BOBS – Weblogs haben einen Preis (noch einen)

DW-WORLD.DE, das Online-Portal der Deutschen Welle, ist auf der Suche nach den besten Online-Tagebüchern.

Na dann mal los, ihr TagebuchschreiberInnen dieser Welt, die Deutsche Welle ruft, der Berg grooved.

Unter dem Titel “The BOBs – Best Of The Blogs” werden Weblog-Champions in elf verschiedenen Kategorien ausgezeichnet…

Also, die Spikes geschärft und die Muskeln gedehnt, klingt ja nach einer Mischung von sauer aufgestossen und Sportwettbewerb. Um die Wette schreiben? Wer schreibt den längsten Tagebucheintrag? Wer schreibt in der kürzesten Zeit den besten Eintrag darüber, warum ein Weblog kein Tagebuch ist, und / oder umgekehrt? Nein, nur der übliche Award in den üblichen Kategorien: “Best Weblog, Best Topic, Best Design, Best Weblog Innovation und Best Journalistic Weblog”, in dieser anglizierten Version, auch in der deutschen Übersetzung. Ob nun blogawards oder Preisbloggen das Prinzip bleibt dasselbe, es wird nominiert, hier wird abgestimmt, dort setzt sich eine Jury mit den Nominierungen auseinander.

Teilnehmen können übrigens Tagebücher in den Welthauptsprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch oder Arabisch (Franzosen müssen leider draussen bleiben, wie der Dienstraum treffend anmerkt). Die deutschsprachigen Tagebücher werden dabei von Konstantin Klein (nimmt wohl in seiner Funktion als Mitarbeiter der DW in der Jury teil), Thomas N. Burg (wählt das beste sozialgrenzwissenschaftliche Weblog?) und Jörg Kantel (sucht die besten RSS-Aggregatorblogs frei von jeglichen eigenen Inhalten?) gerichtet, womit die eine meiner dringendsten Fragen, die während der Vorbereitungen zu den blogawards aufkam, geklärt ist: “Angenommen, man liesse ein Jury über die Qualität der Blogs entscheiden: wer um Himmels willen sollte da in der Jury sitzen?” Macht aber nichts, es gibt ja auch einen Userpreis.

Zum blogawards gab es noch eine Menge Kritik, von giftig bis witzig. Das Preisbloggen wurde schon beinahe ignoriert, müssen wir nun in diesem Jahr tatsächlich noch eine dritte Ausspielung starten? Und es können ja noch soviele Institutionen einen Award starten: SPON könnte bspw. das beste SPON-Zitierblog suchen und es sind nochsoviele passende Domains frei: blogolympiade.de, bundesblogspiele.de (mit Ehren- und Siegerurkunden) oder auch bloggdirnenpreis.de. Naja, und im Dezember fangen wir dann einfach wieder von vorne an: die Geister die ich rief meets und täglich grüsst das Murmeltier.

Vielleicht bloggt einfach mal zwischendurch jemand etwas interessantes, damit die ganzen Preise wenigstens ein Quentchen Berechtigung haben.

Baut mehr Autobahnen

Eine Meldung und dreimal bleibt einem das Brötchen im Halse stecken, LN – dpa, 18.08.04:

Berlin (dpa) – Die Bundesregierung will jeden fünften Langzeitarbeitslosen mit einem Ein-Euro-Job beschäftigen. Er rechne mit einer erheblichen Verstärkung öffentlicher Arbeitsgelegenheiten, sagte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement der “Welt”.[..]

Womit endgültig der Punkt erreicht ist, dass nun ganz offiziell wieder Autobahnen gebaut werden, von Arbeitslosen, zum Hungerlohn, deutsche Räder müssen rollen, hatten wir alles schoneinmal. Das ist schlußendlich alles, was unserer Regierung (man erwarte nicht mehr von der nächsten) einfällt: ein Rezept aus düsterster Vergangenheit. Manifestierte Hilflosigkeit.

Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine kündigte an, er werde am 30. August an der Leipziger “Montagsdemonstration” teilnehmen.

Na klar, da sind ja auch eine Menge Leute. Mundtot gemacht und abgekanzelt hatte sich Lafontaine an den heimischen Herd zurückgezogen, jetzt ist er wieder da, zu spät wie mir scheint. Hatte der jetzt ein besseres Rezept anzubieten? Ist noch nicht zu mir durchgedrungen.

CSU-Chef Edmund Stoiber warnte vor einer Aufweichung der Arbeitsmarktreform.

Und droht mit weiteren Schritten auf dem Pfad zurück zum Steinzeitkapitalismus.

Nicht dabei gewesen

Nach neuen Angaben aus den USA war der in Hamburg als mutmaßlicher Terrorhelfer vor Gericht stehende Mounir El Motassadeq kein Mitglied der Terrorzelle um Mohammed Atta. Er habe von den Vorbereitungen der Anschläge am 11. September 2001 in den USA nichts gewusst, heißt es in einer Zusammenfassung von Aussagen der möglichen Terror-Drahtzieher Ramzi Binalshibh und Chalid Scheich Mohammed.
Lübecker Nachrichten/dpa

Das klärt jetzt irgendwie einiges. Seit Monaten frage ich mich, warum man in den USA unbedingt keine Informationen zum Fall Motassadeq herausrücken wollte oder Zeugen zur Verfügung stellen. Heute dagegen fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen: der CIA war Motassadeqs Unschuld von vorneherein klar. Und dass er ohne Zeugen und Beweise frei gesprochen werden würde offenbar auch. Nur sagen wollte man es nicht, denn das hätte ja irgendwie am gut geschürten Bedrohungsbild gerüttelt. Dass man jetzt doch mit den Informationen rausrückte mag auf erhöhten Druck aus Deutschland zurückzuführen sein. Immerhin, aber musste Motassadeq unbedingt so lange festgehalten werden? Der Ausgang des Prozesses in Hamburg zu Motassadeqs Gunsten scheint jedenfalls jetzt klar zu sein. Angeklagt wegen Beihilfe zum 3000fachen Mord, weil er die falschen Leute kannte. Schluck.

Werbung in RSS-Feeds

… ist Mist, ok., mag schon sein. Warum aber gibt es noch nicht Werbung als RSS-Feed?

Ist der jetzt durchgedreht? Nö, bloss hab ich gerade mal wieder meinen Briefkasten von etlichen Wurfsendungen befreit, die günstiges Gemüse, tolle Computer und sonstwas anpreisen, indem schlecht extrahierte Fotos von Mett halb und halb und Bananen etc. mit viel zu dicken Preisschildern collagiert werden. In unserem Hauseingang steht dafür extra eine Papiertonne, 99.9% der Bewohner lassen die Wurfsendungen direkt dort hin wandern.

Warum kann ich, wenn ich das will, solche Informationen nicht im Netzt abonnieren? Nein, nein, keine Newsletter bitte, meine Emailadresse würde ich Herrn Albrecht oder Onkel Lidl nicht anvertrauen, aber ein Feed mit den neuesten technischen Neuheiten beim Computerdiscounter mit Lebensmittelabteilung, warum nicht? Und statt “Kaufen! Marsch! Marsch!” (Am Arsch!) lieber ein paar harte Fakten?

Die Vorteile liegen auf der Hand: da würde man günstig seine Werbung an die unters Volk bringen können, die es auch interessiert, ohne Papierverschwendung, schön zähl- und messbar.

Was höre ich da? Wir könnten die Feeds massenhaft parsen, analysieren, sortieren und Preisvergleiche anstellen. Na das wäre ja fürchterlich. Also wirklich. Viel zu modern, nicht wahr?!

Bergzeitfahren

Wer dort oben ankommt und noch sprechen und laufen kann, hat meine Hochachtung und mein Mitgefühl.

Marx bringt es auf den Punkt

Folter im Irak. Soldat zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Neue Fotos in amerikanischen Zeitungen. Und aus dem Grab spricht Groucho, nicht Karl, Marx:

“Military justice is to justice what military music is to music.”
Groucho Marx (1890 – 1977)

Das sagt doch alles. Via: Quotes of the Day (mehr Quotes).

Kinderbilder

(1986) Es ist schon lange her, aber solche Erinnerungen brennen sich ein, bei mir jedenfalls. Ich war gerade 16 und brachte mal wieder eine neue Freundin mit nach Hause. Ja, das machte man in den Achtzigern noch so. Das war eigentlich immer eine gefährliche Situation bei uns, denn ich lebte in einem Frauenhaushalt, Vater der Seefahrer zog es ja vor mich 10 Monate im Jahr der Herrschaft von Mama und deren Mutter und den beiden Schwestern zu überlassen (wo ich das jetzt so schreibe, frag ich mich gerade, ob ich nicht doch homosexuell sein müsste, Notiz: mal einen Therapeuten fragen). Und neue Frauen wurden dort im allgemeinen auf zwei Weisen behandelt: ablehnend oder konspirativ. Beide Versionen waren irgendwie nicht gut für mich.

Wenn meine Mutter jedenfalls ganz hart drauf war, dann fesselte sie meine neue Freundin und mich mit einer Tasse Tee (trank man damals aus dem eigenen Teeservice) im Wohnzimmer und übte sich in Konversation. Eigentlich nichts böses könnte man denken, aber irgendwann landete das Gespräch bei meinen Kindersünden. Immer. Gerne sprang dann auch noch Oma mit ein, die es besonders gut drauf hatte, in ihrem halbdeutsch, halbholländisch zusammengewürfelten Kauderwelsch, die tollsten Babygeschichten von Nico zu besten zu geben (“Und dann hat er gesagt: Oma, die hast einen so riesigen Busen, wie eine alte Indianerin!, jaja, und das mit fünf.”). Aber wenn sie mich richtig fertig machen wollten, dann zückten sie eines der drei Kinderfotoalben. Damit war der Tag dann gelaufen, denn danach war an möglicherweise erste Sexerfahrungen mit der neuen Freundin nicht mehr zu denken (und das könnte wohl auch die Absicht der beiden alten Hexen 😉 gewesen sein). Peinlicher gings wirklich nicht. Aber das kam zum Glück nicht so oft vor und das Album war ja auch irgendwie sehr privat, inzwischen steht es in einem Bücherregal im Schlafzimmer meiner Mutter, ganz oben, und da bleibt es hoffentlich auch erstmal.

(2020) Der junge Mann traf sich zum erstenmal mit der jungen Frau. Gemeinsam wollten sie im Mediapark erst ein Eis essen und dann zusammen in einer Holosuite ein wenig Websurfen. Die übliche Art sich naher zu kommen, danach konnte man vielleicht sein Jugendapartment besuchen und die Beziehung dort noch ein wenig vertiefen. “Spielen wir Google?” fragte er sie, ein übliches Spiel in den Holosuiten, vor allem wenn junge Paare darauf aus waren zu erfahren sich kennenzulernen. Das Spiel ging so: abwechselnd steuerte jeder das Seuerdisplay und gab dabei Suchbegriffe an den Googlebot, der dann auf einem fußballfeldgroßen Schirm die Ergebnisse seines Suchlaufs anzeigte. Die Auswahl der Suchbegriffe war dabei entscheidend, denn an ihnen ließen sich die eigenen Interessen und das Interesse am Mitspieler leicht ablesen. Meist fing man mit den eigenen Freizeitvergnügen an und ging dann an persönlichere Themen.

Das Spiel lief soweit gut, die beiden stellten schnell fest, daß sie viele gemeinsame Interessen hatten und innerhalb einer halben Stunden waren sie sich so nahe gekommen, daß sie sich bereits ein Steuerdisplay teilten. Und schon waren sie beim persönlichsten alle Suchbegriffe angekommen, den Namen des Gegenübers. Er war noch bei keinem Mädchen soweit gekommen und war hocherfreut, als sie, verlegen kichernd, seinen Namen an das Steuerdisplay weitergab. Was dann jedoch geschah hatte er nicht vorhergesehen. Am liebsten wäre er im Boden versunken. Sie sah ihn ungäubig an. “Was sind denn Weblogs?”, fragte sie, sichtlich angewidert. “Nun ja, halt persönliche eindimensionale Informationsseiten, die Menschen vor viele Jahren über sich selbst anlegten.”, er war inzwischen im Gesicht krebsrot angelaufen. Gott war das peinlich. An einen Ausflug in sein Appartment war jetzt schon nicht mehr zu denken. “Und das ist das, was Deine Eltern ins Netz gestellt haben, damals?”, eine Frage die halb mitleidig, halb ungläubig formuliert war. “Mein Vater, ja. Ich glaube der hat mich gehasst.”, eine hilflose Reaktion, wahrlich. “Sorry”, zischte sie, “aber ich glaube ich will jetzt nach Hause.” Sie verließen die Holosuite, er zahlte, sie ging. Beim Herrausgehen warf er nocheinmal einen Blick auf das Display der Holosuite.

Der riesige Bildschirm zeigte hunderte Fotos, und obwohl es so viele waren, war jedes einzelne immer noch mindestens drei Meter hoch. Er sich selbst, er lachte sich selbst vom Display aus zu, lachte sich selbst aus. Es waren hunderte Kinderfotos, er beim ersten Mal auf dem Töpfchen, auf einem Bärenfell (splitterfasernackt: es war schon dort zu erkennen, das seine Männlichkeit nicht die größte sein konnte), nach einer Essenschlacht, mit völlig eingesudeltem Gesicht, beim Windeln wechseln, in der Achterbahn (er hatte sich gerade vollgekotzt von oben bis unten), auf einem Pony, weinend auf dem Boden liegend, neben einem Pony, in der Badewanne, vollgekackt, vollgepinkelt, mit Mama auf dem Klo, mit Papa im Wald, nackt, wieder angezogen, diesmal in einem lächerlichen Faschingskostüm und so weiter und so fort. Warum haben meine Eltern der ganzen Welt diese Bilder gezeigt? Seine ganze verdammte peinliche Kindheit in Bildern. Wenn er sich um einen Job bewerben würde im nächsten Jahr und der Personalchef der Firma googlet nach seinem Namen, er brach den Gedanken dort lieber ab. Meine Eltern müssen mich hassen, dachte er, als er allein in sein Appartment hochfuhr. Ich hasse sie jedenfalls.

Mehr ein Grund

Ich will Musik gar nicht umsonst bekommen. Ich will Musik nicht downloaden. Ich will sie in der Hand haben, ich bezahle dafür sogar. Aber gut muss sie sein. Geschmäcker sind verschieden, aber Qualität läßt sich erkennen. Eigentlich will ich große schwarze Scheiben mit 12inch Durchmesser, aber das ist eine andere Sache. Gute Musik will ich sogar bezahlen. Aber das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen.

Meinetwegen auch so: CCC: Boykott!

Ei am wandern

Soll man auf soetwas eigentlich wirklich eingehen? Sorry, ich kann nicht anders. Also ihr wollt diskutieren? Also gut, dann aber richtig.

1. Weblogs verändern die Medienlandschaft, oder haben zumindest das Potential dazu. Sonst würden traditionelle Publikationen sich nicht in diese neue Form vehement aktiv einklinken. Dies ist mehr als ein Hype.

Vehement aktiv einklinken? Sind damit jetzt die Zeit-Blogs gemeint? Wo sind die Massen bloggender Journalisten, die von Ihren Chefredakteuren und die Blogs gedrängt werden? Möglicherweise ja in den USA. So leicht hier nicht übertragbar denke ich. Aber irgendwo stimmt’s schon: täglich rufen uns Journalisten an, ganz verrückt darauf ein Blog zu eröffnen.

2. Die Vernetzung von Weblogs ist schnell und unkontrollierbar. Inhalte verbreiten sich in Windeseile. Und die Meinungen gleich dazu. Ohne Filter einer Redaktion.

Ja.

3. Diese Bewegung hat keine ernstzunehmende Lobby. Wer in der Lage ist, eine solche aufzubauen, verfügt über eine enorme publizistische und meinungsbildende Infrastruktur. International.

Ich weiß, wer es nicht schaffen wir, eine Lobby aufzubauen innerhalb einer Blogosphäre: Leute die Weblogs für Bürgerjournalismus halten.

Hieraus ergeben sich verschiedene Konsequenzen:

Spannung!

1. Den traditionellen Medien bricht zusehends der Boden ein angesichts fortschreitender Digitalisierung und zunehmend leerer Geldbeutel der Konsumenten. Weblogs sind eine globale Bewegung – blog local, publish global. Mit minimalen Produktionsmitteln. Dieses Risiko gilt es zu minimieren – also müssen Positionen besetzt werden, bevor Andere dies tun. Und zwar hübsch nach Themen und Interessen sortiert, möglichst durch lohnabhängige Profis.

Woher kommt eine solche Theorie? Vom letzten “Journalisten-blocken-Blogger-Kongreß”? Nehmt doch mal bitte in Eure Gedanken auf, daß mit zunehmender Anzahl der Informationen auch immer mehr Informationen untergehen werden. Viel wahrscheinlicher ist doch: blog local, blog alone. Und bestünde ein solches Risiko (Revolution durchs Bloggen?), wer organisiert den Kampf dagegen? Die Achse Regierung-bloggende Journalisten? Geile Verschwörung.

2. Weblogs sind ein Risiko in den Augen der Sicherheitskräfte. Eine einzelne Website ist schnell vom Netz, aber eine RSS/Trackback-vernetzte Infrastruktur lässt sich nur schwer abschalten (dies hat übrigens die rechte Szene längst erkannt). Also wird der Begriff “community” gefeaturet, um im Bedarfsfall mal eben den Stecker zu ziehen. Ganz abgesehen von der Überwachbarkeit.

Jetzt mache ich mir (zumindest um die rechte Szene) keine Sorgen mehr. Hier beweist cehpunkt (Autor eines Buches über Bloggen, das nur nebenbei), ein Übermaß an technischem Verständnis. Was bitte ist eine RSS/Trackback vernetzte Infrastruktur? Und wenn ich eine Webseite abschalte, woher kommt dann bitte der RSS-Feed? Und wohin führt dann der Trackback-Link? Sechs! Setzen! Das mit dem “community”-Gedanken find ich gut: bloss keinen Zusammenhalt, denn das hilft dem Staat, denn der will uns abschalten. Ja nee, is klar.

3. Vereinzelung der Akteure und Individualiserung der Inhalte entschärfen die Brisanz einer möglichen Massenbewegung. Also wird das Tagebuch gefeaturet, nicht die Tendenz zum Bürgerjournalismus. Wo kämen wir hin, wenn Bürger ihre Interessen selbst bekunden oder gar selbst organisiert in die Hand nehmen?

Oh, mein Lieblingswort: Bürgerjournalismus. Wo, von wem und mit welcher Konsequenz werden bitte Tagebücher gefeatured? Und wo wir hinkommen, wenn in Deutschland die Bürger ihre Interessen selbst bekunden? Zu den Stammtischen und Kneipendiskussionen. Wenn ihr wenigstens den Hintergrund einer Arbeiterbewegung reproduzieren könntet, aber Bürgerjournalismus? Schönes Hirngespinst.

Soweit, nicht gut. Nochmal: es bestehen massive ökonomische/politische Interessen, das Medium Weblogs auf einer möglichst individuellen Ebene zu halten. Ebenso besteht dringendes Interesse, die entstehende Aufmerksamkeit auf persönliche Vorgänge in Mikrokosmen zu lenken (das mit dem Frühstücksei verkneife ich mir jetzt). Der Trend zu zentralisierten Communities unter professioneller “Supervision” erleichtert sowohl Sicherheitskräften als auch unerkannt arbeitenden Gesinnungstätern und Querfrontstrategen die Arbeit “vor Ort”.

Neulich steht eine Sicherheitskraft vor der Tür und sagt: “Du bloggst jetzt nur noch für dich allein. Jeder politische Kommentar ist sofort einzustellen. Hier ist ein Frühstücksei, blogge darüber.” Die einen sind liebe Tagebuchschreiber, die anderen haben einen massiven Verfolgungswahn. Das obige ist einfach nur völlig psychotisch.

Hiervor verschliesst die Szene gern ihre Augen. Oder klatscht gar Applaus?

Sorry, ich hab’s nicht geschafft, das mit dem ernsthaft diskutieren. Es kommt aber auch zu lächerlich. Cehpunkt und wer da noch so mitschreibt projezieren ihre Paranoia und verschrobenen mittelklasse populistischen Ansichten auf die (möglicherweise nicht mal vorhandene) Blogosphäre. Das kann nicht klappen. Ihr verkennt sowohl die Absichten der Blogger, denn diese sind individuell und persönlich, nicht dogmatisch und gesteuert. Es gibt Überschneidungen, die die Masse der Blogger an diversen Schnittstellen zusammenschweißen und es gibt die Unterschiede zwischen den einzelnen Bloggern. So entsteht eine Masse, die sich nicht über politische Ansichten und Ideen miteinander identifiziert, sondern über ihren ausgelebten Individualismus. Innerhalb dieser Masse finden Freunde zu Freunden, Parteifreunde zu Parteifreunden, usw. und bilden Massen in der Masse. Ebenso ist es mit den Feindschaften. Heterogen nennt man das wohl. Da kann man nicht einfach von irgendwoher kommen und dem ganzen seine politische Ansicht aufdrücken. So geht das nicht! Ich habe mein Frühstücksei, andere habe eins am wandern.

Typekey, alte Ideen im alten Gewand

OK, SixApart veröffentlicht TypeKey und regt damit natürlich auch Diskussionen an. Haiko Hebig stellt ganz richtig fest, daß dies durchaus kritisch zu betrachten ist.

Interessanterweise greift man im Hause Movable Type mit TypeKey eine Idee auf, die wir hier in Deutschland schon lange diskutiert haben. Unter dem Arbeitstitel OBKA hatten wir über Möglichkeiten diskutiert, wie man Spamkommentaren und Kommentaren unter falscher Identität mithilfe eines Registrierungsdienstes beikommen könnte. Was jedoch mehr Kritik als konstruktive Diskussion hervorrief, mit teilweise guten Gründen, wie ich denke. Ein zentraler Registrierungsdienst birgt nunmal einige Schwierigkeiten und für den durchschnittlich paranoiden Netzuser auch genug Anlass für Mißtrauen. Mir gefiel (nebenbei erwähnt) damals der Vorschlag einer konzertierten Aktion aller bzw. mehrere Bloganbieter im deutschsprachigen Raum am sinnvollsten. Man hätte sich bei einem beliebigen dieser Dienste anmelden müssen, um in “OBKA-geschützten” Weblogs kommentieren zu können. Auch Vorschläge, PGP-Keys zu verwenden klangen nicht schlecht, die Benutzung von PGP ist allerdings leider immer noch nur in Geek-Kreisen verbreitet. Aber so wichtig war das Thema damals wohl auch wieder nicht, jedenfalls wurde es erstmal auf Eis gelegt, die Diskussionen verliefen im Sande.

Nun steht das Thema “zentrale Kommentarregistrierung” wieder auf der Tagesordnung, denn SixApart schlägt nichts vor, diskutiert nichts, sondern handelt, ganz wie man es in der heutigen Zeit von einem Unternehmen in einer marktführenden Position erwartet. Riecht nach dem Gates-Prinzip, obwohl ich Ben und Mena Trott nicht die gleiche Ignoranz unterstellen möchte. Fakt jedoch ist: in der derzeitigen Verbreitung, die MovableType besitzt, unter Annahme großer Akzeptanz des Dienstes in der (amerikanischen?) Blogosphäre, wird hier ein Quasi-Standard geschaffen. Wer demnächst in Weblogs kommentieren will, wird zumindest im anglo-amerikanischen Sprachraum kaum um einen TypeKey-Account herumkommen.

Aber TypeKey ist keine konzertierte Aktion mehrerer Anbieter, Firmen oder einer Non-Profit-Organisation, sondern ein zentraler Anmeldedienst. Und das hat, wie wir schon diskutierten, seine Tücken. Zunächst einmal ganz einfache: was passiert, wenn die TypeKey einmal ausfallen? Ein Tag völlige Ruhe in der Blogoshäre. Und auch die Frage nach dem Vebleib der persönlichen Informationen der TypeKey-Nutzer ist durchaus berechtigt. Ich will gar nicht unterstellen, das man die Adressen verkaufen wolle, das wäre ziemlich widersinnig, aber wie sicher wären Server im Netz, die derartige Informationen bereithalten? Was passiert, wenn in ein zwei Jahren SixApart, phantasieren wir einmal, an Microsoft verkauft wird?

Ich weiss nicht, ob man sich bei SixApart nicht ein dickes Eigentor schießt, denn einen Passport für’s Bloggen brauchen wir garantiert nicht. Vielleicht sollte man die Gelegenheit nutzen und sich über OBKA nocheinmal Gedanken machen, die Ideen die dort kamen waren allemal besser, als daß was und uns die Trotts nun auf den Tisch legen. Erste Maßnahme sollte dabei ein anderer Arbeitstitel für da Projekt sein, OBKA klingt einfach schei….

Update: weitere kritische Betrachtungen bei Burningbird.