mögliche Massenmord an einem Drittel der Menschheit in Aussicht gestellt, nun aber zu den guten Nachrichten: zum Wetter am Wochenende! Ja hat denn niemand mehr die Bilder aus Atomic Café im Kopf: ‘If you here the bang, don‘t look in the light, but dug and cover!‘. So wie mit der vermeintlich so weit entfernten Bedrohung heute umgegangen wird, erinnert mich zu sehr an den hirnrissigen Glauben der 50er, man könne mit einem Sprung unter die Schulbank oder mit einer hochgehaltenen Aktentasche, sich vor dem Atomtod schützen. Schwachsinn!

Wenn ich mich an meine Jugend zurückbesinne, dann denke ich an Friedensdemos, Sitzblockaden gegen Pershing-Stationierung, Lichterketten und solche Dinge. Da fällt mir die Sprachlosigkeit ein, mit der man, als Tschernobyl hochging, auf die Straße ging, um endgültig im Regen verstrahlt zu werden. Sicherlich hat sich einiges geändert seitdem, schließlich schien mit dem Ende des Planungsfaschismus in der östlichen Hemisphäre (ich weigedere mich dafür die Wörter Sozialismus oder Kommunismus zu verwenden), auch das Ende der atomaren Bedrohung erreicht. Doch wie wir heute sehen können, war das eine Illusion. Die atomare Bedrohung hat fortbestanden, die ganze Zeit, quer durch die versoffenen 90er, vorbei an der Westifizierung des Ostens und der Jahrtausendwende.

Und sinnigerweise sind es nicht die sogenannten Schurkenstaaten die der Quell der Bedrohung sind, nein, es sind sogar unsere Verbündeten im Kampf gegen diese. Pakistan wäre, ohne die Ereignisse des 11.9.2001 in einer gänzlich anderen Position als jetzt, und trotzdem scheint die Weltpolizei Amerika, die doch wohl in diesem Land mehrere Außenstationen unterhält, machtlos zu sein in einem sich stündlich zuspitzenden Konflikt zwischen Grenzstreitigkeiten und Religionskonflikt. Genauso scheint Indien gänzlich unbeeindruckt zu sein von jeglicher internationaler Ablehnung ihres Vorgehens. Die Region brennt, sie hat gebrannt vor dem 11.9.01, sind brante fort trotz Eingreifens der Amerikaner und ihrer Zwangsverbündeten und nun scheint der Brand zur Expolison zu reifen.

Was mich schockiert, und das scheint an besagtem 80er-Habitus zu liegen, ist, daß all diese Vorgänge hier gänzlich ignoriert respektive totgeschwiegen werden. Zumindest habe ich nicht das Gefühl, daß es meinem Mitmenschen den Schock versetzt, den es sollte, daß es in den Nachrichten nicht so dargestellt wird wie es ist: eine Lebensbedrohung für uns alle! Kann man wirklich glauben, daß die Fußball-WM wichtiger ist? Was ist denn mit unseren Jungs in Japan, wenn sich auf dem indischen Subkontinent ein Atomkrieg abspielt? Werden sie dann weiterspielen? Wissen wir denn nicht, welche Szenarien ablaufen (vielleicht sogar automatisch), wenn es irgendwo auf der Welt einen Atomkrieg gibt? Und glauben wir denn, daß sich ein solcher Krieg wirklich auf die Region beschränkt bliebe? Wissen wir es denn nicht besser? Truppen aus aller Herren Länder sind im pakistanischen Nachbarland Afghanistan stationiert, amerikanische Kriegsschiffe kreuzen in der Region, alles Gründe für eine weltweite Verbreitung des Konfliktes. Und glauben wir denn wirklich, daß der atomare Fallout, die radioaktive Verseuchung und damit das Sterben und Leiden wirklich auf den indischen Subkontinent beschränkt bliebe? Ja haben wir denn gar nichts gelernt aus den Achtigern?

Wo sind die Aufschreie, die Friedensdemos, die Sondersitzungen der vereinten Nationen (bei denen meinetwegen diesmal ein pakistanischer oder indischer Minister mit seinem Schuh auf den Tisch hauen soll), wo sind die ernstgemeinten Bemühungen der sogenannten ‚freien Welt‘ zur Abwendung des Konfliktes? Wo ist die Massenbewegung? Die Angst? Der Schock?

Stattdessen werden Nachrichten aus Indien oder Pakistan hingenommen, als ginge es um ein neues Kurstief der Telekom (was beizeiten mehr Aufruhr verursacht). Als hätten wir mit dem 11. September schon alles grausamer dieser Welt gesehen. Was da auf uns zukommt, auf uns alle als Bewohner dieses Planeten, ist schlimmer als der 11. September, gewichtiger als der Fall der Mauer und möglichweise verheerender als Tschernobyl, der Holocaust und die Bombadierung von Dresden zusammen. Unsere Welt steht mal wieder am Abgrund, und ich habe das Gefühl man wil es nicht merken. Die achtziger Jahre sind zwar im Moment als Modewelle allgegenwärtig, der Sensibilität ihrer Kinder ist jedoch nicht Teil dieses Konsumverhaltens.

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.