Wer killt hier eigentlich wen?

Performance, performance, performance. Als Webentwickler mit Verantwortungsbewusstsein reisst man sich ja seit Jahren den Arsch auf, um hier und da noch ein paar Bytes einzusparen, die Requests zu reduzieren, die Downloads zu beschleunigen und wenn alles nichts hilft, das Rendering so zu optimieren, dass wenigstens die gefühlte Geschwindigkeit stimmt. Ich habe kiloweise Artikel dazu gelesen, Vorträge gesehen, verlinkt, selbst gehalten, wie alle meine Kollegen. Und das alles stecken wir in die tägliche Entwicklung, reviewen uns gegenseitig und treten gegenüber Designern, PO und Stakeholdern permanent als die Warner und Mahner auf, Bedenkenträger by profession, alles um am Ende ein paar Millisekunden Speed herauszuholen.

Eigentlich können wir uns das aber auch schenken. Vergessen. Unsere Lebenszeit besser einsetzen. Denn es bringt alles nichts. Ist nutzlos, vergebene Liebesmüh. Auf die Idee könnte man zumindest kommen.

Denn wenn die möglicherweise hochperformante Website dann live ist, wird sie zugeballert von eine ganzen Phalanx von Trackingskripten, Werbeeinbindungen und Bannerwerbungen, die alle das Erstladerecht für sich beanspruchen und gefühlt von Leuten programmiert werden, die wahlweise keine Ahnung haben oder auf Performance täglich ihre Notdurft verrichten, einfach nur so, weil sie es können. Lese ich auch beim Guardian, Ad tech is killing the online experience, dessen Website natürlich ebenso mit Werbung zugekleistert ist:

[R]eally it’s not the website’s fault, since to a very large degree the owner of the website you’re visiting doesn’t actually control what you see, when you see it, how you see it, or even whether you see it. Instead, there are dozens of links in the advertising-technology chain, and every single one of them is optimising for financial value, rather than low-bandwidth user experience.

Da ist viel dran: denn neben dem Betreiber weiss natürlich auch der Techniker einer Website nicht, was werbemäßig passiert. Ist eine Website erstmal vermarktet, gibt es dort Bereiche, auf die deren Betreiber nur in sehr kleinem Maße noch Einfluss hat. So ist die Technik. Aber auch der Betreiber des Adservers von dem die Werbung eingespielt wird, zuckt regelmäßig mit den Schultern. Denn dort sind schon lange keine echten Ads mehr eingebucht, sondern wieder nur Links und Weiterleitungen zu anderen Adservern, Agenturservern, irgendwelchen Servern, die zumeist auch selbst wieder irgendwohin weiterleiten. Und jeder bringt noch schnell seinen eigenen Tracker mit. Deswegen kann man beispielsweise gar nicht sagen: wir haben drei/vier/fünf Tracker auf der Seite, da man nicht wissen kann, was noch dazu kommt, je nach ausgespielter Werbung. Nochmal der Guardian:

Web-based articles, these days, are increasingly an exercise in pain and frustration. In many ways, the experience of reading such things is worse today than it was in the early days of dial-up internet. Because at least back then web pages were designed with dial-up users in mind. […] Today, by contrast, everything is built for a world where everybody has a high-bandwidth supercomputer in their pocket.

Obwohl wir natürlich alle tatsächlich einen Supercomputer in Hosentasche mit uns herum tragen. Ein iPhone6 beispielsweise ist heute genauso leistungsstark, wie ein 11 Zoll MacBook Air von vor ein paar Jahren. Nur, warum funktionieren Webseiten dann darauf nicht besser? Bei The Verge hat man dafür die Hersteller von mobilen Browsern als Schuldigen ausgemacht, The mobile web sucks:

But man, the web browsers on phones are terrible. They are an abomination of bad user experience, poor performance, and overall disdain for the open web that kicked off the modern tech revolution.

Wobei lustig ist, dass die Website von The Verge nicht gerade eine Performance aus dem Bilderbuch abliefert. Auf der Seite meldet Ghostery 26 (!) Tracker, sie zu laden hat bei mir eben lange acht Sekunden gedauert. Am Desktoprechner wohlgemerkt. Wie alle werbefinanzierten Seiten eben.

And yes, most commercial web pages are overstuffed with extremely complex ad tech, but it’s a two-sided argument: we should expect browser vendors to look at the state of the web and push their browsers to perform better, just as we should expect web developers to look at browser performance and trim the fat. But right now, the conversation appears to be going in just one direction.

Hervorhebung von mir. Naja. Ob das so stimmt? Also zumindest im Falle Apple muss man sich schon fragen, warum es mit der Entwicklung des Safaris nicht so richtig voran geht, ob vielleicht sogar die Aussagen zutirfft Safari is the new IE.

They never send anyone to web conferences, their Surfin’ Safari blog is a shadow of its former self, and nobody knows what the next version of Safari will contain until that year’s WWDC. In a sense, Apple is like Santa Claus, descending yearly to give us some much-anticipated presents, with no forewarning about which of our wishes he’ll grant this year. And frankly, the presents have been getting smaller and smaller lately.

Auffällig allerdings, dass Apple zuletzt sowohl ein Adblocking für iOS9 ankündigte, als auch den Start einer eigenen Newsapp. Für letztere stellen sie sogar Journalisten ein. In die gleiche Kerbe schlägt Facebook mit seinen Instant Articles, auch wenn diese immer noch nicht in ernstzunehmender Zahl stattgefunden haben. Fakt ist: Apple und Facebook wollen in Zukunft immer mehr Newskonsumenten in ihre walled gardens locken.

Ich will ja nicht schon wieder The End Of The World As We Know It verkünden, mache mir aber doch Sorgen, ob es nun mit dem Umbruch weg von adfinanzierten Modellen zu noch in den Sternen stehenden Finanzierungsmöglichkeiten nicht etwas schnell geht. Zumal da doch noch einiges drin wäre, würde sich nur mal jemand bewegen. Die Webwerbebranche müsste sich gehörig ändern, um Strukturen zu entwickeln, die in dieser Gemengelage konkurrenzfähig wären. Ist ja nicht so, dass man an den völlig veralteten Bannereinbindungen nicht noch viel an Performance raus zu holen ist. An responsive webdesign will ich dabei noch gar nicht denken, obwohl das natürlich auch Pflicht wäre. Ein kleines Beispiel gefällig?

Gleichzeitig muss man natürlich immer und immer wieder die Frage nach den Alternativen stellen. Denn, angenommen, man will seine werbefinanzierte Website weiterbetreiben, was sollten man denn verkaufen, wenn es mit Werbung nicht geht und mit Bezahlschranken nicht klappt? Ja, was?

Meinungen zu iOS7

Nachdem ich Freitag endlich Zeit hatte, die iOS7 Beta zu installieren, drücke ich mich seitdem darum, einen Artikel darüber zu schreiben, weil es nichts anderes werden würde, als ein fürchterlicher Rant. Und davon gibt es im Netzt doch nun schon so viele. Stattdessen möchte ich zwei sehr gegensätzliche Artikel zum Thema iOS7 vorstellen, die meiner Meinung nach die Positionen dazu ganz gut aufzeigen. Chris Win (Founder of Sixteen Eighty) will uns zeigen: „Where Apple Went Wrong” und Cap Watkins (Design Lead at Etsy) meint dagegen: „iOS 7. Unpolished By Design.”.

Chris Win hat das neue iOS einigen ausgesprochenen Nicht-Profis gezeigt, da die Diskussion unter seinen Design-Kollegen doch ziemlich zerstritten ist. Chris kommt direkt zum Punkt:

Everyone is entitled to an opinion, but a design can be objectively bad. Despite some important functional design improvements, much of what Apple displayed at WWDC was simply not show-quality.

Da stimmt er mit mir und vielen, vielen, sehr vielen Stimmen im Netz bis hin zu Erik Spiekermann überein. Cap Watkins ist mehr oder weniger auch dieser Meinung, mag es aber nicht aussprechen. Stattdessen vertritt er die Ansicht, dass sozusagen dort wo gehobelt wird, eben Späne fallen:

Today, Apple pressed the big reset button on their entire OS and aesthetic. Sure, the functionality is still, largely, there. But they’ve essentially taken the last six years of tweaking, touching-up, honing, and revising and wiped it all away to begin again. To learn again. To hone from a new, unknown place.

Was ziemlich pathetisch klingt. A land, where no man has gone before. Wofür er allerdings wirbt ist, Apple den anfänglichen Fail zuzugestehen, so wie wir es bei der seit Jahren üblichen Strategie launch quickly, learn quickly, and polish as we go ja auch immer selbst machen. Und man hat ja durchaus genug gemeckert die letzten Jahre, über das veraltete Design mit Lederimitat und den anderen Skeuphormismen. Das dies zur kompletten Entstellung führen darf, zweifelt Chris Win natürlich an:

iOS 7 misses the mark when it comes to user interface design. Take the new Control Center, for example. Does a black icon mean a button in its active state, or is the white icon active? You’ll learn once you start using it, I guess.

The controls also lack negative space. Buttons and widgets are crowded together. Apple has always stated clearly that control groups should allow comfortable target zones, particularly with touch.

Maybe this will change. Maybe Apple knows it’s wrong or unfinished. But then what the hell are they doing showing it?

Was ranten wir dafür immer wieder über Microsoft. Was haben wir uns über die Präsentationen bei Samsung lächerlich gemacht. Immer aus der Warte heraus, Nutzer der bestdesignten Notebooks zu sein, die beste Software zu benutzen, das beste mobile Betriebssystem. Über das wir natürlich trotzdem immer gemeckert haben, weil wir der Ansicht waren, Apple könnte es tatsächlich noch besser machen. Jammern auf sehr hohem Niveau. Cap Watkins dazu:

For the last couple of years we’ve all complained, jeered and teased our phone-maker-of-choice for not totally revising their UI. For using felt. For using leather stitching. They’re falling behind the times, we said. They need to revolutionize their interface.

Kein Grund mit halben Kram zu kommen, meint auch Chris Win:

Apple is following in this area, where once they led. They had purpose in their user interface designs. They set the standard and showed finished products. They inspired designers and copycats. Who will copy that home screen, with its mess of over-saturated, child-like icons? Who can tell me the beautiful, subtle detail of the previous camera lens icon should be replaced with a black blob?

Und trifft, wie ich meine einen wichtigen Punkt. Bei Apple hat sich etwas verändert. Es ist schwer zu ertragen, dass eben die Firma, die in den letzten Jahren den Staffelstab in Sachen mobile Design und Smartphone-UI in der Hand hielt, sich nun eingereiht hat in die Riege derjenigen, die halt auch mal mit etwas halbfertigem an den Markt gehen. Hier antwortet Watkins mit Optimismus:

It will get better. It will be honed. They’ll spend the next six years polishing this interface until we’re complaining that it’s not real-looking enough. Not directly-connected-to-our-brains enough. Not whatever enough. And they’ll revolutionize it again. And we’ll complain.

Sechs Jahre?! So optimistisch ist das vielleicht gar nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei derPräsentation des iPhone 1 etwas derartig unfertiges abgeliefert worden wäre, dass man nun die letzten sechs Jahre verfeinert hätte. Da kommen harte Zeiten auf uns zu. Sieht auch Win so:

Everyone seems to agree this was a big moment for Apple. It is a time to reclaim the mantle of innovation and quiet the naysayers who have become skeptical of Tim Cook’s Apple. But if this is the future — following and not leading on software design — we are in for a rough ride. They have until September to finish this draft. I sure hope they do.

Ich habe ja zum Glück noch ein zweites Telefon, ein Nexus 4. Mal sehen wie Android dann in sechs Jahren aussieht.

Flat iOS7

Allenorten geht nun das große Spekulieren los, wie flat das zukünftige iOS7, das mutmaßlich auf der WWDC im Juni vorgestellt werden soll, wohl aussehen mag. Und das freies Spekulieren ohne jegliche Wissengrundlage zu den neuen Kernkompetenzen meines Blogs gehören soll, mache ich gleich mal mit.

9to5mac, die offensichtlich mehrere Menschen kennen, die das neue Betriebssystem schon gesehen haben, haben Dramatisches zu melden:

According to multiple people who have either seen or have been briefed on the upcoming iOS 7, the operating system sports a redesigned user-interface that will be attractive to new iOS users, but potentially unsettling for those who are long-accustomed to the platform…

Eine einzelne Quelle allein weiss zu berichten, dass das neue Design auch flat wäre und zwar so flat, dass es sich der UI formally known as Metro annähern könnte.

Aber irgendeine Auswirkung wird er schon haben, der Wechsel von Scott Forstall (Apple Senior Vice President of Industrial Design a.D., ich liebe diesen Titel) zu Jony Ive. Es ist weithin bekannt, kann aber nicht oft genug wiederholt werden, weil es so schön ist (und überall immer und immer wiederholt wird): Ive ist keine Freund des Skeumorphimus, der sich bisher wie ein roter Faden durch das iOS Interface Design zog. Zudem sind bereits viele App oder zumindest deren Homescreenicons zum flat design übergegangen, à la mode sozusagen.

Logo der WWDC

Noch mehr Grund zum Spekulieren gibt freilich das Logo der WWDC, das viele übereinandergeschichtete flat Icons zeigen könnte. Ich find’s ja häßlich, also das Logo, aber das ist letztlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Also das gibt den Ausschlag für mich und ich lege mich fest: iOS 7 wird flat und zwar überall dort, wo heute der Skeumorphimus sein Unwesen treibt. Wie Windows wird es danach natürlich nicht aussehen, aber man muss wohl neidlos anerkennen, dass Microsoft hier das erste Mal designerisch richtig gelegen haben könnte. Womit Ive endgültig das Gestaltungserbe des, in seinem Grab wohl permanent rotierenden, Steve Jobs endlich über Bord werfen können wird. Herzlichen Glückwunsch.

Update: OS X 10.9 wird ebenso flach.

TL;DR: iOSz wird flach as in platt.

Verlinkt IV

Hallo, diese Woche ist eine kurze, Tag der Arbeit und Kurzurlaub inklusive, falls also etwas Freizeit anfallen sollte, hier ein paar Links zur Verbesserung derselben.

Eine spannende Jobanzeige findet man bei Pinboard, dort sucht man eine/n Summer Pintern:

You’ll spend three months learning every aspect of running Pinboard, a reasonably complex website with about 20,000 active users. Each layer of the ‘web app stack’ will come to feel like a close and trusted friend. Then that friend will betray you, and you’ll practice extracting the knife from your back as you hide your tears from an uncaring world.

Wer auf Super Mario steht, wird an Super Mario Crossover 3.0 sicherlich seinen Spaß haben.

Version 3.0, scheduled for some time in May or June, will introduce all new stages taken from Super Mario Bros. Special, an obscure Japanese exclusive for the NEC PC-8801 and Sharp X1 home computers.

iPhone & iPad apps my workflow can’t live without ist eine, neben all den Zillionen Listen mit Apps, sehr qualitative Übersicht von Apps, die man wirklich brauchen kann. Mit Drafts schreiben ich gerade diesen Text hier.

Here’s another app that will slowly worm it’s way into your workflow. What it offers is a simple text window with highly customizable actions for what to do with your text. You can jot something down and return to it later or send it just about anywhere you can imagine: another app, Dropbox, Evernote, your calendar, your to-do list, a browser, append it to a file somewhere, send it as a message, a tweet, a text, or an email.

Wer noch Informationsbedarf zu app.net hat, der wird bei Alles app.net sicherlich fündig. Sollte man sich auf jeden Fall in den Feedreader packen.

Und nun noch etwas für’s urbane Auge: Peter Hellbergs Fototumblr Black & White City ist ein wahrer Augenschmaus…

Teaserbild: Some rights reserved by shawnzrossi