Besuch in Auschwitz

Heute, vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit.

Ich war in den Neunzigern mit einer Jugendgruppe zu Besuch in Auschwitz und Birkenau.

Solch ein Besuch teilt sich ganz automatisch in zwei Abschnitte. Man besucht zunächst das Stammlager, eine Art Gefängnisbau, mit Klinkerbauten und dem allseits bekannten Eingangstor. Man macht ein Führung mit, während dieser man von Wohnblöcken über Zellenblöcke vorbei an Tausenden Brillen, Koffern, Schuhen zu dem kleinen Krematorium kommt. Hier wähnt man sich am Maximum des Erträglichen angekommen. In der Nachschau jedoch ist das Unfassbare noch vergleichs- und iritierenderweise fassbar.

auschwitzbirkenau

Und dann fährt dich der Bus nach Birkenau. Hier wirst du am Eingangstor abgesetzt und dir selbst überlassen. Du gehst die Rampe hinauf, die Rampe jenes Güterbahnhofs, auf dem die Selektion stattfand. Es beschleicht dich ein seltsames Gefühl. Viele gehen den Turm über dem Eingangstor hinauf, weil er am nächsten ist. Und dann sieht man es, es liegt vor einem. Der. Komplette. Schrecken. In dem Moment, in dem du die Ausmaße dieses Lagers begreifst, dort oben auf diesem Turm siehst du es, alles was sie getan haben, die ganze verdammte Dimension.

Ich vergesse diesen Moment niemals in meinem Leben.

2 Gedanken zu „Besuch in Auschwitz“

  1. Lieber Nico, ich bekomme schon Beklemmungen, wenn ich Deine Sätze hier lese. Ich war nie dort, ich bin nie diese Rampe hinaufgegangen. Es gibt Orte, an denen etwas weiterlebt, was wir nicht begreifen können. Das spüren wir einfach. Ich stelle mir die vielen Mütter mit ihren Kindern vor…, fragend, hilfesuchend, verzweifelt… Väter, die vor ihrer eigenen Ermordung nicht einmal wissen konnten, ob ihre kleine Tochter, die Frau, die Mutter noch lebt. Die Momente unendlicher Scham, Macht- und Würdelosigkeit. Alle Zivilisation, alle Moral, alle Menschlichkeit verloren – in einem Lager mitten in unserer Mitte… Wie dankbar wir heute für diese Erfahrung dieses Leids sein müssen, wir werden es nicht zulassen, dass solch ein Grauen wieder menschliche Gestalt annimmt. Gestorben sind sie vollkommen ohne Sinn – wir können diesem Grauen einen Sinn geben, in dem wir keine einzige dieser armen Seelen vergessen und mitfühlend sind.

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