Vor Rechten wird gewarnt

Die Stimmung dreht sich doch sehr regelmäßig in Berlin, manch Politiker muss inzwischen aufpassen, dass ihm nicht schwindelig wird. So warnt beispielsweise Bundesinnenminister Thomas de Maizère inzwischen vor Pegida, obwohl er noch vor wenigen Monaten der Ansicht war, man müsse die Sorgen der Pegida-Anhänger ernst nehmen. Ist ja schön, dass nun auch der Innenminister die Rechtsextremisten dort erkennt, wo sie öffentlich und dreist auftreten, schade nur, dass das wieder so lange gedauert hat.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat dabei nicht die inzwischen regelmäßigen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Angriffe gegen Flüchtlinge, mithin die deutliche Zunahme rechter Gewalttaten, sondern das Messerattentat auf die inzwischen zur Bürgermeisterin gewählte Henriette Reker. Hier war der rechtsextremistische Hintergrund des Täters relativ schnell klar, auch wenn er von Augenzeugen als verwirrt beschrieben wurde. Die Frage die ich mir schon seit ein paar Wochen stelle, was eigentlich passieren muss, damit das Land in Bewegung gerät, ist damit irgendwie beantwortet.

Währenddessen entzündet die SPD wieder die Kerzen, nachdem sie kurz vorher noch der Asylrechtsverschärfung zugestimmt hat. Da hilft auch eine schwere grammatikalische Beugung nichts (Flüchtlinge willkommen) um den Widerspruch zu übertünchen.

Mit sowas gibt sich die Müncher Polizei erst gar keine Mühe. Merke: wenn dein Auto in München mit Hakenkreuzen beschmiert, liegen zwar keine Anhaltspunkte für eine politisch rechts motivierte Tat vor, wohl aber wird man dir raten, nicht lange mit dem beschmierten Auto herum zu fahren, weil man sonst gegen das Verbot zum Führen von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen verstossen könnte.

Schnelles mobiles, eingezäuntes Internetdings…

Kürzlich fragte ich mich wieder einmal: »Du Nico, das was wir da machen, machen wir das eigentlich richtig?«, und sah mich ein wenig säuerlich im Spiegel an. »Immerhin kann ich dich noch ansehen und wir reden noch miteinander«, habe ich meinem Spiegelbild geantwortet, aber zum Nachdenken hat es mich schon gebracht. Ich mache jetzt seit, ich weiss nicht, gefühlten hundert Jahren Webentwicklung, seit genau 10 Jahren im größeren Verlagsumfeld. In dieser Zeit hatten wir Webentwickler auf so ziemlich jede Herausforderung irgendwie immer die richtige Antwort, meine waren zumeist Webstandards gepaart mit moderner und möglichst minimalistischer Umsetzung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung, HTML, CSS und ein wenig Javascript. Doing the right things hat eigentlich immer ausgereicht. Und das soll nun heute nicht mehr stimmen?

»Wann ist Webentwicklung eigentlich so kompliziert geworden«, hat mich ein entnervter Kollege jüngst gefragt, wahrscheinlich gerade mit einer Konfig oder schlimmer noch, Abhängigkeit unserer inziwschen gigantomanischen Entwicklungsumgebung kämpfend. Update auf El Capitan? Lieber nicht. War das nicht gerade erst gestern? Als wir die Tür aufstiessen in das gelobte Land der Präprozessoren und task runner und serverseitigem Javascript. Ich weiss ja, das damit viel Scheiss gebaut wird, aber wir kämpfen damit, all diese neuen Waffen so gewinnbringend und geschickt einzusetzen, wie es eben möglich ist, für den User und für uns. Aber es bleiben eben Waffen und da draussen™ wird damit viel Unsinn angestellt, wie im richtigen Leben.

Und dann sind da die Apps. Ist das eigentlich erst drei oder schon vier Jahre her, dass wir alle Apps machen wollten? Vielleicht half mir ein frühes Scheitern, aber um mich herum scheint sich daran noch nichts geändert zu haben. Keiner will mehr Webseiten bauen, sondern es soll appig aussehen, sich appig anfühlen und natürlich genauso funktionieren. Und man kann nicht alle Zähne ziehen, nicht alle Anforderungen zerreden und nicht alle Aufträge wegdiskutieren. Natürlich nicht. Und ich sehe auch nicht die direkte Verbindung zwischen app-a-like und imperformant, wie ich es immer wieder lese. Vielleicht bin ich da zu naiv, aber solange man Webstandards nutzt und möglichst minimalistisch… siehe oben.

Wo ich wirklich wirklich wirklich ein Problem sehe ist, dass zwar alles Aussehen soll wie eine App, sich aber finanzieren soll wie eine Website. Mit Werbung aus dem tiefsten Mittelalter des Netzes, nur noch langsamer und schwerer als jemals zuvor. Inzwischen zwar auch HTML, CSS und Javascript, nur der Minimalismus fehlt. Eine ganze Industrie, die sich konsequent in die falsche Richtung entwickelt hat, seit Anbeginn, weil kaltes Profitmaximieren sinnvollem Codeminimieren sowas von im Wege steht. Während sich die ganze Welt über responsive Webseiten freut, ist DACH fest ausgerichtet auf zwei Formate: mobile und desktop, nichts daziwschen, und letzteres bitte immer hübsch aussen rum und natürlich above the fold. Und sie kommen nicht hinterher… Und tracken, alle wollen tracken. Der Websitebetreiber nutzt zwei bis vier Tracker, der (oder die) Addienstleister bringen ein Handvoll Tracker mit, und jedes Ad, das wahnsinnigerweise von irgendeinem Pentiumrechner, der in irgendeiner Agentur unter dem Schreibtisch steht, ausgeliefert wird, bringt auch noch ein paar Tracker mit. Weil ja keiner mehr Ads sehen will.

Und da kommt nun Apple mit seiner Message: wir machen das werbefinanzierte Web platt, wie wir die Musikindustrie platt gemacht haben, um es danach zu retten, zu unseren Bedingungen versteht sich. Und sie haben Recht, denn Webseiten laden langsam, kosten Akkulaufzeit und verballern das teuer eingekaufte Kontingent an Daten im mobilen Netz. Nur die Bedingungen sind nicht so toll: Apps bauen, walled garden, Fleischfarbenfilter, Abhängigkeit. Und alle kommen mit der gleichen Erpressung: willst Du mitspielen, brauchst Du schnelle Seiten, entweder bei Facebook (für den Traffic sorgt der Algorithmus, oder eben nicht), oder bei Google (für Traffic sorgt die Suche, oder eben nicht). Gebt all euren Content für ein schnelles mobiles, aber eingezäuntes Internet. Man könnte sich direkt selbst in den Fuß schießen, oder die Chance verpassen, bei dem Versuch einen Elch zu erlegen, kann ja sein.

Aber was mich gleichzeitig freut und schmerzt ist dieses: Keiner macht dort irgendetwas, was nicht jeder Websitebetreiber selbst hätte machen können, mit Webstandards und der minimalistischen Anwendung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung: HTML, CSS und Javascript.

Verlinkt XXXIII

Relounge

Bewerben

Javascript

  • Sowas mag ich ja: Paul Irisch hat eine Liste zusammengestellt »What forces layout / reflow« und uns da wieder viel Arbeit abgenommen. Was mich wieder zu der Frage führt, wann unsere Webdev-Nomenklatura eigentlich mal schläft, oder Urlaub macht…

CSS

  • Kann man mir auch nicht nachsagen, ein Freund von CSS-Frameworks zu sein. Trotzdem finde ich Pure.css wirklich sehr sehr nett. So pur eben.

Nö.

Nö, Felix.

Es ist ja nachgerade höchsterstaunlich, wie man jemanden in (zumindest gespielte) Aufregung versetzen kann, in dem man ihm mit aller gebotenen Knappheit vor Augen führt, dass er Quark redet. In diesem Fall entsprang die Knappheit der Aussage zwar eher den äußeren Umständen: Zugfahrt, Edge, keine Zeit gleich per Artikel zu antworten, keinen Bock auf Disques-Kommentare (und mobil funktionieren die auch nur bei LTE glaube ich), also Twitter, aber auf 140 Zeichen kann ich das auch nicht erklären, Ende. Ich hätte auch schreiben können: „Ey Felix alter Bartträger, ich hab gerade keine Zeit zu antworten, schau doch nochmal genau nach.“ Und Felix hätte mich fragen können: „Hey Nico, ich schätze Deine Arbeit und ZEIT ONLINE, ich hab hier aber etwas entdeckt, und bevor ich das jetzt in die Welt hinausposaune und es am Ende gar nicht stimmt…“, aber hey, wir sind Blogger, oder nicht?!

So, und nun nochmal für alle zum mitschreiben: obwohl das Gerücht geht, dass wir Verlagsleute total bekloppt und degenerierte Volldeppen sind, sind wir doch nicht so blöd, so etwas wie einen nativen Adblocker in unsere Seite zu bauen. Überraschung. Stattdessen haben wir uns sehr lange und ausgiebig Gedanken machen und viele viele viele Zeilen Code schreiben müssen, um zwei komplett konträre Systeme: eine moderne responsive Website und völlig antike pixelgebundene Bannerwerbung so miteinander zu verbinden, dass es für Werbekunden und Nutzer gleichermaßen funktioniert.

Was also in Wahrheit passiert ist, dass auf ZEIT ONLINE je nach Gerät, Browser- oder Bildschirmgröße die passenden Ads geladen werden und zwar zum Zeitpunkt des Ladens. Verändert man die Fenstergröße, werden diese geladenen Ads mitunter ausgeblendet, damit sie nicht das sich an die Umgebung anpassende Design zerstören. Damit sind sie natürlich keinesfalls geblockt. Inzwischen könnten wir an diesen Stellen passende Ads on the fly nachladen, aber darauf haben wir erstmal verzichtet, weil wir es tatsächlich nicht für den häufigsten Anwendungsfall halten, das Leute ihr Fenster auf und zu machen.

Das alles sind natürlich nur Kompromisse. Leider gibt es noch so gut wie keine responsiven Ads auf dem deutschen Markt, eher nur zwei Formen, desktop und mobile. Und ebenso schlimm ist, dass es so viel aussen liegende Werbung gibt (Walppaper, Fireplace), die die Maximalbreite einer Seite plump einschränken. Und dann ist das alles natürlich auch noch fehleranfällig, es konnten nicht alle Werbeplätze eins zu eins übernommen werden und und und. Allerdings sind uns die Kollegen von der werbeschaltenden Zunft auch schon ein paar Schritte entgegen gekommen, bspw. durch endlich nicht mehr blockende Ads: es kommt also erst der Content, dann die Werbung. Das schon angesprochene Nachladen von Ads ermöglicht uns endlich wieder bedienbare Bildergalerien.

TL;DR: Wer also Werbung auf ZEIT ONLINE nicht sehen will, der kann nach jedem Seitenload schnell die Größe seines Browserfensters ändern und währenddessen solange wonaders hinschauen. Blocken tut er damit aber nichts, ausser vielleicht den eigenen Lesegenuss…

Post-Launch-Depression

Die Post-Launch-Depression (PLD) ist eine unter Webentwicklern bekannte psychotraumatische Erfahrung, die den Entwickler gerne in jenem Moment kurzer Unaufmerksamkeit von hinten anfällt, wenn er gerade eben das Produkt, an dem man viele Monate gearbeitet hat, in die Freiheit entlässt. Schwierigkeiten bei diesem Ereignis, wenn also das Baby nicht so richtig ans Licht der Welt will und sich lieber im Server zu verkriechen sucht, bereiten für die PLD das Terrain besonders gut vor. In diesen Momenten ist der Entwickler besonders angreifbar.

Symptome der PLD sind unter anderem eine geistige Abkopplung des Entwicklers von seinem Produkt. Es gehört ja nun auch nicht mehr ihm (und seiner Gilde) alleine, viel mehr muss er es nun mit der breiten und mithin undankbaren Masse von Nutzern teilen, die sich allesamt allerhöchstens für das Aussehen interessieren, oder das auch alle Knöpfchen schön pling pling machen und am allermeisten eigentlich dafür, dass zwar alles neu und modern sein soll, dem Grunde nach sich aber nichts verändern soll. In einem Jahr Entwicklungszeit hat der Entwickler derart viele Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Situation erlebt, dass er der Bipolarität der Nutzermasse nur höchst gleichgültig gegenüber steht, was dann schon eine Ausdruck der PLD ist, denn er hat ja ein Jahr oder länger für die Nutzer gekämpft. Hunderttausend Details bleiben aber natürlich immer nur Details und die werden dort draussen selten betrachtet. Aber auch schon die Formulierung „dort draussen“ deutet auf eine schwere PLD hin. In einer recht aufwendigen Differentialdiagnose muss die PLD übrigens gegen andere in dieser Phase auftretenden Entwicklerkrankheiten wie der akuten Unlust, dem Teamstockholmsyndrom und dem *designerium homicerium“—der Lust Designer zu ermorden—abgegrenzt werden. Ein Zusammentreffen von PLD und Teamstockholmsyndrom ist übrigens keinesfalls unüblich, ganze Teams oder Abteilungen sind schon so der PLD zum Opfer geworden. Hier ist äußerste Vorsicht geboten und die Erkrankten sind in eine strenge Quarantäne—auch bekannt als Überstundenausgleich—zu nehmen.

Was hilft jedoch gegen die PLD? Wenn sie erst mal eingetreten ist leider nicht mehr so viel. Dann hilft nur warten, den Entwickler mit neuen Projekten (aber nichts Wichtiges bitte, die Gefahr des Scheiterns ist in dieser Phase hochprozentig) zu zuschütten und vor allem Alkohol. Am besten feiert man den geglückten Launch zwischen vier und sechs Mal und achte dabei darauf, die Entwickler ordentlich mit Bier und Champus abzufüllen. Danach sollte das PLD nach ca. vier bis sechs Wochen langsam abklingen. Ebenfalls als hilfreich haben sich agile Entwicklungsmethoden erwiesen. Der moderne agile Prozess an sich kennt ja keinen Launch, allenfalls den permanenten. Wenn sie es schaffen, am Tag nachdem ihre Website endlich online gegangen ist, so zu tun als wäre nichts passiert—einfach ganz normal ein daily machen—dann bemerkt Entwickler frühestens in der nächsten Review, dass sich irgendetwas verändert hat. Wenn dann die Retro geschickt um zwei, drei Wochen verschleppt wird, ist der Entwickler schon wieder viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um der PLD anheim zu fallen.

Landesverrat

Gestern hat Bundesstaatsanwalt Range ein Strafverfahren gegen zwei Journalisten (und ihre Quellen) von netzpolitik.org (die Seite ist derzeit regelmäßig überlastet) eingeleitet. Der Vorwurf lautet Landesverrat § 94 StGB und bezieht sich auf die Veröffentlichung geheimer Dokumente, die belegten, dass der Verfassungsschutz 2,75 Mio. Euro aus geheimen Haushaltsfonds für die Erweiterung der Massendatenerfassung einsetzen will bzw. einsetzt. Anzeige hat der Präsident des des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans Georg Maaßen gestellt. Das Echo in den Medien und in den sozialen Netzwerken ist ohrenbetäubend.

Aber, was ist das denn eigentlich Landesverrat? Der § 94 des Strafgesetzbuches bildet die Kerntätigkeit der Spionage ab. Er stellt den Verrat eines Staatsgeheimnisses, welches in § 93 StGB definiert wird, unter Strafe. Ein solches Staatsgeheimnis sind Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sind und vor einer fremden Macht geheim gehalten werden müssen, um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. Damit es ein Landesverrat wird, muss man ein solches Geheimnis einer fremden Macht oder deren Mittelsmännern mitteilen (die klassische Spionage), oder es sonst an Unbefugte gelangen lassen oder öffentlich machen (whistleblowing im heutigen Sinne), allerdings um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen. Weiterhin muss dadurch noch die äußere Sicherheit der Bundesrepublik in Gefahr geraten. Die Strafandrohung ist Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr (womit es sich um ein echtes Verbrechen handelt).

Trotz allem Juristendeutsch ist § 94 doch recht eingängig formuliert. So ist die klassische Spionage zum Beispiel eher zu bestrafen, als das Veröffentlichen eines Geheimnisses, da bei letzteren noch die Absicht vorliegen muss, die Bundesrepublik zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen. Und bei allem muss auch noch die äußere Sicherheit des Republik in Gefahr sein. Man braucht nicht viel Fantasie, um allein schon diese Punkte im Falle von Netzpolitik eindeutig zu verneinen. Aber das ist natürlich auch eine politische Frage und eine Frage der Auslegung.

Wenn wir davon ausgehen, dass dem BfV-Präsidenten die Idee, Netzpolitik anzuklagen nicht gerade auf dem Klo oder nach einem Besäufnis in der Kantine des Bundesamtes eingefallen ist, können wir aber annehmen, dass er in seiner Anzeige sehr genau ausgeführt hat, worin er die Gefahr für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik sieht. Und auch die Bundesanwaltschaft wird dazu etwas zu sagen haben, denn sonst wäre die Einleitung des Verfahrens an sich schon lächerlich. Ich weiss natürlich nicht, ob der Bundesstaatsanwalt nicht per se Lust daran verspürt, sich und seine Behörde lächerlich zu machen. Kann ja sein.

Leider sind die Herren nicht so dumm, wie sie sich in der Öffentlichkeit darstellen, insofern muss noch etwas mehr dahinterstecken, einen derartig vorhersehbaren Mediensturm zu entfachen. Die Hoffnung oder Berechnung könnte sein, dass sich im Laufen eines (wenn auch sinnlosen) Verfahrens, Zugriff auf die Quellen von Netzpolitik erlangen lässt, dies könnte sogar das Hauptziel des Verfassungsschutzes sein: das Leck offen zu legen. In dem Fall liesse sich der Bundesstaatsanwalt vor den Karren spannen. Eine Diskreditierung von Netzpolitik, wie sie seinerzeit Franz-Josef Strauss beim Spiegel im Sinn gehabt haben mag, kann es wohl nicht sein, denn es ist offensichtlich, dass man in der heutigen Zeit mit einer solchen Anklage das genaue Gegenteil erreicht. Wohl aber kann das Verfahren eine teure Sache für die Kollegen von Netzpolitik werden, vielleicht erhofft man sie so zu beschäftigen, um weitere Berichterstattung zu verhindern. Und zu guter Letzt ist es natürlich ein Zeichen an alle anderen Whistleblower, dass die Geheimdienste bereit sind, die Mittel auszuschöpfen, um weitere Öffentlichkeit zu vermeiden.

Das ist also die Situation in diesem Land, Stand 2015: während sich die Verfassungsschützer damit beschäftigen, das Volk auszuhorchen und zu überwachen, und sich Politik und Bundesstaatsanwalt außer Stande sehen, gegen die Massenüberwachung durch die amerikanische NSA etwas zu tun, welche vom Bundesnachrichtendienst noch unterstützt wird, werden gleichzeitig Blogger, Journalisten und Whistleblower, die sich an der Öffentlichmachung all dieser Dinge beteiligten, mit Verfahren überzogen, um sie mundtot zu machen. Es wird immer eindeutiger, dass Politik, Geheimdienste, Exekutive und Justiz gemeinsam handeln, um eine lückenlose Überwachung des Volkes zu installieren, oder schon installierte Überwachungsinstrumente zu schützen. Dabei ist man sich nicht zu schade, politisches Porzellan tonnenweise zu zerbrechen, um jene abzuschrecken, die sich mit Transparenz gegen diese Ziele stellen und aktiv werden.

Wer killt hier eigentlich wen?

Performance, performance, performance. Als Webentwickler mit Verantwortungsbewusstsein reisst man sich ja seit Jahren den Arsch auf, um hier und da noch ein paar Bytes einzusparen, die Requests zu reduzieren, die Downloads zu beschleunigen und wenn alles nichts hilft, das Rendering so zu optimieren, dass wenigstens die gefühlte Geschwindigkeit stimmt. Ich habe kiloweise Artikel dazu gelesen, Vorträge gesehen, verlinkt, selbst gehalten, wie alle meine Kollegen. Und das alles stecken wir in die tägliche Entwicklung, reviewen uns gegenseitig und treten gegenüber Designern, PO und Stakeholdern permanent als die Warner und Mahner auf, Bedenkenträger by profession, alles um am Ende ein paar Millisekunden Speed herauszuholen.

Eigentlich können wir uns das aber auch schenken. Vergessen. Unsere Lebenszeit besser einsetzen. Denn es bringt alles nichts. Ist nutzlos, vergebene Liebesmüh. Auf die Idee könnte man zumindest kommen.

Denn wenn die möglicherweise hochperformante Website dann live ist, wird sie zugeballert von eine ganzen Phalanx von Trackingskripten, Werbeeinbindungen und Bannerwerbungen, die alle das Erstladerecht für sich beanspruchen und gefühlt von Leuten programmiert werden, die wahlweise keine Ahnung haben oder auf Performance täglich ihre Notdurft verrichten, einfach nur so, weil sie es können. Lese ich auch beim Guardian, Ad tech is killing the online experience, dessen Website natürlich ebenso mit Werbung zugekleistert ist:

[R]eally it’s not the website’s fault, since to a very large degree the owner of the website you’re visiting doesn’t actually control what you see, when you see it, how you see it, or even whether you see it. Instead, there are dozens of links in the advertising-technology chain, and every single one of them is optimising for financial value, rather than low-bandwidth user experience.

Da ist viel dran: denn neben dem Betreiber weiss natürlich auch der Techniker einer Website nicht, was werbemäßig passiert. Ist eine Website erstmal vermarktet, gibt es dort Bereiche, auf die deren Betreiber nur in sehr kleinem Maße noch Einfluss hat. So ist die Technik. Aber auch der Betreiber des Adservers von dem die Werbung eingespielt wird, zuckt regelmäßig mit den Schultern. Denn dort sind schon lange keine echten Ads mehr eingebucht, sondern wieder nur Links und Weiterleitungen zu anderen Adservern, Agenturservern, irgendwelchen Servern, die zumeist auch selbst wieder irgendwohin weiterleiten. Und jeder bringt noch schnell seinen eigenen Tracker mit. Deswegen kann man beispielsweise gar nicht sagen: wir haben drei/vier/fünf Tracker auf der Seite, da man nicht wissen kann, was noch dazu kommt, je nach ausgespielter Werbung. Nochmal der Guardian:

Web-based articles, these days, are increasingly an exercise in pain and frustration. In many ways, the experience of reading such things is worse today than it was in the early days of dial-up internet. Because at least back then web pages were designed with dial-up users in mind. […] Today, by contrast, everything is built for a world where everybody has a high-bandwidth supercomputer in their pocket.

Obwohl wir natürlich alle tatsächlich einen Supercomputer in Hosentasche mit uns herum tragen. Ein iPhone6 beispielsweise ist heute genauso leistungsstark, wie ein 11 Zoll MacBook Air von vor ein paar Jahren. Nur, warum funktionieren Webseiten dann darauf nicht besser? Bei The Verge hat man dafür die Hersteller von mobilen Browsern als Schuldigen ausgemacht, The mobile web sucks:

But man, the web browsers on phones are terrible. They are an abomination of bad user experience, poor performance, and overall disdain for the open web that kicked off the modern tech revolution.

Wobei lustig ist, dass die Website von The Verge nicht gerade eine Performance aus dem Bilderbuch abliefert. Auf der Seite meldet Ghostery 26 (!) Tracker, sie zu laden hat bei mir eben lange acht Sekunden gedauert. Am Desktoprechner wohlgemerkt. Wie alle werbefinanzierten Seiten eben.

And yes, most commercial web pages are overstuffed with extremely complex ad tech, but it’s a two-sided argument: we should expect browser vendors to look at the state of the web and push their browsers to perform better, just as we should expect web developers to look at browser performance and trim the fat. But right now, the conversation appears to be going in just one direction.

Hervorhebung von mir. Naja. Ob das so stimmt? Also zumindest im Falle Apple muss man sich schon fragen, warum es mit der Entwicklung des Safaris nicht so richtig voran geht, ob vielleicht sogar die Aussagen zutirfft Safari is the new IE.

They never send anyone to web conferences, their Surfin’ Safari blog is a shadow of its former self, and nobody knows what the next version of Safari will contain until that year’s WWDC. In a sense, Apple is like Santa Claus, descending yearly to give us some much-anticipated presents, with no forewarning about which of our wishes he’ll grant this year. And frankly, the presents have been getting smaller and smaller lately.

Auffällig allerdings, dass Apple zuletzt sowohl ein Adblocking für iOS9 ankündigte, als auch den Start einer eigenen Newsapp. Für letztere stellen sie sogar Journalisten ein. In die gleiche Kerbe schlägt Facebook mit seinen Instant Articles, auch wenn diese immer noch nicht in ernstzunehmender Zahl stattgefunden haben. Fakt ist: Apple und Facebook wollen in Zukunft immer mehr Newskonsumenten in ihre walled gardens locken.

Ich will ja nicht schon wieder The End Of The World As We Know It verkünden, mache mir aber doch Sorgen, ob es nun mit dem Umbruch weg von adfinanzierten Modellen zu noch in den Sternen stehenden Finanzierungsmöglichkeiten nicht etwas schnell geht. Zumal da doch noch einiges drin wäre, würde sich nur mal jemand bewegen. Die Webwerbebranche müsste sich gehörig ändern, um Strukturen zu entwickeln, die in dieser Gemengelage konkurrenzfähig wären. Ist ja nicht so, dass man an den völlig veralteten Bannereinbindungen nicht noch viel an Performance raus zu holen ist. An responsive webdesign will ich dabei noch gar nicht denken, obwohl das natürlich auch Pflicht wäre. Ein kleines Beispiel gefällig?

Gleichzeitig muss man natürlich immer und immer wieder die Frage nach den Alternativen stellen. Denn, angenommen, man will seine werbefinanzierte Website weiterbetreiben, was sollten man denn verkaufen, wenn es mit Werbung nicht geht und mit Bezahlschranken nicht klappt? Ja, was?

Flash ist tot

Wie The Verge berichtet, blockiert in Zukunftder Firefox Browser von nun an standardmäßig Flash auf Webseiten und Facebook hat verkündet es nun endgültig killen zu wollen.

Seit durch den Hacking Team Hack eine noch unabsehbare Zahl von 0-Day-Lücken in Flash an das Licht der Öffentlichkeit geraten ist und klar ist, welchen Stellenwert Flash in der Blackhat- und Überwacher-Sphäre einnimmt, als Tool gegnerische (also unsere) Rechner zu übernehmen und auszuhorchen, werden allenorten Anleitungen verbreitet, wie man Flash auf dem eigenen Rechner deaktiviert (oder zumindest erst auf Klick ausführbar macht). Zur eigenen Sicherheit sollte man dies dann auch tatsächlich tun.

Die Sache hat natürlich auch einen Haken und zwar einen wirtschaftlichen: ich würde mal schätzen das mindestens 50% der Banner- und Onlinewerbeindustrie in der Hauptsache auf Flash setzt, wie immer ist man dort mit der Entwicklung weit dem eigentlichen Standard hinterher. Wenn aber von gestern auf heute Flash allenorten deaktiviert wird, wird dadurch allenmöglichen Webseiten nicht nur schneller, sondern auch deutlich ärmer.

Warum Flash noch flächendeckend in der Werbeindustrie eingesetzt wird, wider besseren Wissens? Zunächst mal, weil es so schön einfach zu verbreiten ist und pixelgleiches Aussehen, der heilige Gral der Werbung, auf allen Plattformen verspricht. Da sind HTML5-Ads in der derzeitigen Ausbaustufen noch das genaue Gegenteil, denn dort hat man natürlich mit den üblichen Browsertücken zu kämpfen, wie bei der täglichen Webentwicklung. Und der Einbau ist auch nicht gerade einfach. Das führt dazu, dass es einfach mehr kostet, ein HTML5-Werbmittel zu bauen. Und Kosten scheuen die Werbe- und Mediaagenturen natürlich, denn alle Betriebskosten gehen letztendlich von ihrem Gewinn ab. Und Gewinne werden dort mit jährlichen Bonizahlungen vergütet, also entscheidet sich jemand der Werbung platzieren will für den Anbieter, der die billigen Flashwerbemittel zulässt und nicht das teure HTML-Zeug.

Aber. Flash. Ist. Böse. Das ist nun zweifelsfrei bewiesen. Und da nun die Browserhersteller und sogar Facebook (oha, Facebook!) Fakten schaffen, wird sich schnell etwas bewegen müssen. Endlich.