Kritik der kritischen Krautkritik

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Darf man die Krautreporter kritisieren, schon nach drei Monaten, oder eher nicht? Fällt mir schwer, dazu etwas belegbares zu sagen, denn die Wahrheit ist, ich lese inzwischen gar nichts mehr bei den Krautreportern. Nichts. Nada. Niente. Null komma null. Mag sein, dass die Seite tatsächlich eine neue oder zumindest andere Art von Onlinejournalismus etabliert, bei mir kommt er schlicht nicht an.

Dabei steht das Tor weit offen: ich folge den einschlägigen Twitteraccounts, habe den RSS-Feed abonniert. Trotzdem lander ich nie auf der Seite. Das liegt vielleicht an meinen Konsumzeiten, die arbeits- bzw. reisebedingt wohl immer kurz vor oder kurz nach den KR-Geschäftszeiten zu liegen scheinen. Ob das wirklich so ist habe ich allerdings nie nachgeprüft. Möglicherweise geht auch einfach davon aus, dass ich von selbst vorbeikomme und mir die Texte pulle. Mache ich aber nicht. Dazu wird mir zuviel anderes interessantes gepusht.

Bliebe der RSS-Feed. Zugegeben, ich lese nicht mehr so viele Feeds wie früher. Aber ich habe dire Krautreporter durchaus in einer prominenten Kategorie einsortiert. Aber irgendwie machen mich die Überschriften nicht genug an. Also sowenig, dass ich nicht mal mehr den Anreisser dazu lese. Zur Demonstration zitiere ich mal die aktuellen Headlines:

  • »Michael Graeter: Sex und Geld sind die Säulen der Welt« (nee, für mich nicht),
  • »Morgenpost«,
  • »Den Zumutungen der Geschichte gewachsen« (WTF?),
  • »Warum die Supermärkte auf der grünen Wiese sterben« (Hab schon zwei Supermarktartikel gelesen im letzten Quartal),
  • »Vermischtes« (really?),
  • »Morgenpost«

Und schlussendlich bleibt anzumerken, dass ich noch nie den Drang verspürt habe, mich auf der Seite, wenn ich denn da war, einzuloggen. Zumal die Seite auf meinem Nexus5 und Nexus7 noch nie wirklich funktioniert hat.

Altes Interview

Foto von einer riesigen Werbetafel im Nebel

Ich höre derzeit viel Podcasts, unter anderem durchforste ich das Archiv von Chaos Radio Express. Ein altes Interview mit Rop Gonggrijp geht mir dabei gar nicht mehr aus dem Kopf, da es gleichermaßen visionär wie völlig überholt daherkommt. Rop hatte seinerzeit auf dem 22C3 2005 im Vortrag »We lost the war« zusammen mit Frank Rieger das Ende der Privacy postuliert (was in seinem Heimatland Holland auch weitestgehend eingetreten ist). 2010, zum Zeitpunkt des Interviews jedoch, nimmt er eine wesentlich positivere Haltung ein, die er auch in seiner Keynote zum 27C3 ausspricht. Zu diesem Zeitpunkt hat man Wahlcomputer erfolgreich verhindert, die Vorratsdatenspeicherung wurde für verfassungswidrig erklärt etc. Also alles was prä-Snowden noch in Ordnung war; heute wirkt dieser Optimismus wiederum leider völlig absurd.

Ein paar Sätze im Interview später jedoch liegt er gleich wieder erschreckend richtig. Er nimmt nochmal die Vorratsdatenspeicherung als Beispiel und stellt heraus, dass zwar ein Urteil des Verfassungsgerichts eine gute Sache ist, aber eben nur die Notbremse im demokratischen Prozess, und das die Kräfte, welche die Vorratsdatenspeicherung durchsetzen wollen, es immer und immer wieder versuchen werden, bis die Mehrheiten eben so sind, oder bis die Zusammensetzung des Gerichts sich so geändert hat, dass man mit der Sache durch kommt.

Das ist genau das, was wir heute sehen, bei der Vorratsdatenspeicherung, aber nicht nur da. Themen werden einfach immer und immer wieder neu aufgekocht, bis sie dann endlich umgesetzt sind. So auch die Vorratsdatenspeicherung, die in den Nachwehen des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo nun wieder in aller Politiker Munde ist, auch wenn die in Frankreich geltende Datenspeicherregelung nachweislich gerade völlig versagt hat. Die Stur- und Unverfrorenheit mit der hier zu Werke gegangen wird, ist gleichermaßen erschreckend wie abstoßend.

Um so wichtiger ist es also, keinen Fussbreit zurück zu weichen, da man einmal verlorene Rechte und Freiheiten in dieser Welt nicht zurück erlangen kann. Es wird nie wieder eine Ära vor Snowden geben. Das ist irreparabel. Eine einmal durchgesetzte Vorratsdatenspeicherung wird keine Regierung wieder rückgängig machen. Und so ist es mit CETA, TTIP, oder dem Einsatz der Mautbrücken zur Strafverfolgung, oder den bayrischen Precrime-Projekten und unendlich so weiter.

Aber wer soll diese ganze Kämpfe eigentlich führen?

Serial

Der Podcast Serial ist ein handfestes Phänomen. Einerseits ein weiterer Höhepunkt des immer bekannter werdenden Konzeptes Podcast, wird dieses Stück reality radio bereits als Renaissance des Radios gefeiert und seine Macherin Sarah Koenig zum Charles Dickens des digitalen Zeitalters (NZZ) ernannt. Und wahrscheinlich stimmt das sogar ein wenig.

Ich persönlich habe mich vom Thema und Umsetzung der Sendung völlig gefangen nehmen lassen. Für das angloamerikanische Justizsystem interessiere ich mich schon seit dem Studium, und der Machart von Serial kann man sich sowieso nur schwer entziehen. In jeder Folge wird ein Stück mehr der höchst realen Geschichte des Mordes an Hae Min Lee und der Verurteilung von Adnan Syed als ihr Mörder vor gut 15 Jahren preisgegeben. In der direkt ins Ohr gehenden Erzählung von Sarah Koenig wird die Recherche dabei selbst zur Geschichte Durch die eingeflochtenen O-Töne aus Interviews, Ausschnitten aus den Verhörprotokollen, Telefongesprächen mit Adnan, der in einem Hochsicherheitsgefängnis im Maryland einsitzt, und Aufzeichnungen aus den beiden Gerichtsverfahren gegen ihn entsteht eine Athmosphäre, bei der sich der Hörer praktisch selbst auf die Spur nach dem wahren Täter begibt, selbst teils zum Detektiv, teils zum Investigativjournalisten wird. Meiner bescheidenen Meinung nach bisher einzigartig und unbedingt nachahmenswert.

Wobei man nicht ausser Acht lassen sollte, dass es hier um reality, Realität handelt. Welche durch die Erzählweise, die gescriptete Aneinanderreigung der Informationen und die stückweise Entfaltung der Tatsachen widerum zu einer Art Fiktion wird. Aber: Hae Min Lee wurde tatsächlich ermordet, Adnan sitzt im Knast, die Familie Lee kann den Podcast ebenso hören, wie die Mutter des möglicherweise unschuldig oder eben doch zu Recht Verurteilten. Man hat beim Hören das Gefühl, dass Koenig entsprechend vorsichtig vorgeht um dem Rechnung zu tragen, ihre Anmerkungen zu Namensänderungen, Stimmveränderungen und Ablehnungen von Interviews sind immer sehr ausführlich, trotzdem kann man nicht wissen, welche Wirkung das alles letztlich unter den Betroffenen entfaltet.

Im Falle von Adnans Unschuld könnte sogar der wirkliche Täter mithören. Hier wird ein wenig gruselig. Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn man die Diskussionszirkel auf reddit besucht, in denen Serial Folge für Folge von Fans seziert, weitergesponnen und natürlich jeder Teil der Handlung und der Protagonisten auf jeder denkbare Weise kommentiert wird. Das ist sicherlich Teil des Phänomens und, so fraglich einige der Beiträge in den Foren auch sind, sicherlich auch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Serial.

Vor unseren Ohren entfaltet sich hier also das Radio der Zukunft: es hat eine ungeheure inhaltliche Tiefe, die sich nur in der Serie erschließen lässt, lässt sich jedoch als Podcast downloaden und am Stück hören; es ist professionell produziert, in technischer, wie erzählicerischer Hinsicht; es hat einen eigenen Rückkanal zu den Produzenten, und gleichzeitig eine Community von Fans, die an anderer Stelle die Diskussion aufnehmen und weiterführen. Serial erfüllt all diese Punkte über und geht zu Recht in einer zweite Staffel. Aber zunächst fehlt noch die finale Folge der ersten Staffel… ich bin gespannt.

The Circle

Vor kurzem habe ich The Circle gelesen, ein unglaublich schlechtes Buch, und wie das mit schlechten Büchern so ist, stand es an der Spitze der Bestsellerliste. Der Inhalt des Buches: anfangs dumme Protagonisten bleibt bis zum Ende des Buches stockdumm, eine Socialmediafirma als Metapherchimäre für Facebook, Google und Apple in einem entwickelt die totale Überwachung aller Menschen, ohne das deren Führerschaft dabei eine Idee hätte, wozu das eigentlich alles gut sein soll. Der Spannungsbogen gleicht der Nulllinie auf einem Herzfrequenzmonitor. </rant>

Gut, über das Thema könnte man diskutieren. Im Grunde ist The Circle die Parabel vom Frosch, der langsam gekocht wird, ohne es zu merken. Diese Parabel ist, das wissen die meisten, eben eine Parabel, kein Frosch lässt sich ohne Gegenwehr kochen, wenn man das Wasser nur langsam genug erhitzt. Ausser der von Philip Rösler vielleicht. Und so wenig wie die Parabel mit der Realität zu tun hat, so wenig sind die Figuren in The Circle echt genug, als dass sie zur Identifikation dienen könnten. Der eine zieht einen totalitären Überwachungsstaat hoch, nur so aus Langeweile, die Hauptfigur hingegen tappt von einer Falle in die nächste, nur um beim nächsten Mal noch dämlicher der Maschinerie auf den Leim zu gehen.

Gut, mithin verhalten sich Menschen so. Ich zum Beispiel: Im April letzten Jahres habe ich lang und breit dargelegt, warum man besser ADN statt Twitter nutzen solle, heute tweete ich immer noch. Auch im August 2012 habe ich mich schon über Twitter ereifert. Ich kann mich kaum noch erinnern, was mich damals auf die Palme gebracht hat, wahrscheinlich die Verwässerung der Entwickler-API. Ich twittere immer noch. Nun hat Twitter angekündigt, die Timeline automatisch für mich zu kuratieren, so wie bei Facebook, wo ich dieses Feature täglich neu umgehen muss, weil ich es so hasse. Tja, aber was soll’s, ich twittere weiter. Und dann gibt’s ja schon das nächste Feature: den Kaufen-Button. Das Zukunftsszenario sieht also circlemäßig so aus: Twitter nutzt die Forschungsergebnisse von Facebook, um die Menschen mit einer kuratierten Timeline zu manipulieren und zwar um auf Twitter Produkte zu kaufen! Ich twittere weiter. Aber hey, Google hat RSS und den Feedreader gekillt, Twitter ist derzeit meine wichtigste Besucherquelle für dieses Blog, ich twittere weiter. Und weiter. Und irgendwie wird das Wasser immer wärmer. Naja, noch ist es angenehm.

OK, The Circle ist ein mieser Schinken über einen blöden Vergleich, der von und hinten hinkt, aber trotzdem kann man mal darüber nachdenken, wohin uns das alles mal führen wird, auch wenn’s nicht der blöde Circle sein wird. Ist ja auch Quatsch, die NSA war ja längst da, das Wasser kocht also eigentlich schon. Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel nehmen an jenen, die den Ausstieg wagen, anstatt sie ungläubig zu beäugen.

Jetzt weniger Markdown Streiterei

Aus dem Markdownstreit wird Markdowngate. Fortsetzung von gestern. Siehe Update am Ende des Artikels: der Streit scheint vorbei…

Dave Winer stellt sich in einer Art offenem Brief hinter John Gruber und kritisiert Jeff Atwood sehr deutlich für die Übernahme des Namens »Markdown«. Er vergleicht die Situation dabei mit RSS (0.92), dem von ihm erfundenem XML-Subformat, das mehrfach von anderen (bspw. Netscape) geforkt wurde (unter anderem RSS 1.0) und dem er mit dem Herausbringen von RSS 2.0 (erfolgreich) begegnete.

Die Übernahme des Namens »Markdown« stört ihn besonders, da man als Erfinder dann die Gewalt über seine Idee verliert. Man könne Markdown natürlich weiterentwickeln, aber eben nicht als whatsoever Markdown. Das an sich ist richtig. Und die Lizenzbedingungen, die John Gruber seinerzeit schrieb sind eindeutig:

Neither the name “Markdown” nor the names of its contributors may be used to endorse or promote products derived from this software without specific prior written permission.

Ob sie so gelten ist natürlich ein ungeklärte juristische Frage.

Andererseits kann man für Atwood vortragen, dass John Gruber in den letzten 10 Jahren wenig Interesse daran gezeigt hat, Markdown weiter zu entwickeln. Viel mehr hat er neue Formate unter dem Namen ausdrücklich zugelassen und diese haben sehr zur weiteren Verbreitung beigetragen. Dadurch ist aber eine babylonische Sprachverwirrung entstanden, die auszuräumen den Namen verdient hätte. Aber auch Atwood scheint mir nicht ganz frei von Scheinheiligkeit, denn die Umbenennung von »Standard Markdown« in »Common Markdown« ist nicht mehr als ein Feigenblatt. Eine Umbenennung in einen ganz anderen Namen hätte sofort geholfen. So wird der Streit noch weiter gehen und wir werden ewig auf das vollständig brauchbare Markdown warten müssen, bzw. uns auf einen Dialekt festlegen müssen.

Wie wärs denn mit NML (No Markup Language)?

Update (10:40h): Das schöne an vor geplanten Artikeln, die Sache entwickelt sich weiter. In diesem Fall erstmal zum Guten, denn nun heißt das Kind CommonMark:

Edit: after a long and thoughtful email from John Gruber – which is greatly appreciated – he indicated that no form of the word „Markdown“ is acceptable to him in this case. We are now using the name CommonMark.

Standard Markdown

Update: Standard Markdown heisst dann jetzt Common Markdown. Unfassbar.

Vor nicht ganz zwei Jahren startete Jeff Atwood, zusammen mit anderen Interessierten, eine Initiative zur Standardisierung von Markdown, schon damals nur mißtrauisch beäugt von Markdown-Erfinder John Gruber. Nun ist es endlich soweit, soeben ist Standard Markdown veröffentlicht worden. Und John Gruber (aka. @markdown) so:

Hmmmpf. Klingt ein wenig eingeschnappt. Tatsächlich gibt es auf Grubers offiziellen Twitteraccount noch ganz andere, unschönere Formulierungen. Gruber ist schlicht gegen eine Standardisierung einerseits und mglw. auch besonders durch Atwood selbst. Der Streit zwischen den beiden reicht wohl schon in das Jahr 2009 zurück, wie bei Gruber üblich in strong language.

Am Ende hat er natürlich völlig Recht. Ich meine, was haben uns Standards jemals gebracht?

Haha! Nein, natürlich nicht, um es mal in Gruberspeak auszudrücken: bullshit. Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass ein Standard Markdown das einzige ist, was Markdown endlich/überhaupt noch zum Durchbruch verhelfen könnte (ich will damit gar nicht sagen, dass das auch wirklich passieren wird). Markdown ist zerfasert in etliche Forks und Dialekte, von denen in den über 10 Jahren seiner Existenz mal der eine oder andere beliebter war, derzeit ist es wohl das github flavoured markdown, das am meisten genutzt wird. Standard Markdown versucht diese vielen Dialekte zusammen zu fassen und dort, wo es Widersprüche gibt, zu entscheiden, welcher Weg der richtige ist.

Man kann gespannt sein, wie es weitergeht, mit Markdown an sich und Standard Markdown im Besonderen. John Gruber wird es wohl nicht aufhalten können, vor allem nicht, wenn die am Standard beteiligten Player es in ihrer Umgebung umsetzen. Einen Versuch, Grubers Arbeit zu hintergehen oder unredlich auszunutzen kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Aber ich bin ja auch nur ein Markdownnutzer und -fan.

Dieser Text wurde in Markdown geschrieben.

Für den Nutzer zumutbar?

Sind sie auch der Meinung, dass Onlinewerbung so richtig auf den Sack gehen muss? Nerven, unterbrechen und stören? Nein? Stephan Noller, Vorstandsvorsitzender der Firma nugg.ad, und nach seinen Angaben eine Reihe kluger Köpfe in der Onlinewerbebranche sind aber genau dieser Ansicht. Dies kann man bei brand eins, im Streitgespräch »Muss Onlinewerbung nerven« nachlesen. Das liest sich dann so:

In einer Marktwirtschaft ist Werbung nun einmal kein Freund des Konsumenten. Die nüchterne Funktion von Werbung ist es zu verkaufen. Es gibt in unserer Branche eine Reihe kluger Köpfe, die sagen: Wir brauchen Formate, die noch stärker unterbrechen. Nur dann wird es zum Beispiel gelingen, hochwertige redaktionelle Inhalte im Netz über Werbung zu refinanzieren.

Im Grunde natürlich kalter Kaffee. Auf der anderen Seite steht halt das Argument, dass man nicht Inhalte verkaufen kann, die keiner zu sehen bekommt, da die als störend empfundene Werbung geblockt wird, oder der Besucher vor erreichen des Inhalts das Weite sucht. Dass aber Onlinewerbung, außer bei Google, nicht funktionieren täte, ist für Herrn Noller natürlich alles Quatsch:

Wir haben die Markteinführung einer Nudelmarke in Dänemark begleitet. Wir haben das Unternehmen überzeugt, nur online Werbung zu machen, gut gemachte Banner auf qualitativ hochwertigen Websites. Das Ergebnis waren Schlangen vor den Supermärkten.

Schlangen in dänischen Supermärkten! Damit ist alles klar, Onlinewerbung funktioniert doch. Nur ein paar technische Probleme hat Herr Noller noch entdeckt, die ganzen Webseiten sehen nämlich viel zu unterschiedlich aus. Ganz anders als im Fernsehen, wo für einen Werbespot immer der Bildschirm zur Verfügung steht.

Oft müssen Heerscharen von Programmierern beschäftigt werden, weil die Werbeplätze verschieden aussehen und die technischen Anforderungen unterschiedlich sind. Vergleichbare Kampagnen in Print oder TV zu schalten benötigt oft nur ein Zehntel des Aufwands. Daher müssen wir automatisieren und standardisieren.

Und so weiter. Herr Noller ist zum Glück nicht der Einzige mit Visionen im Markt, aber er hat ja die klugen Köpfe hinter sich. Zu mobile Ads hat er allerdings nicht mehr zu sagen, als noch mehr unterbrechen (das muss der Leser aushalten) und ein beinahe Helmut Kohlsches guter Hoffnung sein, dass sich das Thema auch ohne interlektuelles Zutun seiner Branche lösen möge. Von responsivem Webdesign hat da noch niemand etwas gehört. Das widerspräche aber auch komplett den oben genannten Standardisierungsbemühungen.

Nollers Gesprächskontrahent ist übrigens „Der digitale Tsunami“-Autor Nicolas Clasen, der sich in dem Gespräch aber ausschließlich auf Google und TV-Werbung fixiert und so etwas eindimensional bleibt.

Man muss ja der brand eins für solche Streitgespräche einerseits danken. Andererseits haben sie sich auch einen echten Pflegefall Hardliner Spezialisten ausgesucht. Die Sache ist die: ich glaube ja immer noch, dass man mit Werbung etwas reissen könnte, wenn es nur mal jemand – auch technisch – richtig machen würde. Es gibt da durchaus Ansätze, die ich bei offensichtlich anderen klugen Köpfen der Branche beobachten konnte. Geht es aber nach Leuten wie Noller, dann sind wir doomed, doomed, doomed.

Krautreporter, Nachlese

Na, da habt ihr mich jetzt aber mal richtig überrascht, liebe Krautreporter. Oder eher: liebe Netzgemeinde. Anders als ich annahm, ist das Krautreporter-nennenwiresmal-Funding zu seinem Ende nun doch noch richtig hollywoddmäßig durch die Decke gegangen. Respekt, auch für die glanzvolle Inszinierung. Herzlichen Glückwunsch, wie geschrieben, ich gehöre ja auch zu denen, die es möglich gemacht haben, early funder sozusagen.

Wirklich gefallen hat mir in diesem Zusammenhang dieser Tweet, weil das sehe ich genauso:

In diesem Zusammenhang noch ein kleiner Nachtritt, und zwar hinsichtlich des grandios ausgearbeiteten Plans der Krautreporter, wie das Geld ausgegeben werden soll: Was wir mit Ihrem Geld vorhaben. Bei einer Bank, oder einer Finanzierungsrunde wäre man mit einer derartigen Planung wohl gescheitert (siehe dazu die Sechs überllaunigen Bemerkungen zu Krautreportern), aber es ist ja Crowdfunding, nehmen wir die Zahlen also mal Ernst:

Mit einem Etat von 2% von 900.000 EURO, also umgerechnet 18.000 EURO wollen die Krautreporter ihrer IT-Abteilung ausstatten. Man will allerdings 11%, also 99.000 EURO für Software investieren.

Nun kann man natürlich ob der Ungenauigkeit nur schlecht feststellen, wie man sich das vorzustellen hat, für mich sieht’s aber so aus: der Onlinejournalismus ist kaputt und soll nun gerettet werden, von 20 Journalisten und einem halben IT’ler, den Rest macht die Software. Ich kann es auch anders ausdrücken: wer heute eine ernsthafte, konkurrentfähige, begeisternde Website produzieren möchten, auf der Zehntausende mit Lieferungsanspruch täglich mit neuem Content versorgt werden sollen (und diesen vielleicht diskutieren, teilen wollen), einigermaßen Ausfallsicher, dann wird man wahrscheinlich schon ein wenig Geld mehr in die Hand nehmen müssen. Von interaktiven Grafiken, Sondernwünschen für einzelne Artikel, Fehlerbehebung und dem ganzen anderen Kram will ich gar nicht anfangen. Die aktuelle Site der Krautreporter, aufgesetzt auf die alte Krautreporter-Plattform, machte schon mal nicht den Eindruck von übermäßiger Professionalität, jedenfalls nicht gemessen an der Konkurrenz.

Viel Glück möchte man da sagen. Aber, als Mitretter des Onlinejournalismus sage ich: Obacht liebe Kollegen Krautreporter, ihr macht da möglicherweise etwas falsch. Zum Glück steht der Launchtermin aber ja schon: im September oder Oktober geht’s los. Wie gesagt: ich kann die Spannung kaum aushalten.

Update: Bei Ben drüben wird übrigens über Ähnliches diskutiert, nur geht es da weniger um die mutmaßlichen IT-(Gehalts)-Kosten, sondern eher um den Gesamtbau von Site und CMS (also den Software-Etat, 11%, s.o.).

Krautreporter

Es ist noch eine Woche Zeit, um die Krautreporter zu unterstützen, und mal ganz ehrlich, es sieht nicht gut damit aus. Was ich schade finde, denn eigentlich hätte mich interessiert, ob schwarmfinanzierter Abojournalismus tatsächlich (inhaltlich) funktioniert. Ich hab es darum so gemacht wie Ben:

Ich hab mal die Krautreporter unterstützt und ein Abo zugesagt. Für ein Jahr. Für 60 Euro.
Wegen Stefan Niggemeier.
Trotz Richard Gutjahr.

Was ich mit den Krautreportern teile, ist die Ansicht, dass irgendetwas im Onlinejournalismus nicht in Ordnung ist. Ob er nun gleich ganzkaputt ist, will ich mal dahingestellt lassen. Und ob das so ist, weil sein Finanzierungsmodell nunmal Bannerwerbung ist, so richtig wissen wir das alle auch nicht. Obwohl man sich natürlich einig ist, das Werbung nervt. Oder Boulevard bei der ehemaligen Artillerie unserer Demokratie. Aber ist deswegen gleich alles kaputt?

Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet. kraureporter.de

Und wenn es so ist, was hilft dann? Ich hätte gedacht, ein neues Finanzierungsmodell. Und das ist es ja auch, was die Krautreporter machen wollen, eben per crowdfunding. In einer idealen Welt gäbe dies nun die Freiheit, neue Dinge zu machen, eine Alternative zum kaputten Onlinejournalismus entwickeln. In dieser Hinsicht gibt man sich allerdings erstaunlich konservativ. Denn man will nur wieder den guten Onlinejournalismus machen, den schon so manche Printredaktion immer wieder einfordert:

Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert. kraureporter.de

Das allein scheint sich aber heutzutage nicht in Bares umwandeln zu lassen. Nicht indem man Werbung drumherum schaltet (so die These). Blöderweise, so sieht es jedenfalls im Moment aus, auch nicht, indem man Geld per crowdfunding einsammelt. Denn sonst kämen ja genug Unterstützer zusammen.

Also alles wieder zurück auf Start. Kann sich denn nun endlich mal jemand etwas wirklich Neues ausdenken?

Gestaltete Nachrichten

2009 habe ich meinen ersten designten Blogartikel gepostet, und bis 2011 sind es insgesamt 21 gestaltete Texte geworden. Auch wenn das damals nicht nur so eine Mode war, in dieser Zeit gab es eine Menge Blogs die, teilweise ausschließlich, Webdesign als feature betrieben, ist der Funke doch nicht wirklich übergesprungen auf die großen Webseiten, speziell die Nachrichtenseiten. Und so gaben die meisten Blogger, wie ich, ihre Bemühungen wieder auf.

Artikel über Tarantinos Werk auf codecandies.de.
Artikel über Tarantinos Werk auf codecandies.de (2010).

Beinahe 100 Internetjahre später grub die New York Times das totgeglaubte Pferd wieder aus und präsentierten mit Snowfall den ersten international beachteten gestalteten Artikel auf einer Newswebsite. Was den Stein ins Rollen gebracht hat und viele Nachahmer gefunden hat. Ich mag das persönlich eigentlich gar nicht, wenn alle machen, was ein Platzhirsch gerade vormacht, aber bei den gestalteten Artikeln ist das eine Ausnahme, denn solange hier nur das Konzept kopiert wird, das ja die uniquness der Arbeit selbst vorschreibt, kann nicht viel schiefgehen. Und so haben wir schon viele aufregende gestaltete Artikel gesehen, bspw. Firestorm vom Guardian. Die großen Nachrichtenseiten haben drei Dinge, die wir Blogger von damals nicht hatten: den Content, die Kompetenz und das Publikum.

Firestorm erzählt die Geschichte einer Familie während eines Buschfeuers auf Tasmanien.
Firestorm erzählt die Geschichte einer Familie während eines Buschfeuers auf Tasmanien.

Natürlich hatte jeder Blogger seinerzeit den Content zu seinem gestalteten Artikel. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn sich eine Redaktion oder zumindest ein Team daraus auf ein gemeinsames Thema konzentriert und mit einem Rudel von Übersetzern, Korrektoren und anderen Sprachakrobaten an einer Sache arbeitet. Das ist natürlich ganz altes journalistisches Handwerk, was durch die gestalteten Artikel da herausgefordert wird. Das Ergebnis ist beeindruckend. Und dann kann eine Nachrichtenwebsite eben auch ein Team an Entwicklern und Gestaltern aufbieten, das mit den Redakteuren zusammen eine gemeinsame Arbeit liefern.

Das ist eine ganz neue Erfahrung, denn ich weiss aus Erfahrung, dass Entwickler und Redaktuere oft an gegensätzlichen Seiten der Geißel Content Management arbeiten, die einen stricken das Korsett, in die die anderen ihre Artikel zwängen müssen, angetrieben vom Zeitdruck der Nachrichtenlage und dem Zwang soviel Content wie möglich zu produzieren. Chris schrob dazu:

Objektiv betrachtet, arbeitet es gegen den Trend der immer kleiner werdenden Artikelhäppchen, die nur noch irgendwo im Social Media Nirvana verschwinden. Vielleicht ist es genau der Gegentrend der funktioniert. Die erzwungene Entschleunigung beim Web Konsum, auch weil praktisch alle bei diesem Artikelformat ihren gesamten Ballast entfernen, auch etwas, was nicht nur ich seit Jahren predige.

Eben, ich auch.

Fehlt noch das Publikum. Und das ist, soviel kann ich aus Zugriffszahlen, Twitterreaktionen und Emails ablesen, begeistert von der neuen Art der Artikeldarstellung. Und es fordert mehr. Und immer wieder wird betont: dafür würde man auch bezahlen. Da muss dann aber kräftig etwas zusammenkommen, wenn man mal Größe des Teams und Bearbeitungszeit für einen Artikel ins Auge fasst. Mal sehen, in welche Richtung das geht. Für die Redaktion von ZEIT ONLINE ist es offenbar ein Blick in die Zukunft.

100 Jahre Tour de France von ZEIT ONLINE.
100 Jahre Tour de France von ZEIT ONLINE.

100 Jahre Tour de France ist ZEIT ONLINEs erster gestalteter Artikel. Ich habe an diesem Projekt als Entwickler mitgearbeitet.

Artikel- und Hintergrundbild: Some rights reserved by marc kjerland