Wie mich ein Lumia rettete

Während eines Umzugs kommt einem Mobiltelefon, ob nun smart oder nicht, eine sehr ursprüngliche Bedeutung bei, als die letzte Möglichkeit zwischen Abmelden an einem und Aufschalten an einem anderen Ort, Kontakt zur Außenwelt zu halten, sei es telefonisch oder eben per Netz. Offline sein kommt mir per se schon suspekt vor, in so einer wichtigen Situation eher lebensbedrohlich.

Mein Nexus 5, rund zwei Jahre hat es klaglos seinen tagtäglichen Dienst versehen, fiel nun genau in diesem verletzlichen Moment zwischen zwei Wohnungen aus. Erst fiel das Mikrofon aus und man konnte mich bei Telefonaten nicht mehr hören (das ist auch eine selten dämliche Situation). Irgendwann weiteten sich die Probleme auf das Display aus und irgendwann ging es einfach aus. Ende.

Das freundliche Internetkaufhaus von nebenan hatte mir vor Monaten mal ein Microsoft Lumia 532 zum Testen geschickt. Seinerzeit hatten mir eigentlich nur der Kampfpreis und die Dual-Sim-Fähigkeit zugesagt, alles andere fand ich grauenvoll, allen voran der (dem Preis geschuldeten) katastrophale Bildschirm. Aber in der Not nimmt man ja bekanntlich alles.

lumia

So rund einen Monat habe ich also ein superbilliges Microsoft Handy genutzt und irgendwie haben wir uns doch angefreundet. Zunächst Mal ist das Bedienkonzept wirklich nicht das schlechteste. Die Tiles, vor allem jene, die echte Informationen anzeigen, bspw. Wetter o.ä., sind wirklich praktisch. Und man kann sie so schön immer wieder neu anordnen. Das habe ich recht exzessiv betrieben. Und die Appsituation hat sich für mich entschieden geändert: die Twitter-App wurde erträglich, ich fand die Netflix-App, es gibt eine Slack-Beta und was wirklich wirklich wichtig war in der Telefon-geht-plötzlich-kaputt-Situation (the Bonnie situation part 2), es gibt von M$ selbst eine TOTP-App (Time-Based One Time Passwort) mit der ich meine Zwei-Faktor-Authentifizierungen durchführen kann.

Und mal ehrlich: das Teil kostet 79 Euronen und kann zwei SIMs bedienen. Warum kann das Apple nicht? Warum?

Da ist es ja fast schade, das völlig überraschenderweise das Windows Phone tot ist. Weltweit hat Microsoft im letzten Quartal  nämlich bloss viereinhalb Millionen Lumias verkauft und es geht seit Dezember 14 nur noch bergab. Und ich verstehe das sehr gut, denn wer schon einmal ein Nexus hatte und vorher iPhones… der kriegt wirklich die Krise, vor allem wegen des echt langweiligen Ökosystems um die Microsoft-Telefone. Aber: oben ist eine Nutzungssituation beschrieben, diese Nische hätte M$ ohne weiteres besetzen können. Man kann mit den Dingern (und hier nochmal der Preis) für 79 EURO echt prima Telefonieren, SMSen, WhatsAppen, Spotify hören und Netflix schauen, Mails schreiben (ein Hoch auf die Microsoft Softtastatur, die es bald auch für iOS geben wird) und eben sich damit auch authentifizieren. Das ist sozusagen die unter Linie der Mindestanforderungen an ein Smartphone, auch wenn M$ den Preis etwas erhöht, also die unglaubliche Subvention etwas zurücknimmt.

Für mich ist das Lumia nun nur noch Zweitphone, ich habe wieder ein Firmenhandy von Apple (mit Nexus bin ich nun offiziell durch), weil ich eben wesentlich höhere Anforderungen an ein Telefon habe und es eben auch mit meinen restlichen IT-Ökosystem verbinden will und muss. Aber für meine Eltern bspw. die sich mit ihren Androidgeräten wirklich herumschlagen, wäre Lumias wirklich wirklich die bessere Wahl gewesen.

[Ich dachte ich schreib mal auf, dass mich etwas aus dem Hause Microsoft irgendwie begeistert hat.]

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.

6 Gedanken zu „Wie mich ein Lumia rettete“

  1. Auch wenn ich nicht als der größte iOS-Fan aller Zeiten bekannt bin, habe ich mich mit Android (bei mir allerdings auf dem Nexus7) schon vom ersten Tag an nicht anfreunden können, aber noch gar nicht so genau verbalisieren können, warum eigentlich. Ich glaube, „uneinheitliches Bedienkonzept“ ist ein ganz wichtiger Grund. Und Android (und die Apps dafür) geben mir viel mehr das Gefühl, dass sie kostenlos/billig sind, weil die auf was anderes scharf sind (ok, Apple ist auf die Kohle und was anderes scharf, aber ich hab nicht das Gefühl 😀 )

  2. Muss ich jetzt auch was über das Surface Pro schreiben? 😉

    Aber im Ernst – das UI bzw die UX (formerly known as Metro) hat mir schon immer gut gefallen. Auf dem Desktop funktioniert sie nur bedingt (hello Win8), aber auf Telefonen finde ich die Anmutung sehr positiv. Und es ist halt auch klar und einfach strukturiert – da ist es deutlich näher am Komfort von Apple dran als das „zweiunddrölfzig Wege führen nach Rom“ Android.

  3. Ich hab ja inzwischen seit zweit Jahren ein Lumia 925 im Einsatz, das zugegebener Weise mehr als 79 Euro gekostet hat und bin damit super zufrieden, u.a. genau wegen dem, was Du als Schwächen betrachtest: Der praktisch nicht vorhandene App-Markt. Ich hatte das Handy das erste halbe Jahr nicht einmal mit einer Kreditkarte verknüpft, konnte also gar keine Apps installieren. Und die letzte App, die ich instaliert habe, war ein ePub-Reader, letzten Sommer im Urlaub. Telefonieren, Simsen, Email, Photos, Kalender, Wetter, Karten … alles schon drin und vor allem anderen: wirklich, wirklich schön. Ich geniesse das aufgeräumte UI jede Tag und rätsele immer noch, warum Apple da sooo weit hinterher hinkt. Wichtigster Grund aber, dabei zu bleiben, ist die grandiose Kamera von Zeiss und die noch grandiosere Kamera-App von Nokia. Jetzt wo ich ständig eine kleine Giraffe zu photographieren habe, ist jedes gute Bild ein Schatz von unermesslichem Wert.

  4. Achso ja, und … keine Apps: Super! Das wollte ich ja noch sagen. Mein Handy ist halt für mich kein Zeitvertreib, oder Unterhaltungs- oder Bildungsmedium sondern reines und (bis auf die Kamer) so selten, wie möglich genutztes Werkzeug.

  5. Und hier ein Bild des Telefons, dass Du eigentlich brauchst: http://www.oebl.de/C-Netz/Geraete/Siemens/C1/C1k.JPG

    Aber mal im Ernst… bis auf Netflix (das ich auf einem Telefon mit einem solchen Bildschirm sowieso für nicht dringen notwendig halte) ging es mir keineswegs um Zeitvertreib. Wenn einem das Smartphone plötzlich weg_brick_t, ist es ja nicht das Bejeweled Classic, dass man vermisst. Bei mir waren es vor allem Sicherheitsmechanismen (2-Factor, Onlinebanking-Auth), die mit einem Male wegbrachen (für die es zum Glück Fallbacks gab). Das hat nur sehr mittelbar mit Freizeitgestaltung zu tun.

  6. Ach so … ich glaub da haben wir uns missverstanden. Ich wollte ja nicht sagen, dass Du Dein Handy für Deine Freizeitunterhaltung nutzt. Ich wollte nur Deiner Aussage, dass die Lumia Welt nix ist, weil’s keine Apps gibt nur entgegensetze, dass das sehr wohl auch geht und zu handhaben ist.

    Die Diagnose des Handies als Zeitvertreib gilt ja eher für den Rest der Republik.

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