Immer an der Wand lang

Ich muss mal zwischendurch eine kleine Pause vom Benblogging machen und auf diesen wunderbaren Artikel meines Kollegen Arne Seemann hinweisen. Arne hatte ihn seinerzeit erfolglos beim Offscreen Magazin eingereicht, was ich für eine schreiende Ungerechtigkeit halte. Das Abo, dass wir für’s Büro abgeschlossen haben, können wir gleich wieder kündigen.

While working in the digital realm, everything seems moldable, changeable, inter-changeable. It’s a marvel of constant challenge and a great place to work. But at the same time, the product of our work in the digital is never done. It is released, but it’s never quite finished. There’s always something that can be tweaked, something that can be achieved more elegantly. If not now, then at least in a few weeks worth of time, when technology has changed and the new possbilities have arisen. It’s the challenge of flux.

Arnes Text—und ich mag mir nicht vorstellen, wie lange er daran gefeilt haben mag, allein schon um bestimmte favorisierte Formulierungen darin unter zu bringen—fängt ein Gefühl ein, das ich teile, nur in letzter Zeit zu faul bin, es mir selbst gegenwärtig zu machen. Vielleicht sollte ich mir wirklich mal ab und an einen Whiskey einschänken, das scheint zu helfen. Sláinte!

Gregor Gysi?

Berlin, PDS-Wahlparty, Hans Modrow, Gregor Gysi

Ich bin mit meinem Benblogging-Projekt ein wenig in den Rückstand geraten und das liegt an Bensens Gregor Gysi Artikel. Ich quäle mich seit Tagen, meine Erinnerungen an eine turbulenten Zeit meines Lebens zu ordnen und meine innere Beziehung zu Gregor Gysi zu klären.

Ich bin immer ein Fan von Gregor Gysi als Redner und Agitator gewesen, war aber 1994 noch in gänzlich anderen Partei- respektive Organisationszusammenhängen organisiert, eine Wahl der PDS kam für mich 1994 noch nicht in Frage. Stattdessen war ich SPD-Mitglied und Funktionär bei der Sozialistischen Jugend. Natürlich war ich, in meinem teils anarchisch geprägtem, teils traditionellen Linkssein in der Partei völlig isoliert, und ich war gerade dabei einzusehen, was für ein konservativer Haufen sich da auf die selben Arbeitertraditionen berief wie ich. Meine Partei war gerade durch den Rücktritt Engholms und dem ätzenden Dauerstreit der sogenannten Troika aus Scharping (als Kanzlerkandidat, lautes Lachen aus dem Off), Lafontaine und Schröder innerlich so geschwächt, dass man es schaffte, den sicher geglaubten Sieg über Helmut Kohl und seine blühenden Landschaften, noch auf der Zielgeraden zu verspielen.

Wie eine Partei funktioniert, oder wie eben nicht, sieht man ja auch heute sehr schön, die Basis will etwas… dadurch ist aber noch lange nicht gesagt, dass es auch kommt.

Schlussfolgerung für mich war, dass Parteien, egal welche, als Organisationsform kaputt und überholt sind. Und so sehe ich das bis heute. Da hat Gregor Gysi für mich nie eine Ausnahme gebildet und an ihm hängt eine Partei, wie eine riesige Leiche im Keller, die ich nicht ignorieren kann.

Ich hab‘ damals die PDS gewählt. Wegen Gregor Gysi. Und weil sich die Spießer in meinem Jahrgang so herrlich darüber aufgeregt haben.

Ich gehe trotzdem Wählen, weil ich nicht möchte, das meine Stimme irgendwem zugeschlagen wird und so habe ich schon viele Male Die Linke(n) gewählt, eben um links der SPD zu wählen, oder weil sie die Einzigen waren, die gegen Kriege gestimmt haben, oder auch kommunal weil ich zwei nette Nachbarn hatte, die sich dort organisiert hatten. Inzwischen aber gibt es ja endlich eine Partei, die das repräsentiert, was ich von unserem Parteiensystem so halte.

Beitragsbild: CC BY-SA 3.0 de, Bundesarchiv

In Memoriam

Ben’s Nachrufe aus der Reihe In Memoriam regen mich oft etwas auf zum Nachdenken an. So auch gestern. Der Nachruf als journalistisches Erbgut wird durch den stringenten Aufbau persifliert und quasi ad absurdum geführt:

  • Titel, der allermeistens ein bestimmtes Attribut des Verstorbenen hervorhebt
  • Foto
  • einziger Text: [Name des Verstorbenen] ist tot.

Das trifft einerseits als Satire auf die journalistische Lobhudelei, die zumeist schon in den Giftschränken oder Rollcontainerschubladen der Redaktionen seit Jahren herumlungern, voll ins Schwarze. Vielleicht ist es sogar richtig, so zu reagieren, denn mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen: Pierre Brice, Leonard Nimoy, Fuchsberger… alle tot und es gibt eigentlich keinen Grund, gerade an ihrem Todestage mehr über sie festzustellen als diese Tatsache. Lobhudeln hätte man ja nun auch an jedem anderen Tag machen können.

Das habe ich jetzt mal da so rein interpretiert.

Trotzdem fehlt mir irgendwas. Ich denke oft, hier sollte neben der Persiflage noch ein wenig mehr Information mitkommen, dem Blogumfeld gemäß natürlich ein Link zu einem interessanten, schönen oder auch kontroversen Artikel, Video oder ähnlichem. Bei Pierre Brice hätte das vielleicht dieses fragwürdige Interview sein können, also etwas, was die Person näher beleuchtet, den Gedanken weiterführt, die Nachrufkultur irgendwie extended. Weil man muss wirklich keinen Nachruf bringen, aber darf doch gerne ein kurzes (Ge-?) Denken anregen, finde ich.

…der siebte Artikel meines Benblogging-Projektes. Was soll’n das?.

Snowden Day

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Zum zweiten Snowden Day möchte ich Ben zitieren:

Wir leben noch im 20 Jahrhundert. Die Stasi arbeitet noch, die Gestapo verichtet noch immer ihren Dienst. Es hat keine bedingslose Kapitulation, keine Befreiung, keine Entnazifizierung, keine Wende gegeben. Wir sind nicht das Volk.

Wir sind nicht das Volk.

Wir sind nicht das Volk.

Das ist schon der sechste Artikel meines Benblogging-Projektes. Was das soll, steht hier.

Wenn die Nacht am tiefsten

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Hannes Waders „Trotz alledem“ gehört zu meinen Arbeiterliederevergreens (sic!) seit den ersten Jugendzeltlagern mit den Falken. Ich mag das Lied und Hannes Wader noch mehr. Matthias Richels Aufruf an die Genossen den kleinen Parteitag am 20. Juni allerdings offenbart nicht nur die letale Krankheit der SPD, sondern im Grunde der ganze Demokratie. Wer hat uns an diesen Abgrund manövriert, an dem es tausend Kilomter steil bergab geht Richtung 1984 und alles was zwischen uns und dem Beginn des endgültigen Verlusts der Freiheit steht, ist ein Parteikonvent der SPD und vielleicht das Bundesverfassungsgericht? Wie erbärmlich ist das alles?

Der alte Text von „Trotz alledem“ handelt ja davon, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird. Und so auch Waders Version von 77. Es war ja viele viele Jahre guter Glauben, in linken Kreisen, dass am Ende, quasi unausweichlich, wenn man nur brav seine Arbeiterlieder singt und sich am ersten Mai die Kante gibt, die Revolution auf jeden Fall kommen wird und dann siegt, trotz alledem. Das mag sein, es mag aber auch sein, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt, im hier und jetzt, weiter von diesem Zeitpunkt enfernt sind, als jemals zuvor. Heute singt Wader das anders:

Wenn das System auch fault und stinkt
Weiss doch kein Mensch – trotz alledem
Wann es in sich zusammensinkt
Mächtig und zäh – trotz alledem
Kann es noch eine Weile fortbesteh’n
Doch sollte es zu lang so weiter geh’n
Könnte, was danach kommt, sogar
Noch schlimmer sein – trotz alledem

Ich habe das Netz lange als Möglichkeit gesehen, dem Volk gegenüber der Macht den entscheidenen Vorteil zu geben, weil wir wussten es zu nutzen, uns darin zu artikulieren und dort zu verstecken. Doch wir haben unseren zeitlichen Vorsprung nicht genutzt, haben es versäumt, die Pflöcke einzuschlagen, das dem Netz seine Freiheit garantiert hätte, stattdessen haben wir Katzenbilder verschickt. Nun schlägt die oben kursivte Macht mit aller Gewalt zurück, hat gelernt, wie das Netz funktioniert und nutzt es für seine Zwecke. Wie geht es weiter, trotz alledem?

Es gibt Leute die sagen, das Netz sei eben genauso, würde immer einen Weg zur Freiheit finden, ob Umweg oder Abkürzung ist egal, aber am Ende wird es siegen. Und ich bin bereit, das zu glauben, wenn man den Gedanken mit dem Verve aus „Trotz alledem“ kombiniert, denn: nur im Netz siegen wird nicht reichen. Aber dann kann es vielleicht irgendwie klappen. Trotz #vds und alledem, trotz SPD unf alledem.

Hierzu sei ein anderer meiner Agitprop-Helden zitiert:

Manchmal bin ich kalt und schwer wie ein Sack mit Steinen.
Kann nicht lachen und auch nicht weinen.
Seh keine Sonne, seh keine Sterne,
und das Land, das wir suchen, liegt in weiter Ferne.
Doch ich will diesen Weg zu Ende geh’n,
und ich weiß, wir werden die Sonne seh’n!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.
[Rio Reiser, Ton Steine Scherben]

Dies ist inzwischen der fünfte Artikel meines Benblogging-Projektes.