The web is missing

Zum Anfang des Jahres gibt es ja auch mal etwas gutes zu vermelden: Oliver Reichenstein bloggt wieder. Und gleichzeitig ist das etwas erschreckend für mich, weil mir war gar nicht so richtig klar, dass er das eine Zeit lang nicht getan hätte. Sei es drum, die Stimmung ist eh gerade nicht so gut drüben in Japan.

Ich habe heute keine Web Trend Map 2018 für Euch.

Don’t get too excited. We don’t have it. We tried. We really tried. Many times. The most important ingredient for a Web Trend Map is missing: The Web.”

Die Litanei ist so richtig wie sie grausam ist, das Netz ist keines mehr. Ich habe an allen Ecken und Kanten das Gefühl, dass wir verloren haben. Verhökert haben wir das Netz, für ein paar Glasperlen an Zuckerbergs wilde Horde und Amazon (von dem ich so selbst so verdammt abhängig bin).

Ist bloggt mehr die Lösung? Und verlinken? Wir werden sehen.

18 Gedanken zu „The web is missing“

  1. Ich weiß nicht, ob „bloggt mehr“ überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt die richtige Antwort war. Und wenn ja, wie lautete dann die Frage?

    Das Problem ist ja auch zunächst die Dimension: Das Internet ist zum ersten Mal in der Geschichte ein System, dass tatsächlich das Potential hat, jeden Einzelnen auf der Welt miteinander zu verbinden. Bislang wurde oftmals auch die Skalierung als eher technisches Problem betrachtet (gerade von uns, die wir irgendwie auch mit dieser Technik zu tun haben), aber für den Mensch als sozialen Wesen wird es da ohnehin schon ziemlich kompliziert. Man kennt das von Parties: Die Qualität der Gespräche steigt nicht grade linear mit der Menge an Personen, die sich in ein und demselben Raum aufhalten.

    Daraus folgte, dass sich das ursprünglich kleine Forschungsnetzwerk mit zunehmender Größe in immer weitere kleine Teilmengen aufteilte: Thematisch eingeschränkt, aber technisch gesehen immer noch auf gleicher Ebene mit dem ursprünglichen Netz.

    Auch wenn diese Bereiche untereinander über viele unterschiedliche Links miteinander vernetzt waren, wurden mit der Zeit immer stärker Aggregatoren nötig, die den richtigen Weg durch den Link-Dschungel bahnten.

    Die steigende Kommerzialisierung des Netzes etwa ab den 2000er-Jahren sorgte wiederum dafür, dass auch diese Aggregatoren mit-kommerzialisiert wurden. Bis sie eine (auch finanzielle) Größe erreicht hatten, die andere Systeme durch ihre schiere Anziehungskraft einfach schluckten. So entstand letzen Endes die Monopolisierung von Suche (Google), Sozialer Plattform (Facebook, Twitter) und Shopping (Amazon).

    Hat man als Unternehmen erst einmal diese Größe und Stellung erreicht, ist es natürlich auch ein Leichtes, seine Angebote in Silos zu verwandeln: Man gestaltet alles so „komfortabel“, das es für einen Nutzer wenig Sinn macht (oder mit großem Aufwand verbunden ist), sich anderweitig irgendwo umzusehen. Durch den Netzwerk-Effekt wird es auch immer schwieriger, aus diesem System auszubrechen.

    Die Frage, wie man nun wieder zu einem offenen, verteilten Netz zurück kann, ist daher gar nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube auch nicht, dass dies überhaupt ohne einen harten Bruch möglich ist. Vor allem: Was sollte uns davon abhalten, genau die selbe Entwicklung erneut durchzumachen? Denn auch darauf gibt es noch keine wirklichen Antworten.

    Und nicht zuletzt müssen wir alle für uns selbst entscheiden, wie wir überhaupt in einer globalen, vernetzten Gesellschaft leben wollen., statt die Dinge nur von der technischen Seite aus zu betrachten. Sicherlich die spannendste Frage in diesem Diskurs.

    1. Was sollte uns davon abhalten, genau die selbe Entwicklung erneut durchzumachen?
      Zunächst bin ich ja immer dafür, aus der Geschichte zu lernen, sie kennen den Spruch dazu. Ich habe inzwischen aber auch gelernt, dass es durchaus möglich ist, auf einem anderen Weg in die gleiche Falle zu laufen.

      Und ganz ehrlich: auch wenn mehr bloggen die Welt nicht rettet…

      Blogging won’t save the world. (Reichenstein, ebenda)

      … schlecht sein kann es nicht. 😉

    2. Wir vergessen dabei auch gerne, dass wir aus unserer Sicht immer argumentieren. Es gibt faktisch kein weltweites Monopol auf Suche und Shopping. Frag mal einen Chinesen nach Amazon …

      Das Netz ist weltumspannend, aber uns betrifft nur der Teil, der uns erreicht. Da wird es wieder lokaler.

      Zudem: Demokratien sind eindeutig in der Minderheit auf diesem Planeten. Und selbst die sind nicht grenzenlos frei. Auch wir nicht. Wir haben auch Publikations- und Sprechverbote. Das beginnt bei Kinderpornografie und endet bei Holocaust-Leugnung. Das ist auch alles gut so. Denn jede Gesellschaft muss für sich die Grenzen des Diskurses definieren.

      Im Iran oder in Dänemark darf man im Gegensatz zu uns den Holocaust leugnen. Allein dieses Mini-Beispiel zeigt, dass die grenzenlose Freiheit schon immer ein Trugbild war. Denn wir möchten doch eigentlich alle, dass unsere Gesetze eingehalten werden, oder?

      DAS ist eines der größten Probleme des Internet. Und es ist utopisch zu glauben, dass durch das Internet jetzt alle Länder demokratisch werden. Und wenn dem so wäre, dann können wir uns ja mittlerweile fragen, wie lange das halten soll. In Polen und Ungarn stehen die Zeichen auf Abschaffung der Demokratie. Und der Arabische Frühling war auch mehr lau. Die dahinterstehenden Probleme sind zudem viel zu komplex, als dass sie mit einer Kommunikationstechnik zu lösen wären.

      Und bevor das hier zu einem langen Artikel wird: wir haben in unserer Euphorie auch immer übersehen, dass das Internet zu guten und schlechten Taten genutzt werden kann. Wie bei einem Messer: Obst klein schneiden oder Partner töten. Und das Internet ist einfach ein praktisches Überwachungstool für totalitäre Staaten und solche, die es noch werden wollen. Es kann also sein, dass am Ende nicht mehr sondern weniger persönliche Freiheit durch das Internet entstehen. Denn entweder werden wir von den Geheimdiensten oder von Apple, Amazon, Google und Konsorten ausspioniert. Mit teils heftigen Konsequenzen.

      Ich glaube, das muss ich mir jetzt schön trinken 🙂

        1. Gut, dann muss ich dieses Argument zwar nochmal überdenken. Die großen und die wichtigen Volkswirtschaften sind allerdings nicht durchgängig Demokratien. Auch wenn Russland so tut, ist es keine Demokratie. China sowieso nicht. Brasilien ist wohl einfach nur korrupt, Indien auch. Und Polen und Ungarn hatte ich ja schon erwähnt.

          1. „Freedom House unterteilt die Staaten jedoch nicht nur in demokratische und nicht-demokratische Staaten, sondern kategorisiert sie mit Hilfe verschiedener Indikatoren auch in freie, eingeschränkt freie und unfreie Staaten. Von den 123 Demokratien des Jahres 2016 waren danach 87 frei und 36 eingeschränkt frei. Und von den 72 nicht-demokratischen Staaten waren 23 eingeschränkt frei und 49 unfrei. “

            Das macht schon mehr Sinn. „Eingeschränkt freie Demokratie“ hat natürlich was von schwarzem Schimmel. Ich schätze, die meinen die Türkei und Russland mit sowas.

      1. Es gibt faktisch kein weltweites Monopol auf Suche und Shopping. Frag mal einen Chinesen nach Amazon …

        Gut, der kauft dann bei Alibaba.com und zahlt überall mit AliPay, nutzt die Alibaba Cloud, chattet mit Laiwang und surft mit dem UCWeb Browser. Alles aus einer Hand. 😉

  2. Also, dass ich jetzt glauben täte, das Netz hätte die Welt demokratisieren sollen, ist allenfalls ein Mißverständnis. Das steht ja so auch nirgendwo. Allllllerdings… ich hätte das Netz gerne demokratischer. Wünschen darf man ja.

    1. … das Netz hätte die Welt demokratisieren sollen, ist allenfalls ein Mißverständnis

      Da muss ich widersprechen: In den Anfangstagen des Internets (1960er), als noch die ARPA viel in die Finanzierung steckte, wurden Computer durch ihre vorwiegend militärische Nutzung schon von vielen als Oppressionswerkzeug gesehen. Projekte wie „Community Memory“ Anfang der 1970er Jahre wollten einen demokratischen Zugang der Technik auch für Nicht-Wissenschaftler ermöglichen, die Grundstein für die Demokratisierung von Wissen und Kultur sein sollte.

      „Information wants to be free“ (Stewart Brand, 1960er) ist ja eben dieser Grundgedanke, dass Wissen (und damit Macht) nicht nur einer Elite gehören sollte, sondern durch das Netz allen zu Verfügung stehen sollte.

  3. Die meisten Menschen sind einfach nicht so (motiviert? progressiv? neugierig? diskurs-interessiert? elitär?), wie es die erste Welle der Webmenschen sich erträumt hat. Letztere waren in der Gesellschaft immer eine Minderheit und sind es jetzt im Web wieder. Der Mehrheit reicht es, wenn das Amazonpaket pünktlich vor der Tür steht. IT-Infrastruktur oder Arbeitsbedingungen spielen keine Rolle. Für mich ganz sicher keine erfreuliche Erkenntnis, aber
    ¯\_(ツ)_/¯

    Die West-Coast-Hippies hatten schon entscheidenden Anteil an der Theorie der Demokratisierung des Netzes, da hat Frederic recht. Gibt sogar ein gutes Buch dazu: What the Dormouse Said.

    Und um so richtig mitten ins Herz zu treffen, hier ein großartiger, unglaublich web-optimistischer Justin Hall 1996.

    1. »What the Dormouse Said« muss man ja schon allein wegen des »White Rabbit« Zitats lieben… es ist ein Treppenwitz, dass ich mir das just auf meinen Kindle schicken lasse… 😉

  4. Also verlinken hat funktioniert. Hab den Beitrag im Dashboard unter Backlinks entdeckt. WIe früher. Das alles kommt mir vor wie einen Oldtimer wieder auf Vordermann zu bringen. Fühlt sich aber richtig an. „Bloggt mehr,“ ganz platt, einfach bloggen um zu bloggen, das bringt sicher nichts. Ich denke nach wie vor, dass man nur veröffnerlichen soll, wenn man was zu sagen hat. Wenn das aber der Fall ist, soll man den Traffic besitzen und verwalten und verantworten. Ich sehe da zur Zeit keine andere Möglichkeit als bloggen, aber wer weiss, was 2018 noch alles bringt.

    1. Oh well, das mit dem „mehr bloggen“ ist auch wirklich meine sehr persönliche Auffassung davon, was mit unseren Blogs anzustellen ist und wie es weiter gehen kann. Ich hadere ja selbst schon seit einigen Jahren damit, dass ich mein Blog gerne wieder reaktivieren täte, es aber einfach nicht wirklich hinbekommen. 12 Einträge pro Jahr sind es ja irgendwie auch nicht. Ich habe dann all die alten Sachen aus den alten Tagen aus dem Webarchiv gescraped und hier wieder verfügbar gemacht, um zu sehen, was denn 2002 (alles davor ist leider verloren) so anders war an (meinem) Bloggen. Und da kommt irgendwie heraus: ich habe einfach gebloggt. Vieles ist belangslos und heute unwichtig, aber doch voller Inhalt. Da habe ich mir nicht Stunden Zeit genommen um an meinen Texten zu feilen. Eben einfach gebloggt. Dorthin wieder, wenigstens ein Stück weit, zurück zu kehren, mag für mich persönlich tatsächlich ein Weg sein.

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