Verschlüsselungsregulierung

Ich hatte es schon angedeutet, freier Zugang zu Verschlüsselungstechnologie gehört zu diesen Themen, die immer wieder und wieder auf- und vor allem angegriffen werden, von den gerade aktuell regierenden Nichtsverstehern dieser Welt. Im Fahrwasser des Charlie-Hebdo-Attentats ist nun gerade ein internationales Inkompetenzteam aus Barack Obama, David Cameron und Thomas de Maiziere dabei, wahlweise das Verbot oder doch wenigstens die Einschränkung verschlüsselter Kommunikation zu fordern.

Thomas de Maiziere hat sich dazu einen besonders feinen Vergleich ausgedacht, nämlich den von der Haustür, der Alarmanlage und der Polizei. Der Staat fordere seine Bürger natürlich auf, ihre Haustüren zu verschließen und ggf. eine Alarmanlage anzuschaffen, trotzdem behalte er sich aber das Recht vor, unter bestimmten rechtsstaatlichen Vorraussetzungen, in ein Haus einzudringen und es zu durchsuchen. Vergleichen hinken ja bekanntlich immer, dieser hinkt aber in eine besondere Richtung. Denn anders als der geforderte Zugriff auf verschlüsselte Kommunikation, findet eine Hausdurchsuchung nur sehr selten im Geheimen statt. Zusätzlich wird Kommunikation ja permanent überwacht, wie wir inzwischen wissen, eine Hausdurchsuchung dagegen ist eine sehr singuläre Maßnahme. Weniger ein Vergleich, mehr ein Schlag ins Gesicht der Öffentlichkeit.

Und das ist auch das, was mir am meisten Unbehagen bereitet: diese unglaubliche Borniertheit, mit der hier Agenda betrieben wird. Man bezieht sich auf die Anschläge in Paris, und lässt sich dabei von Fakten, die Pariser Attentäter haben bspw. gar keine verschlüsselte Kommunikation betrieben, nicht in seiner Meinung beirren. Eine Abschaffung von verschlüsselter Kommunikation wäre nebenbei gesagt, auch wirtschaftlich völliger Schwachsinn, das kann man doch nicht nicht wissen. Außerdem wird versucht, die Wirkung der Snowden-Enthüllungen ins komplette Gegenteil zu wenden. Nach dem Motto, »dass wir euch überwachen, das wisst ihr ja jetzt, nun müssen wir die letzte Bastion der freien Kommunikation auch noch nehmen, es gibt schließlich Terrorismus.« Live with it and by the way we want more.

Das ist alles so unglaublich, ich nehme ja an, dass genau diese repetitive und hirnverbrannte Art eben volle Absicht ist, damit man sich kopfschüttelnd abwendend und resigniert. Dann lieber Dschungelcamp schauen, wa?! Was hier aber letzten Endes langsam aber sicher wegreguliert wird, ist nichts anders als die gute alte Tante Demokratie. Nun, wir wollen ja jetzt aber lieber nicht warten, bis wir sie vermissen, das kommt nicht in Frage. Aber wir müssten halt wirklich mal damit anfangen unsere Kommunikation zu verschlüsseln. Wie das geht, erklärt Euch der Marco. Sonst gibt es ja gar nichts zu verbieten.

Das wäre ja auch schade.

Besuch in Auschwitz

Heute, vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit.

Ich war in den Neunzigern mit einer Jugendgruppe zu Besuch in Auschwitz und Birkenau.

Solch ein Besuch teilt sich ganz automatisch in zwei Abschnitte. Man besucht zunächst das Stammlager, eine Art Gefängnisbau, mit Klinkerbauten und dem allseits bekannten Eingangstor. Man macht ein Führung mit, während dieser man von Wohnblöcken über Zellenblöcke vorbei an Tausenden Brillen, Koffern, Schuhen zu dem kleinen Krematorium kommt. Hier wähnt man sich am Maximum des Erträglichen angekommen. In der Nachschau jedoch ist das Unfassbare noch vergleichs- und iritierenderweise fassbar.

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Und dann fährt dich der Bus nach Birkenau. Hier wirst du am Eingangstor abgesetzt und dir selbst überlassen. Du gehst die Rampe hinauf, die Rampe jenes Güterbahnhofs, auf dem die Selektion stattfand. Es beschleicht dich ein seltsames Gefühl. Viele gehen den Turm über dem Eingangstor hinauf, weil er am nächsten ist. Und dann sieht man es, es liegt vor einem. Der. Komplette. Schrecken. In dem Moment, in dem du die Ausmaße dieses Lagers begreifst, dort oben auf diesem Turm siehst du es, alles was sie getan haben, die ganze verdammte Dimension.

Ich vergesse diesen Moment niemals in meinem Leben.

Altes Interview

Foto von einer riesigen Werbetafel im Nebel

Ich höre derzeit viel Podcasts, unter anderem durchforste ich das Archiv von Chaos Radio Express. Ein altes Interview mit Rop Gonggrijp geht mir dabei gar nicht mehr aus dem Kopf, da es gleichermaßen visionär wie völlig überholt daherkommt. Rop hatte seinerzeit auf dem 22C3 2005 im Vortrag »We lost the war« zusammen mit Frank Rieger das Ende der Privacy postuliert (was in seinem Heimatland Holland auch weitestgehend eingetreten ist). 2010, zum Zeitpunkt des Interviews jedoch, nimmt er eine wesentlich positivere Haltung ein, die er auch in seiner Keynote zum 27C3 ausspricht. Zu diesem Zeitpunkt hat man Wahlcomputer erfolgreich verhindert, die Vorratsdatenspeicherung wurde für verfassungswidrig erklärt etc. Also alles was prä-Snowden noch in Ordnung war; heute wirkt dieser Optimismus wiederum leider völlig absurd.

Ein paar Sätze im Interview später jedoch liegt er gleich wieder erschreckend richtig. Er nimmt nochmal die Vorratsdatenspeicherung als Beispiel und stellt heraus, dass zwar ein Urteil des Verfassungsgerichts eine gute Sache ist, aber eben nur die Notbremse im demokratischen Prozess, und das die Kräfte, welche die Vorratsdatenspeicherung durchsetzen wollen, es immer und immer wieder versuchen werden, bis die Mehrheiten eben so sind, oder bis die Zusammensetzung des Gerichts sich so geändert hat, dass man mit der Sache durch kommt.

Das ist genau das, was wir heute sehen, bei der Vorratsdatenspeicherung, aber nicht nur da. Themen werden einfach immer und immer wieder neu aufgekocht, bis sie dann endlich umgesetzt sind. So auch die Vorratsdatenspeicherung, die in den Nachwehen des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo nun wieder in aller Politiker Munde ist, auch wenn die in Frankreich geltende Datenspeicherregelung nachweislich gerade völlig versagt hat. Die Stur- und Unverfrorenheit mit der hier zu Werke gegangen wird, ist gleichermaßen erschreckend wie abstoßend.

Um so wichtiger ist es also, keinen Fussbreit zurück zu weichen, da man einmal verlorene Rechte und Freiheiten in dieser Welt nicht zurück erlangen kann. Es wird nie wieder eine Ära vor Snowden geben. Das ist irreparabel. Eine einmal durchgesetzte Vorratsdatenspeicherung wird keine Regierung wieder rückgängig machen. Und so ist es mit CETA, TTIP, oder dem Einsatz der Mautbrücken zur Strafverfolgung, oder den bayrischen Precrime-Projekten und unendlich so weiter.

Aber wer soll diese ganze Kämpfe eigentlich führen?

Bahnstreik

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In diesen Tagen waren nicht viele zu finden, die sich positiv über den Bahnstreik äußern mochten. Natürlich mag es niemand, wenn Züge ausfallen, Leute, die wie ich darauf täglich angewiesen sind, am allerwenigsten. Da freut man sich, wenn wenigstens in den Medien kräftig auf die renitenten Lokführer eingedroschen wird und die Regierung schon an einem Gesetzentwurf arbeitet, der dem Treiben Einhalt gebieten soll… ja, oder vielleicht doch nicht?

Alexander Dill hat in Telepolis sehr anschaulich in Frage gestellt, ob der Streik der Lokomotivführer tatsächlich „Dumm“, „verantwortungslos“, „irre“ ist. Betrachtet man das mickrige Einkommen der Lokführer und deren Lohnentwicklung in den letzten Jahren, muss man sich fragen, ob ein Streik nicht vielmehr sogar sehr angebracht ist: das Spitzengehalt für die Verantwortung für über hundert Fahrgäste und millionschweres Gerät beträgt nach entsprechender Dienstzeit, ca. 3000 Euro, brutto. Dafür allein kann man schon mal in den Streik treten. Nicht vergessen: zu streiken ist ein verfassungsrechtlich verbrieftes Recht in diesem Land. Es ist erschreckend, wie die Streikenden dafür von den Medien und der Regierung mit Dreck und Hähme beworfen werden. Letztere arbeitet auch schon an einem Gesetz, die Macht kleiner Gewerkschaften wie der GDL einzuschränken. Gegen Eingriffe in die Tarifautonomie durch den Staat… genau, auch dagegen kann man mal streiken, finde ich.

Zumal die meisten Anwürfe wirklich lächerlich sind. Die Lokführer sind nicht schuld am Niedergang der Bahn seit ihrer Privatisierung, das geht auf Kosten der Regierungen und Parteien, die diese Privatisierung betrieben haben. Dieselben Leute wollen aber nun das Vertretungsrecht der Lokführergewerkschaft und damit deren Streikrecht beschneiden. Und statt das zu kritisieren, hauen unsere Medien, von BILD bis ARD auf die Streikenden ein. Das hört sich doch alles sehr nach einem Schmierenstück aus der frühen Thatcherzeit an! Und die Sturmgeschütze der Demokratie… zielen inzwischen in die falsche Richtung.

Todesstrafe in den USA

Es ist einfacher jene US-Bundesstaaten aufzuzählen, in denen die Todesstrafe abgeschafft ist, als umgekehrt: Alaska, Connecticut, Hawaii, Illinois, Iowa, Maine, Massachusetts, Michigan, Minnesota, North Dakota, New Mexico, Rhode Island, Vermont, West Virginia, Wisconsin, District of Columbia, Puerto Rico, New Jersey und New York. Oregon hat die Todesstrafe auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. In New Mexico und Maryland warten noch Kandidaten auf ihre Hinrichtung, die vor Abschaffung der Strafe verurteilt wurden. In allen anderen Staaten wird die Todesstrafe vollzogen.

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Seit 1976, nach einer vom Obersten Bundesgericht verordneten knapp acht jährigen Pause, wieder Exekutionen in den USA stattfinden, sind mehr als 1300 Menschen hingerichtet worden. Die meisten davon, üver 500, in Texas. Über 3000 warten derzeit auf ihre Hinrichtung. Die Wartenzeit in der sogenannten Todeszelle dauert im Schnitt 13 Jahre. Hingerichtet wird/wurde in den USA seit 1976 durch Erschießen, Erhängen, mit der Gaskammer, dem elektrischen Stuhl, in der Mehrzahl aber durch die Giftspritze.

Am 7. Dezember 1982 wurde in Texas erstmals ein Verurteilter per Giftspritze getötet. In den letzten Jahren sind die Medikamente für die Giftspritzen knapp geworden. Die Zahl der Exekutionen ging deshalb leicht zurück. Außerdem experimentieren die Behörden offenbar mit verschiedenen Giftcocktails, in der Regel sind die Mischungen geheim. Das führt zu immer neuen Fällen von mißglückten Exekutionen. In einem aktuellen Fall rang der Todeskandidat noch ca. 60 Min. nach Luft und starb dann qualvoll.

Laut Amnesty International wurden in den USA zwischen 1900 und 1985 350 Menschen zum Tode verurteilt, deren Unschuld später bewiesen wurde. 23 waren da schon tot. Bis 2007 konnten aufgrund neuer DNA-Beweise 15 Todeskandidaten freigesprochen werden.

Die USA befindet sich an fünfter Stelle der Staaten, die Todesstrafen vollstrecken, gemessen an der Anzahl der Hinrichtungen. Davor liegen China, der Iran, Irak und Saudi-Arabien. In den letzten drei Jahren wurden im Schnitt 43 Menschen im Jahr hingerichtet. Aktiv hingerichtet wird auch noch in anderen Ländern, nämlich Afghanistan, Ägypten, Antigua und Barbuda, Äquatorialguinea, Äthiopien, Bahamas, Bahrain, Bangladesch, Barbados, Belize, Botswana, China Volksrepublik, Republik China, Dominica, Gambia, Guatemala, Guinea, Guyana, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Jamaika, Japan, Jemen, Jordanien, Katar, Komoren, Demokratische Republik Kongo, Kuba, Kuwait, Lesotho, Libanon, Libyen, Malaysia, Nigeria, Nordkorea, Oman, Pakistan, Palästinensische Autonomiegebiete, Saudi-Arabien, Simbabwe, Singapur, Somalia, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Sudan, Südsudan, Thailand, Trinidad und Tobago, Tschad, Uganda, Vereinigte Arabische Emirate und Vietnam.

Update:
Spiegel Online: Erste Exekution nach Gift-Panne: Mörder in Missouri hingerichtet

Artikelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von Kurt and Sybilla.

Klare Worte

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Im Bild: Bundespräsident Gauck in Rage

Nun, nachdem man den ersten US-Spion in den Reihen des BND enttarnt hat: große Aufregung. Die Medienberichte überschlagen sich und die Bundesregierung…

Ja, was ist denn eigentlich mit der Bundesregierung? Ich stelle mir vor, wie Angela Merkel ihr abgehörtes Handy nimmt, und ohne zu wählen einfach direkt reinspricht: »Also Du Barrack, das geht mir langsam etwas, also ein wenig zu weit.« Helle Aufregung also in Berlin, wenn man bedenkt, das Mutter Merkel normalerweise einen Ruhepuls wie Jan Ulrich zu seinen besten Zeiten hat.

Da ergreift der Bundespräsident das Wort und empört sich. Was er sagt geht ungefähr so: also wenn das alles wahr ist, dann spielen die Amerikaner mit unserer Freundschaft. Und das müsse man denen dann auch mal unmissverständlich mitteilen. Ein deutliches Schweigen.

Zur selben Zeit veröffentlicht die Washington Post Daten von Überwachungen der NSA. Daten, die Edward Snowden laut Aussage der NSA gar nicht haben könne und doch hat, und die zeigen, dass in 9 von 10 Fällen Unschuldige überwacht werden, deren Daten aber fleissig gespeichert werden. Nun gut, das ist nicht Merkels Handy. Für diesen Teil des NSA-Skandals hat sich die Bundesregierung auf Stillschweigen geeinigt.

In Sachen BND-Affäre jedoch zieht man hingegen richtig vom Leder. Also vom Leder ziehen heisst in disem Falle, dass sich Bundeskanzlerin Merkel beunruhigt zeigt. Oder Aussenminister Steinmeier, der völlig, komplett und unumkehrbar ausrastet: „Sollten sich die Verdachtsmomente bestätigen, ist das auch politisch ein Vorgang, bei dem man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann”. Oder dass Innenminister Thomas de Maizière überlegt laut in der „Bild“ überlegt, nun auch die USA vom BND überwachen zu lassen.

Das Alles wird sicherlich seinerseits für Aufregeung in den USA sorgen. Fragen wir einmal Hillary Clinton:

SPIEGEL: Hat Angela Merkel nicht eine Entschuldigung verdient?
Clinton: Unser Präsident hat mit ihr mehrere Male gesprochen, soweit ich weiß.
SPIEGEL: Aber er hat sich nicht öffentlich entschuldigt.
Clinton: Ich bin zwar nicht mehr in der Regierung, aber nun denn: Es tut mir leid.

Oder eben nicht. Hat Affäre eigentlich irgendetwas mit Affen zu tun?

Artikelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von Tobias Kleinschmidt

Mir geht die Party jetzt schon auf den Sack

Autokorso im Party-Patriotismus

Autokorso, Böllerei wie an Silvester, grölende Banden vor meiner Haustür: mir geht die ganze WM-Party-Nummer schonmal wieder voll auf die Nerven. Wenn man jetzt noch ein paar Versatzstücke des Wochenendes zusammenwürfelt, bietet sich das passende Bild unserer Republik.

Jochen Bittner beispielsweise schreibt bei New York Times Online, dass unsere Fahne durch Party-Patriotismus, resp. ihre Nutzung als Schutzhülle für Autospiegel irgendwie verbraucht wäre und sucht nach einer neuen Farbkombination.

It’s that our flag’s branding is so spoiled. Can we have a new one, please?

Irgendwie scheint das aber keine Lösung zu sein, denn rechtem Nationalismus und latentem Rassismus, die gerade wieder im Fahrwasser der WM-Feierei an die Oberfläche gespült werden, sind die Farben auch herzlich egal. So kam es in der schon in der ersten WM-Woche zu einer ganzen Reihe rassistischer Vorfälle bis hinein in die Kommentatorenkabine, und das Spiel Deutschland gegen Ghana führte auf Twitter zu regelrechten Ausbrüchen von Gewaltrhetorik.

Aber derlei Leute wissen eh wenig darüber, woher die Nationalfarben eigentlich kommen oder was sie bedeuten sollen. Also weg mit dem Lappen, denn er führt zu nichts Gutem, ob nun hier aus überbordend dekorierten Autos rassistische Fußball-Parolen gegröhlt werden, oder an anderen Orten dieser Welt mit Waffengewalt ein angeblicher Friede verteidigt wird. Alles Schrott.

Da sollte man vielleicht gleich ganz darauf verzichten, denn die ganzen Fahnen sind sowieso nur ein Relikt aus vergangenen Tagen der Nationalstaaterei, einem kolonialistischen Exportgut, das sich gerade nicht bewährt in unserer Zeit.

Eher Problem als Lösung, eine sehr junge historische Erscheinung, die perfekte Zwangsjacke für emanzipatorische Verirrungen von Minderheiten. Im Wesentlichen ein Produkt des 19. Jahrhunderts, das immer mehr für ökonomische Ordnung und politische Stabilität sorgen sollte als für demokratische Rechte – seit mindestens hundert Jahren besteht eine Vielzahl von Weltkonflikten vor allem darin, diese westlich-europäische Unterwerfungsidee wahlweise zu bekämpfen oder zu beschützen.

Aber, die Berichterstattung über Fußball ist ja auch der Kracher: Stalin, Hitler, Nichtangriffspakt, anyone?

Artikelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von tetedelacourse.

Orwell steht vor der Tür

Eine gute politische Idee, durch die eigene phobisch erkrankte Regierung entstellt, mündet in die Totalüberwachung der Gesamtheit ihrer Einwohner. Klingt wie DDR. Ist es aber nicht, sondern die aktuelle Realität der westlichen sogenannten Demokratien. Was wir bisher wissen: die USA überwacht die großen Informationssammler in den Staaten (Facebook, Apple, etc.) und kann und konnte sich dabei offensichtlich noch auf deren freundliche Mithilfe verlassen. Großbritanien geht da gleich noch etwas weiter und saugt direkt den kompletten Internetverkehr ab und speichert in auf Vorrat. Klingt schon wieder nach Stasi.

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George Orwell steht vor der Tür. Nein, eigentlich steht er schon mitten im Raum. Foto: Some rights reserved by zeitfaenger.at.

Da fragt man sich, wo die Deutschen bei der Sache stehen. Misstrauisch macht auf jeden Fall, dass so richtig kein Protest in Regierungskreisen aufkommen will. Die Kanzlerin hat sich mit einem geschickten Ablenkungsmanöver aka. #neuland aus der Affäre gezogen. Ansonsten kritisiert wohl nur die Justizministerin ein wenig am Tempora-Programm herum. Von Empörung ist da weit und breit nichts zu spüren, nicht mal Überraschung vermag man zu erkennen. Und wer garantiert uns eigentlich, dass nicht, während an der politischen Front noch um die Vorratsdatenspeicherung und Bundestrojaner gerungen wird, nicht die Schlapphüte im Hintergrund längst den Netzstaubsauger auch in Deutschland an das Backbonenetz gesetzt haben? Eben. Klingt dann eigentlich noch mehr nach DDR, wegen der Sekundärtugenden mit der sowetwas durchgeführt würde. Haben Sie schon gehört, warum der BND wirklich von Pullach nach Berlin umgezogen ist? Die Platten waren voll. Auch von der sogenannten Opposition hört man wenig zum Thema, was mich wirklich sehr mißtrauisch macht. Egal ob sich die Genossen schon auf eine große Koalition vorbereiten oder noch an den Sieg glauben und auf die schönen Abhöreinrichtungen einfach nicht verzichten wollen, von dort ist offenbar mit nichts zu rechnen.

Governments should not have this capacity. But governments will use whatever technology is available to them to combat their primary enemy – which is their own population. (Noam Chomsky)

Natürlich muss man auch fragen, worin die Gründe liegen, dass die Regierungen so handeln. Sascha Lobo hatte es richtig dargestellt: die 50 verhinderten Terrorakte in sechs Jahren weltweit, die als das Ergebnis von Prism angegeben werden, können, wenn man der Zahl glaubt, kaum der wahre Grund sein. Dazu Lobo:

Selbst als Bürgerrechtsaficionado wird man zugestehen müssen, dass die Abwägung Sicherheit versus Freiheit alles andere als simpel ist. Umso wichtiger, dass dieser Vorgang im politischen Bewusstsein darüber geschieht, was auf dem Spiel steht: die Aushöhlung oder gar Abschaffung zentraler Grundrechte im digitalen Raum. Und nicht das Fun-Gefühl der Unbeschwertheit. Die Abwägung aber zwischen Menschenleben und Eingriff in persönliche Rechte und Freiheiten ist kein Neuland – im Gegenteil. Die Freiheit des motorisierten Individualverkehrs, quasi das Recht, ein Automobil zu führen, kostet allein in Deutschland jährlich rund viertausend Tote. Zwar taugt der Straßenverkehr nur sehr eingeschränkt als Vorbild für das Internet. Aber das Beispiel zeigt, dass zum Schutz von Menschenleben eben nicht alles irgendwie Realisierbare getan wird, sondern dass Freiheiten und selbst Kosten eine Rolle spielen.

Aber werden hier noch Sicherheit und Bedrohung gegeneinander abgewogen? Und wenn ja, um welche Sicherheit geht es da eigentlich? Möglicherweise eine übertriebene, eine phobische? Da man inzwischen weiss, dass Menschenmassen irrational und mithin panisch reagieren, kann man sich vorstellen, dass die Menschenmasse die der regierende Staatsapparat eine ist, also Politik, Beamten, Polizei und Justiz zusammen, dazu neigt, eine unglaublich potenzierte Angststörung zu entwickeln. Wohin das führt, kann man in der Geschichte überall begutachten. Das aus dieser Angst resultierende krankhafte Sicherheitsbedürfnis führt direkt in den Orwellschen Überwachungsstaat, da stimme ich Martin Weigert zu:

Ich glaube, dass uns nur die Abkehr vom exzessiven Sicherheitsdenken vor einem Orwellschen Staat schützen kann. Nur würde dies ein massives gesamtgesellschaftliches Umdenken erfordern. Es hieße, mehr existentielle Risiken in Kauf zu nehmen und in Situationen, in denen das Leben durch Terror unerwartet ein Ende findet, nicht Sicherheitsbehörden Versagen vorzuwerfen.

Nun kann man natürlich folgern, das Internet sei kaputt. Und zum miteinander kommunizieren in den Wald gehen. Das stellt tatsächlich ein Problem da. Denn ich war eigentlich davon ausgegangen, dass das sogenannte Internet den Antrieb für eigentlich jeden Fortschritt darstellt, der in Zukunft noch kommen wird bzw. in den letzten 20 Jahren passiert ist. Undenkbar, dass diese Basis allen Fortschritts nun kaputt sei und wir uns daraus zurück ziehen müssen. Andererseits zweifle ich aber auch die Wirksamkeit von Aluhüten stark an und ich glaube auch nicht, dass Verschlüsselung der Kommunikation auf lange Sicht hilft, oder sich jemals durchsetzten wird, da alle die es durchsetzen könnte, siehe Absatz 1, mit der NSA gemeinsame Sachen machen oder machen müssen 1.

Ich will aber auch nicht mit dem Wissen leben, dass alles was ich kommuniziere permanent abgehört und aufgezeichnet wird. Das meine Regierung mein Feind ist. Komisch: mit der Ahnung ging’s noch ganz gut, aber mit dem Wissen?! Da sträubt sich etwas in mir. Also muss man etwas dagegen tun. Nicht das ich schon wüsste was. Zunächst mal ist es schwierig innerhalb des heutigen Systems zu handeln, denn wie man sieht, halten sich die Regierungen nicht an die Regeln. Dann mal ein Satz zum Abhören: das ruft ja praktisch nach einer Opposition außerhalb des Parlaments. Es sei denn, man glaubt noch an die Piraten 2.


  1. Trotzdem: wer möchte kann gerne mit mir Schlüssel tauschen. 

  2. Immer gut einen ernsten Artikel mit einem Witz zu beenden. 

Erstmal alles abstreiten

Liebe Nutzer von X,

Sie haben möglicherweise von Berichten gehört, nach denen X und verschiedene andere Internetfirmen Teil des PRISM-Programms der amerikanischen Regierung seien und der National Security Agency direkten Zugang zu unseren Servern gewährt hätten. Wir möchten hier auf diese Berichte antworten und Ihnen die Fakten zur Verfügung stellen.

X ist nicht und war niemals Teil eines Programms um der US- oder irgendeiner anderen Regierung direkten Zugang zu unseren Servern zu geben. Wir haben niemals eine Blanko-Anfrage oder einen Gerichtsbeschluss erhalten, in dem eine Behörde um Zugang zu Informationen oder Metainformation in großen Mengen bat, so wie es laut Berichten Verizon ergangen ist. Bis gestern haben wir nicht einmal von PRISM gehört.

Wenn die Regierung uns um die Herausgabe von daten ersucht, prüfen wir jeden Einzelfall ausführlich um sicher zu gehen, dass die Anfrage rechtens ist udn wir nur Informationen im Rahmen der zutreffenden Gesetze herausgeben. Wir werden weiterhin aggresiv für die Sicherheit ihrer Informationen kämpfen. Jeder Bericht, dass X Informationen über die Internetaktivitäten seiner Nutzer in einem solchem Maße herausgäbe, ist vollkommen falsch.

Wir fordern alle Regierungen auf, Transparenz über jene Programme herzustellen, die der öffentlichen Sicherheit dienen. Dies ist der einzigen Weg, die Bürgerechte des Einzelnen zu schützen und die sichere und freie Gesellschaft herzustellen, die wir alle auf lange Sicht wollen. Wir hier bei X sind usn im Klaren darüber, dass die US- und andere Regierungen Maßnahmen ergreifen müssen, um ihre Bürger zu schützen—einschließlich Überwachungsmaßnahmen. Aber die Form der Gehimhaltung, mit der derzeit legale Vorgehensweisen verdeckt werden, untergräbt unseren gemeinsamen Wunsch nach Freiheit.

Your company's one-stop PRISM involvement denial statement generator. Via Nico Lumma

Twitterhacks

Nachdem vorige Woche die sog. *[Syrian Electronic Army (SEA)][3]* mit einem gehackten Twitteraccount der Nachrichtenagentur AP für Unruhe bis auf die Wallstreet sorgte, [hat es nun den Guardian getroffen][1]. Nach einer weiteren Phishing-Attacke, fielen der SEA gleich 11 Twitteraccounts in die Hände, von denen sie dann [wieder gefälschte Tweets absetzten][4] (diesmal allerdings nicht so dramatisch wie im Falle von AP).

Während man bei Twitter also immer noch dabei ist, die ganz offensichtlich dringend benötigte *[two-factor authentication][2]* zu basteln, es aber ebenso offensichtlich einfach nicht hinbekommt, fallen die nächsten Accounts in die Hände der SEA. Und das, wo inzwischen klar ist, dass ein einziger gutplatzierter, aber falscher Tweet, die Börsen in Aufregung versetzen kann. Offenbar ist man sich im Hause Twitter seiner Verantwortung noch nicht ganz bewusst, aber es ist ja auch noch nicht der Account von Justin Bieber gehackt worden. Dann würde man wahrscheinlich eher reagieren.

Zu einem gehackten Twitteraccount gehören aber natürlich auch immer zwei Dumme, neben dem Anbieter, der sich nicht um Sicherheit schert, natürlich auch derjenige, der sich sein Passwort entlocken lässt. In beiden Fällen (Guardian und AP) wird in den Medien gerne über [cleverly-disguised phishing emails][1] berichtet.

Sicher ist aber schonmal eines: alle Zukunftsromane über den Cyberwar und seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft **sind alle wahr**.

**Update:** Offenbar hat man bei Twitter auch [inzwischen zumindest ratgebenderweise reagiert][5]:

> According to Twitter, the hacking incidents seem to be the result of phishing attacks targeted at corporate email accounts. Twitter suggests that companies employ a pretty standard set of password security practices in response: changing current passwords, using new ones that are at least 20 characters long and are made up of either randomly-generated characters or random words, and to never email said passwords, even internally (programs like 1Password are mentioned as good solutions to ensure password security).

[1]: http://www.theverge.com/2013/4/29/4282202/the-guardian-falls-victim-syrian-electronic-army-11-twitter-accounts-hacked
[2]: http://en.wikipedia.org/wiki/Two-factor_authentication
[3]: http://en.wikipedia.org/wiki/Syrian_Electronic_Army#Syrian_Electronic_Army_.28SEA.29
[4]: http://nakedsecurity.sophos.com/2013/04/29/guardian-twitter-hacked-syrian-electronic-army/
[5]: http://www.theverge.com/2013/4/29/4283854/twitter-warns-news-organizations-about-ongoing-hacking-threats